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Kugelstoßerin Schwanitz: „Echt ein Seuchenjahr“

Die gebürtige Dresdnerin hat überraschend das Finale in Tokio verpasst. Was jetzt bleibt? Der Rückhalt ihrer Familie und eine unglaublich positive Grundeinstellung.

30.07.2021, Japan, Tokio: Leichtathletik: Olympia, Kugelstoßen, Frauen, Christina Schwanitz aus Deutschland. Foto: Michael Kappeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
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30.07.2021, Japan, Tokio: Leichtathletik: Olympia, Kugelstoßen, Frauen, Christina Schwanitz aus Deutschland. Foto: Michael Kappeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: dpa © dpa

Von Andreas Schirmer, Martin Moravec und Stefanie Wahl

Tokio. Sie ist eine ausgemachte Frohnatur, immer positiv, immer gut gelaunt. Nach ihrem traurigen Abschied von Olympia kämpft Christina Schwanitz tapfer gegen die Tränen – bis sie auch diesen Kampf verliert. „Ich bin aufgewühlt, sehr enttäuscht“, schluchzt die 35-jährige Kugelstoßerin. Dass sie bereits in der Qualifikation gescheitert ist, setzt ihr sichtlich zu. Dann seufzt sie und meint: „Tja, so ist das eben.“

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Der beste Stoß auf 18,08 Meter ist am Freitag deutlich zu wenig, um ins Finale der besten Zwölf einzuziehen – und für die Ex-Weltmeisterin vom LV 90 Erzgebirge in Thum einfach indiskutabel. Olympia und die gebürtige Dresdnerin, das scheint einfach nicht zusammenzupassen. 2008 ging sie nach mehreren Fußoperationen als Elfte aus dem Ring, 2012 bereitete der rechte Arm Probleme und ließ sie nur die zehntbeste Weite stoßen, 2016 wurde Schwanitz enttäuschte Sechste.

Und nun also dieses Vorkampf-Aus. „Dafür, dass es meine letzten Spiele waren, ist es enttäuschend, wenn man so vom Platz schleichen muss. Ich habe es mir wesentlich anders vorgestellt“, sagt sie. Tokio 2021 sollte eine Art Auferstehung im Ring werden nach einer völlig verkorksten Saison und das Happy End nach sportlichen Rück- sowie privaten Schicksalsschlägen, wie Schwanitz im Interview vor dem Wettkampf erzählt.

Frau Schwanitz, Sie haben eine verflixte Saison mit Bandscheibenvorfall hinter sich. Das ist suboptimal für eine Kugelstoßerin.

Das trifft es ganz gut. Ich wünsche mir, hier unter die besten Acht zu kommen. Das wäre nach den vergangenen zwei Jahren ein schöner Abschluss zum Thema Tokio.

Neben den gesundheitlichen Problemen mussten Sie zuletzt nach einem Meeting im britischen Gateshead in Quarantäne. Ihre positive Einstellung haben Sie nie verloren. Wie machen Sie das?

Ich bin sehr froh, dass ich grundsätzlich so ein positiver Mensch bin. Das macht manches wesentlich einfacher. Wir hatten dieses Jahr leider noch zwei Todesfälle, die in die Zeit nach Gateshead reingefallen sind. Es war echt ein Seuchenjahr. Entweder steht man da drüber und nimmt das mit oder man geht daran kaputt. In Rio, kurz vor meinem Wettkampf, habe ich meine beste Freundin verloren, dieses Jahr schockt mich so schnell nichts mehr!

Wie schaffen Sie es, nach solchen Schicksalsschlägen noch ausreichend Kraft für Leistungssport zu haben?

Ich habe drei der weltbesten Menschen zu Hause, die mich jeden Tag darin bestärken, dass wir zusammen alles schaffen. Und wir haben tolle Freunde und Verwandtschaft, die selbst in Zeiten von Corona eingesprungen sind, dass mein Mann und ich unseren Jobs nachgehen konnten. Das nehme ich mit nach Tokio, das stärkt mich. Ich weiß, es werden meine letzten Spiele. Paris ist nichts mehr für mich.

Sind Sie ob der Corona-Umstände als zweifache Mama besonders stolz, es nach Tokio geschafft zu haben?

Ja. Ich bin stolz, auf mein Durchhaltevermögen und den Zusammenhalt aller, die mich auf dem Weg unterstützt haben – von der Bundeswehr, meinem Trainer, meinem Verein, der Sporthilfe bis zum Kindergarten. Schon ohne Kinder kommt es nicht so häufig vor, vier Mal an Olympia teilzunehmen. Mit Kindern, und dann auch noch mit zwei, ist es noch besonderer. Ich würde lügen, wenn ich meinen Stolz verneine.

Ihre Zwillinge sind mit knapp vier Jahren inzwischen in einem sehr quirligen Alter, oder?

Also ich habe keine Sitzkinder. Sie sind sehr aufgeweckt und wollen die Welt kennenlernen. Das ist sehr schön, aber es gibt sicher keine Mama oder keinen Papa, die das nicht auch mal als anstrengend empfinden. Das gehört dazu.

Sie sind in Japan – und damit eine lange Zeit weg von Zuhause. Haben Sie Familienrituale entwickelt?

Facetime geht mit den Kindern mittlerweile. Sie verstehen, dass ich Sport mache und dafür auch weg muss, weil das zu meinem Beruf gehört. Mein Mann schickt mir immer mal Videos, damit ich weiß, was sie machen. Viel mehr kann man aus der Entfernung allerdings nicht ritualisieren.

Die Corona-Regeln sind streng auch für die Sportler, die ausschließlich zwischen Olympischen Dorf und Wettkampfstätte pendeln. Kann da olympisches Flair aufkommen?

Ich bedaure es sehr, mir nichts von Tokio ansehen zu können. 2008 vor den Spielen in Peking war ich schon mal hier. Da dachte ich, einmal schläfst du in so einem Bienenwaben-Hotel. Ich wollte durch die Straßen gehen und für meine Schwester einen Manga kaufen. Das fällt alles ins Wasser. Unsere Reise wird über so viele tausend Kilometer nur hinfliegen, Koffer auspacken, Wettkampf machen, Koffer wieder einpacken und nach Hause fliegen bedeuten. Ich werde nichts von Tokio gesehen haben, nichts von anderen Wettkämpfen. Dafür feiern wir dieses Sportfest und die Sportler.

Warum Schwanitz beim Saisonhöhepunkt nicht mal an ihre diesjährige Bestweite von 19,11 Metern heranreicht, hat also nicht nur Fitnessgründe. „Ich habe die Leistungen im Training noch abgerufen, aber Trainings-Weltmeister gibt es viele“, meint sie nach dem Aus und gesteht, an der eigenen Erfolgserwartung gescheitert zu sein. „Es macht schon Druck, wenn man nach so einem Seuchenjahr hierher fährt und alle erwarten, weil ich die Alte bin und es selbstverständlich ist, dass ich eine Qualifikation nicht verhaue.“ Sie sagt aber auch: „Jetzt geht es weiter in meinem Leben.“

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Trotz der großen olympischen Enttäuschung denkt Schwanitz noch nicht an einen endgültigen Abschied vom Ring und ihrer immer noch glühenden Liebe für das Kugelstoßen, zumal im nächsten Jahr die Heim-EM in München ansteht. „Der Körper macht es ja mit, nur im Moment gerade nicht“, sagt sie – und freut sich zumindest auf eines ihrer Wettkampfrituale, das Bier danach. Wobei Schwanitz diesmal ahnt: „Es kann auch mehr als ein Bier werden.“

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