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Olympia-Kolumne: Wenn Wahrheit weh tut

Tokios bekanntestes Werbegesicht ist Naomi Osaka. Die Tennisspielerin geht damit aber immer wieder weiter, als es den Veranstaltern lieb ist.

In ihrer Heimat beliebt wie keine andere Sportlerin, aber dennoch umstritten: Naomi Osaka.
In ihrer Heimat beliebt wie keine andere Sportlerin, aber dennoch umstritten: Naomi Osaka. © Christophe Ena/AP/dpa - Montage: SZ-Bildstelle

Von Felix Lill

Tokio. Muss sie sich immer so deutlich äußern? Rhetorische Fragen wie diese waren vor einem Dreivierteljahr häufig in Tokios Stadtgesprächen zu hören. Mal wieder ging es um die junge Frau, die seit knapp drei Jahren regelmäßig Thema ist.

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Obwohl es beim Termin fürs Mannschaftsfoto diesmal eher unspektakulär zuging, wollen die Schwarz-Gelben Liga 2 mit mutigem Spiel rocken.

Im Herbst 2018 hatte Naomi Osaka, damals erst 20, bei den US Open ihren ersten Grand Slam gewonnen. Damals betonte der öffentliche Rundfunksender NHK mit plötzlich entdecktem kontinentalem Stolz, Osaka sei nicht nur bloß erste Japanerin mit derartigen Erfolgen im Tennis: Nein, die erste aus ganz Asien!

Seitdem ist keine Sportlerin in Japan so populär wie die mittlerweile 23-jährige. Kein Wunder, dass Osaka auch zum Gesicht der Olympischen Spiele von Tokio geworden ist. Anfang letzten Jahres wurde ein Werbespot mit ihr veröffentlicht. „Wir sind alle verschieden, und doch so ähnlich“, sagt sie darin. „Wir finden, was wir brauchen, um über das hinwegzukommen, was uns voneinander trennt.“ Denn durch die Olympischen Spiele seien wir alle „vereint in Emotion.“

Sie kann vereinen, aber auch vor den Kopf stoßen

Ironischerweise fällt Osaka auch dadurch auf, dass sie nicht immer nur vereint. Durch ihr offenes, ungeschminktes Auftreten stößt sie gerade in Japan, einer Kultur mit strengen Anstandsregeln und eher indirekter Kommunikation, vielen vor den Kopf. Das fiel eben vor allem vor einem Dreivierteljahr auf, als man über die einzige Tennis-Weltranglistenerste, die Japan je hatte, mal wieder zu lästern begann.

Bei den US Open war die Tochter eines haitianischen Vaters und einer japanischen Mutter immer wieder mit Mundschutzmasken aufgetreten, auf denen die Namen von Opfern rassistischer Gewalt zu lesen waren. Osaka wurde zur Botschafterin der „Black Lives Matter“-Bewegung.

Das gefiel in Japan nicht jedem. Warum? „Von Sportlern erwartet man hier nicht, dass sie ihre Meinung offen kundtun und den sozialen Wandel vorantreiben“, sagt Hiroki Ogasawara, Professor an der Universität Kobe. „Sportler sind eher für die ästhetischen Dinge zuständig. Die Leute denken sich: Halt die Klappe und mach dein Spiel!“

So passt Naomi Osaka gewissermaßen perfekt zu einem der Mottos der Olympiaorganisatoren, das lautet: „Vereint in Vielfalt.“ Osaka hat nicht eben nur Migrationshintergrund. Sie fällt auch dadurch auf, dass sie ihre Rolle als bekannte Athletin anders interpretiert als die meisten in Japan.

Der jüngste Anlass für Diskussionen

Das wurde kürzlich wieder deutlich, als sie vor dem Beginn der French Open ankündigte, keine Pressekonferenzen geben zu wollen. Als sie daraufhin eine Geldstrafe bekam, zog sie sich aus dem Turnier zurück. Als Grund nannte sie Depressionen.

Damit gibt Osaka mal wieder Anlass zu Diskussionen. War es gerechtfertigt, die Fragen der Journalisten für ihre Unsicherheit verantwortlich zu machen? Falls ja, hätte sie nicht von vorneherein dem Turnier fernbleiben sollen? Schließlich hätte sie ohne Öffentlichkeit, für die sie die Presse braucht, ihren gut bezahlten Job nicht.

Nun stellt sich aber eine weitere Frage, und zwar für die Organisatoren der Tokioter Spiele: Wird Osaka überhaupt dabei sein? Bei ihrer Nachricht, bei den French Open zurückzuziehen, kündigte sie auch an, den Tenniscourts erst mal fernbleiben zu wollen. Besonders viel Zeit bis zum Olympiastart bleibt ohnehin nicht mehr.

Was sie von Olympia in der Pandemie hält, hat Osaka schon gesagt. Sie findet, die Sorgen der Öffentlichkeit sollten berücksichtigt werden. Ein Statement wiederum, das vielen gefallen hat. Den Organisatoren aber nicht.

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun wöchentlich bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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