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Olympia-Kolumne: Japan will alles wissen

Die Gesundheit steht bei Olympia an erster Stelle. Das hat Konsequenzen.

Hat die Gesundheit bei den Olympischen Spielen wirklich „oberste Priorität“? Dieser Frage geht Felix Lill in seiner neuesten Kolumne nach.
Hat die Gesundheit bei den Olympischen Spielen wirklich „oberste Priorität“? Dieser Frage geht Felix Lill in seiner neuesten Kolumne nach. © Stanislav Kogiku/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa Mon

Von Felix Lill

Tokio. Die App warnt schon beim ersten Blick aufs Smartphone, kurz nach dem Aufwachen. „Sie haben Ihre Gesundheit noch nicht dokumentiert.“ OCHA heißt sie, Japanisch für „Tee.“ Aber diese Bedeutung ist Zufall und hat mit einem guten Start in den Tag nichts zu tun. Die Abkürzung der Großbuchstaben steht für: „Online Check-in and Health Report App.“ Hier sollen alle, die irgendwie mit den Olympischen Spielen zu tun haben, täglich ihren Zustand darlegen. „Haben Sie Fieber gemessen?“, wird gefragt und dann nach unzähligen Symptomen.

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Die Olympischen Spiele stehen unter strenger Beobachtung der ganzen Welt, wie immer eigentlich. Aber bei „Tokyo 2020“ geht es um die Frage, ob die Gesundheit wirklich „oberste Priorität“ hat, wie es die Veranstalter seit Beginn der Pandemie stets behaupten. Dass Mitglieder der ugandischen Olympia-Delegation bei der Einreise positiv auf Covid-19 getestet wurden, spricht zumindest dafür, dass das Sicherheitsnetz doch Lücken hat.

Erfolgreich sind die Organisatoren im Moment aber darin, den Einreisenden zu signalisieren, dass man es hier in Japan ernst meint. Wer von außen kommt, wird anders behandelt als diejenigen, die längst im Land sind. Da ist es egal, ob man zweimal geimpft und damit besser geschützt ist als die allermeisten Menschen in Japan. Es beeindruckt auch nicht weiter, dass man vor der Abreise zwei PCR-Tests und direkt nach Ankunft einen weiteren Schnelltest gemacht hat. Das ist nur die Voraussetzung für die Einreise.

Für 14 Tage darf man sich ausschließlich zwischen einem offiziellen Olympiahotel und den offiziellen Olympiaspielstätten bewegen. Öffentlicher Transport ist verboten, ein teilweise kostenpflichtiges Shuttlesystem ist im Einsatz. Und während der ersten drei Tage wird das Hotelzimmer, das einem zugeordnet wurde, vom Personal nicht gereinigt. Auch frühstücken darf man im Hotel nicht. Das wäre zu gefährlich für die anderen Gäste, heißt es.

Die Ausnahmen von der Regel

Doch es gibt auch Ausnahmen von der Regel. Menschen müssen ja essen. So ist es neu in Japan Ankommenden gestattet, für höchsten 15 Minuten an die frische Luft zu gehen. Isst man schnell genug, kann man im Lokal an der Ecke gegenüber beispielsweise Ramen-Nudeln in sich hineinschaufeln. Oder im Convini, einem Kleinsupermarkt, einen Kaffee kaufen. Man kann sogar Freunde treffen, die einen mit dem Auto abholen und ein paar Mal um den Block fahren. So sind die Regeln zwar nicht gedacht, aber möglich ist es. Kontrollieren lässt es sich nicht.

Dann endet der Tag – und am nächsten Morgen fragt OCHA wieder nach der Körpertemperatur. Kurz wundert man sich über die eigene Naivität, gedacht zu haben, jetzt Ruhe zu haben. Bis zur Mail vom Organisationskomitee mit der unmissverständlichen Aufforderung: „Bitte bestätigen Sie Ihren Aktivitätsplan.“ Die Veranstalter wollen wissen, wo man sich über die nächsten zwei Wochen bewegen wird. Und das nicht nur einmal. Zuerst muss alles per Mail an einen Offiziellen gehen, dann auf einer eigens extra eingerichteten Plattform hochgeladen werden. Eine andere Plattform hält wiederum Ein- und Ausreisedaten fest.

Gelegentlich kommt auch eine Mail der Organisatoren, in der darum gebeten wird, ein Formular doch noch etwas abzuändern. Und irgendwann fällt auf, dass die monierten Passagen zuvor von den Organisatoren selbst ins Formular eingetragen worden waren. Dass im Namen der Sicherheit eine Menge Aufwand betrieben wird, lässt sich nicht abstreiten. Aber blickt hier wirklich noch jemand durch?

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun wöchentlich bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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