merken
Sport

Schwimmer Wellbrock: Bronze gewonnen oder doch Gold verloren?

Florian Wellbrock schwimmt auf den dritten Platz und ist danach hin- und hergerissen. Auf jeden Fall retten er und seine Verlobte die Bilanz seines Verbandes.

Je länger der Wettkampf vorüber war, umso glücklicher war Florian Wellbrock mit der Bronzemedaille.
„Besonders die Siegerehrung hat noch mal einen anderen Geschmack als bei einer Weltmeisterschaft“, sagte er.
Je länger der Wettkampf vorüber war, umso glücklicher war Florian Wellbrock mit der Bronzemedaille. „Besonders die Siegerehrung hat noch mal einen anderen Geschmack als bei einer Weltmeisterschaft“, sagte er. © dpa/Swen Pförtner

Von Andreas Körner

Tokio. Die Chronisten hatten längst die Zahlen herausgekramt. Der Chemnitzer Stev Theloke war im Jahr 2000 in Sydney als bislang letzter deutscher Mann mit einer olympischen Einzel-Medaille im Becken dekoriert, mit Bronze über 100 Meter Rücken. Noch weiter zurück führt die Suche nach einem männlichen Olympiasieger. Michael Groß war das vor 33 Jahren genauso wie Uwe Daßler für die DDR. Beide triumphieren 1988 in Seoul.

Anzeige
Mit Zuschauern in die neue Saison
Mit Zuschauern in die neue Saison

Der Dresdner SC wird am 21. September mit einem Testspiel gegen Schwarz-Weiß Erfurt das Team für die neue Saison präsentieren.

Und nun Florian Wellbrock? Der hagere Schlaks mit den auffälligen Tattoos auf der Brust, die ihn an seine Schwester erinnern. Sie starb, als Wellbrock neun Jahre alt war. „Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig“, steht dort. Dieser Wellbrock, der in der Vorbereitung auf Tokio bis zu 110 Kilometer in der Woche schwamm und 2019 den WM-Titel gewann auf der längsten Strecke im Becken.

Bis 1.450 Meter sah tatsächlich alles danach aus, als könne Wellbrock das schaffen. Er führte, wenn auch knapp. Dann, auf der letzten Bahn, zogen der US-Amerikaner Robert Finke und Michailo Romantschuk aus der Ukraine vorbei. Wie schon über die 800 Meter Freistil hatte Wellbrock im Endspurt keine Chance. Diesmal aber wurde er nicht wieder Vierter, diesmal blieb zumindest Bronze. Denn Gregorio Paltrinieri, der sich ebenfalls lange in der Spitzengruppe befand, hatte abreißen lassen müssen.

„Ich bin eigentlich sehr zufrieden“, sagte Wellbrock. Ein bisschen ärgerlich sei tatsächlich, „dass ich es hinten raus nicht halten konnte. Aber die anderen beiden Jungs haben einen super Job gemacht und ich will auf gar keinen Fall über eine olympische Bronzemedaille meckern.“ Und je länger der 23-Jährige darüber nachsann, umso glücklicher war er.

Lob von Biedermann

„Besonders die Siegerehrung hat noch mal einen anderen Geschmack als bei einer Weltmeisterschaft. Und auch wenn ich jetzt, ,nur‘ Dritter geworden bin: Es war trotzdem sehr schön und es fühlt sich unglaublich gut an. Aber als Sportler will man natürlich immer höher, weiter, mehr“, sagte Wellbrock. Doppel-Olympiasiegerin Britta Steffen würdigte dessen Erfolg dennoch als „Lebensleistung“. Und auch Paul Biedermann, als Weltmeister und Weltrekordler vor Wellbrock der letzte deutsche Weltklasseschwimmer, war voll des Lobes: „Seit 21 Jahren hat er die erste olympische Medaille für Männer bei den Beckenschwimmern geholt und daher ist die Leistung nicht hoch genug zu bewerten.“

Die zweite Bronzemedaille über 1.500 Meter nach der für Wellbrocks Verlobte Sarah Köhler, die am Samstag über 800 Meter aber enttäuschte Siebente wurde, poliert die Bilanz des deutschen Schwimmverbandes (DSV) ordentlich auf. Immerhin verstrichen die Sommerspiele 2012 und 2016 medaillenlos für die Beckenschwimmer.

Sehr schön sei, dass der DSV „verhältnismäßig besser“ abgeschnitten habe als in Rio und London, sagte Wellbrock. Doppelt schön sei, dass die zwei Medaillen nach Magdeburg gingen. Dort leben er und Köhler. Trainiert werden sie von Bernd Berkhan, gleichzeitig einer von zwei Bundestrainern. Wellbrocks Leistung kommentierte Berkhan also aus doppelter Trainer-Perspektive

.„Er hat es geschafft, die erhoffte Medaille zu gewinnen. Darüber freuen wir uns“, meint der Trainer. Beherzt angegangen sei es sein Schützling, die Konkurrenz habe sich an ihm orientiert. „Letztendlich lag es am Endspurt, auf der letzten Bahn konnte er nicht mehr mitgehen“, sagte Berkhan. Er sei sehr zufrieden mit Wellbrock.

Trotz allem auch viele Enttäuschungen

Für ein Gesamtfazit des deutschen Auftritts im olympischen Schwimmbecken sei es dagegen noch zu früh, sagte Berkhan in seiner Position als Bundestrainer. Doch er habe sehr positive Ansätze gesehen, die Entwicklung gehe seit Rio in die richtige Richtung. „Aber natürlich sehen wir auch die Defizite, die es noch gibt“, so Berkhan. Verschiedene Projekte seien schon angelaufen. Noch sei es aber zu früh, deren Auswirkungen zu sehen.

Ohnehin seien ja die Wettbewerbe in Tokio noch nicht beendet. Die Langstreckenschwimmer gehen noch ins Meer. Mit dabei ist dann auch wieder Wellbrock, am frühen Donnerstagmorgen nimmt er die zehn Kilometer in Angriff. „Erst einmal war es jetzt aber wichtig, dass wir das Beckenschwimmen abhaken. Jetzt heißt es regenerieren und vorbereiten auf die zehn Kilometer“, sagte Wellbrock.

Fakt ist allerdings auch: Das Schwimm-Traumpaar und einige positive Überraschungen übertünchten zahlreiche Enttäuschungen in Tokio. (mit dpa)

Mehr zum Thema Sport