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Olympia-Kolumne: Was Corona anrichtet

Überall hat die Pandemie die Trainingsbedingungen verschlechtert. Doch was heißt das für die Leistungen bei Olympia?

Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden.
Die Olympischen Sommerspiele Tokio 2020 sollen coronabedingt vom 23. Juli bis zum 8. August 2021 in Tokio stattfinden. © Hiro Komae/AP/dpa - Montage: SZ-Bildstelle

Von Felix Lill

Tokio. Seit Jahren schon spricht man in Tokio von „historischen Spielen“. Ansätze dafür hat es immer wieder neu gegeben: In der Bewerbung ums Austragungsrecht hieß es, man würde das „futuristischste Olympia aller Zeiten“ veranstalten. Als Japans Hauptstadt dann im Herbst 2013 den Zuschlag erhielt, versicherte man, das Sport-Spektakel würde den Steuerzahler nichts kosten. Und mit Beginn der Pandemie sollte „Tokyo 2020“ schließlich den Sieg der Menschheit über Sars-Cov-2 markieren.

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Inzwischen stehen all diese Behauptungen auf wackligen Fundamenten. „Historisch“ aber werden die Spiele zweifellos, spätestens im Rückblick. Olympia inmitten einer Pandemie gab es noch nie. Mehr öffentliche Opposition auch nicht. Und es ist ein Novum, dass Zuschauer aus dem Ausland – und womöglich aus dem Inland – explizit ausgeladen wurden.

Die Organisatoren hoffen dagegen unbeirrt auf andere Merkmale, mit denen „Tokyo 2020“ in die Geschichtsbücher eingehen könnte: eine trotz allem reibungslose Vorbereitung und Durchführung, ein Stimmungsumschwung hin zu Jubel und Freude und vor allem auch sportliche Höchstleistungen. Ob aber ausgerechnet das überhaupt möglich ist?

Kein sportliches Höchstniveau erwartet

In vielen Ländern können sich Sportler kaum angemessen vorbereiten. Lockdowns versetzen den Alltag in Stillstand. Sporthallen blieben teils lange geschlossen. Die Bedingungen sind vor allem in jenen Ländern schlechter, wo die Pandemie besonders stark wütet. Und das sind meist diejenigen, die ohnehin schon ärmer sind. Es wäre wenig überraschend, wenn der Medaillenspiegel am Ende im historischen Ausmaß die reicheren Länder oben zeigt.

Selbst den mentalen Fokus aufs Training zu richten, ist für viele Athletinnen und Athleten – besonders auch in Japan – noch immer schwierig. Gibt es also Wettkämpfe, die zwar mit Medaillen, aber ohne Weltrekorde enden?

In der Sportwelt ist man sich über diese Frage uneins. Satoshi Sasamori, Sportjournalist der Tageszeitung Sankei Shimbun, erwartet kein sportliches Höchstniveau. „Bei der angespannten Stimmung fühlen sich viele Athleten gefangen“, sagt er. Eine große Zahl neuer Rekorde erwartet Sasamori auch deshalb nicht, weil Tokios Sommer bekanntlich sehr heiß und schwül sind. Wohlbemerkt: Als Japans Hauptstadt 1964 zum ersten Mal Olympische Sommerspiele veranstaltete, fanden diese im Oktober statt.

Möglicher Nachteil: fehlende Wettkampfpraxis

Andere Experten halten Bestleistungen durchaus für möglich. So zum Beispiel Daniel Memmert, Professor für Trainingswissenschaft der Deutschen Sporthochschule Köln. Am Telefon erklärt er: „Auf der einen Seite hatten die Topathleten natürlich die Chance, sich top vorzubereiten, auch länger vorzubereiten, weniger Wettkämpfe zu machen. Das kann ein Vorteil sein.“ Andererseits könne ein Mangel an Wettkampfpraxis jedoch auch ein Nachteil sein. Welcher Effekt überwiegen wird? Das sei derzeit Spekulation.

Hinzu kommt der noch unbekannte Faktor Zuschauer. Sind schlechtere Leistungen zu erwarten, sofern die Ränge leer oder auch halbleer bleiben? Memmert glaubt daran nicht: „Wir haben uns das für den Fußball angesehen. Kriterien wie Passquote, Raumkontrolle, Pressing haben sich in leeren Stadien nicht großartig verändert.“ Die Frage der allgemeinen Stimmung im Land wiederum könnte das Leistungsniveau beeinflussen. Hier ist auch Satoshi Sasamori etwas optimistischer. „Wenn die Spiele erst mal begonnen haben, schätze ich, dass in Japan viel gejubelt wird.“

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Unser Kolumnist, geboren 1985 in Hamburg, ist freier Autor und lebt seit 2012 in Tokio. Zur demografischen Alterung und intergenerationalen Solidarität in Japan und Deutschland hat er promoviert. An Japan liebt Lill nicht nur das Essen, sondern auch den niedrigen Geräuschpegel im Alltag, sogar in Tokio. An dieser Stelle berichtet er nun wöchentlich bis zum geplanten Olympiastart am 23. Juli über den schwierigen Weg bis zu „Tokyo 2020+1.“

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