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So geht es Deutschlands Kanuten in Tokio

Das Team um die Meißnerin Andrea Herzog ist bereits neun Tage in Japan und erklärt die strengen Regeln – zum Beispiel, warum Bussitze fotografiert werden.

Dieses Quartett um Andrea Herzog (2. v. l.) ist bereits in Tokio und berichtet von teilweise skurrilen Erlebnissen.
Dieses Quartett um Andrea Herzog (2. v. l.) ist bereits in Tokio und berichtet von teilweise skurrilen Erlebnissen. © Archiv: dpa/Jan Woitas

Tokio. Die ersten Bilder aus Tokio sind etwas düster – was allerdings an den jeweiligen Bildschirmqualitäten bei der Video-Konferenz mit der deutschen Kanu-Slalom-Nationalmannschaft liegt – und deren abgedunkelten Hotelzimmern des Tokyo Bay Tokyo Hotels.

Das Quartett mit der Meißnerin Andrea Herzog, Ricarda Funk, Hannes Aigner und Sideris Tasiadis ist bereits seit zehn Tagen in der Olympia-Stadt. Düster sind deren Eindrücke ganz und gar nicht, aber durchaus gewöhnungsbedürftig. Bei diesen Corona-Spielen ist alles anders als zuvor.

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Im Moment dürfen Herzog & Co. ihre Einzelzimmer im Hotel nur zum Essen und zum Training verlassen. Täglich wird der deutsche Tross, zu dem Trainer, Physiotherapeuten und Sportwissenschaftler gehören, einem PCR-Test unterzogen. „An den morgendlichen Spucktest“, sagt Herzog, „haben wir uns längst gewöhnt.“

AHA-Regeln, nur schärfer

Aus Sicherheitsgründen sind die Deutschen mit den Kanuten aus Slowenien, der Slowakei, Marokko und Italien in eine Gruppe eingegliedert, die sich Trainings-, Essenszeiten sowie den Transfer zwischen Hotel und der Slalom-Strecke teilen. Das führt zu aberwitzigen Situationen.

Beispielsweise, so erzählt Aigner, „wird vor der Abreise des Busses jedes Mal vom Veranstalter ein Foto geschossen, um zu dokumentieren, wer welchen Doppelsitz einnimmt“, sagt der 32-jährige Bronzemedaillengewinner von London 2012. „Und wer neben, vor und hinter wem saß.“ So sollen im Fall eines positiven Corona-Tests direkte und indirekte Kontaktpersonen ermittelt werden. „Ansonsten“, sagt Aigner, „ist das ein normaler Shuttleservice, wie bei anderen Wettkämpfen.“

Überall gelten im Prinzip die aus Deutschland bekannten AHA-Regeln, nur werden sie etwas strenger ausgelegt. Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – in FFP2-Qualität. Die Regeln und der jeweilige Tagesablauf werden vom deutschen Trainerstab in einer virtuellen Gruppe jeden Morgen aktualisiert. „Es ist alles sehr restriktiv, was von uns abverlangt wird. Das Management ist schon ziemlich genau“, sagt Cheftrainer Klaus Pohlen. Die Bedingungen seine freilich exzellent, die Japaner gut organisierte, hilfsbereite Gastgeber.

Kontakt zu anderen Nationen eingeschränkt

Nur das Frühstück ist offenbar gewöhnungsbedürftig ¨– auch für die erste Mahlzeit des Tages fahren die Gastgeber Pommes, Fleisch und Pasta auf. Dennoch erklärt Herzog: „Wir fühlen uns sehr gut aufgenommen, die Japaner tun alles, was in ihrer Macht steht, damit es uns hier gut geht, wir gute Olympische Spiele erleben.“ 2019 wurde die 21-Jährige im Canadier-Einer überraschend Weltmeisterin – und zählt nach ihrem Sieg beim letzten Weltcup vor Olympia zu den Top-Favoritinnen.

Beim jüngsten Weltcup in Markleeberg landete die Meißnerin Andrea Herzog auf Rang 1.
Beim jüngsten Weltcup in Markleeberg landete die Meißnerin Andrea Herzog auf Rang 1. © Archiv: dpa/Daniel Schäfer

Die deutschen Slalom-Kanuten bewegen sich extrem vorsichtig in ihrer Blase, beschränken die Gespräche mit Paddlern der anderen Nationen aus ihrer Gruppe auf ein paar freundliche Worte – mit Abstand. „Es ist uns möglich, uns innerhalb unseres deutschen Kanu-Staffs gegenseitig im Hotelzimmer zu besuchen. Aber natürlich wollen wir das Risiko so gering wie möglich halten, damit wir im Fall einer Infektion die Chance haben, um eine Quarantäne herumzukommen“, erklärt Herzog. „Es ist nicht ganz so leicht hier. Wir versuchen, uns nach bestem Wissen an die Regeln zu halten.“

Das ist offenbar nicht so einfach, denn die Ablenkung beschränkt sich auf die Hobbys der Athleten – oder auf erholsame Sitzungen beim Physiotherapeuten. Es hat sich unter den Olympia-Startern jedoch herumgesprochen, dass es im Athleten-Dorf ein minimiertes Rahmenprogramm geben soll. Wie das aussieht, wissen nur die, die bereits dort sind.

Die Sorge, ein "Erstkontakt" zu werden

Die vier Starter des Deutschen Kanu-Verbandes (DKV) checken am 19. Juli im Olympia-Dorf ein. „Hier ist es schwierig, ich weiß derzeit nichts von einem Rahmenprogramm. Wir hatten 2019 schon die Gelegenheit, uns in Tokio einiges anzuschauen“, erklärt Herzog, die damals Weltcup-Dritte geworden war.

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Ein Platz auf dem Treppchen wäre unter diesen Umständen für jeden der vier Athleten ein herausragender Erfolg. Wenn nicht ein positiver Corona-Test dazwischenkommt. Oder der Status als direkter Kontakt. Cheftrainer Pohlen plädiert deshalb für ein Umdenken bei den Quarantäneregelungen. „Man ist raus aus dem Wettkampf, wenn man Erstkontaktperson ist. Das schwebt über uns allen. Ich kann nicht einfach jemanden wegsperren, der völlig unverschuldet in so eine Situation kommt, zumal wir in einem täglichen Testverfahren sind“, sagte der gebürtige Kölner.

Daher sei man nun dabei, mit allen internationalen Verbänden sowie dem IOC und der japanischen Regierung gemeinsame Lösungen zu finden. „Für diese Spiele müssen besondere Regeln gelten. Wir müssen da nachregulieren.“

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