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Darum haben Fußballprofis hier keine Chance

In Ottendorf-Okrilla steht nur eine von zwei ostdeutschen Soccergolf-Anlagen. Im August erlebt sie einen Weltcup.

Von Alexander Hiller
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Ralf Fellendorf in seinem Element. Auf seiner Golfanlage, die er mit seiner Frau Dagmar betreibt, müssen Fußbälle ins Ziel.
Ralf Fellendorf in seinem Element. Auf seiner Golfanlage, die er mit seiner Frau Dagmar betreibt, müssen Fußbälle ins Ziel. © Christian Juppe

Ottendorf-Okrilla. Hier deutet nichts auf großen Sport hin. So gar nichts. Nicht einmal die Technik hat ein Einsehen. „Bitte wenden Sie an der nächstmöglichen Stelle“, schlägt mein Navigationssystem vor. Dabei sind es in der eingeschlagenen Richtung tatsächlich nur noch 500 Meter Luftlinie bis zum eigentlichen Ziel. Ottendorf-Okrilla, Am Wachberg 31. Die Ziffer lässt sich in meinem System schon mal gar nicht eingeben.

Ralf Fellendorf kennt das Problem und feixt. Er unterhält mit seiner Frau Dagmar an jener Adresse die Freizeitvergnügungsanlage Soccergolf Sachsen. „Sie müssen die Nummer 38 angeben, dann findet das Navi her“, sagt er. Hätte man durchaus eher wissen können. Denn die ersten Hinweisschilder sind erst kurz vor der Anlage angebracht – da hat die Frauenstimme auf dem Navi schon längst zum Wenden geraten. Ein ortsansässiger junger Mann mit Kinderwagen ist mit seinem Hinweis die Rettung.

Töppen sind ausdrücklich verboten

Der Parkplatz taugt für knapp 30 Fahrzeuge und ist an diesem Vormittag nahezu leer. Die Hochzeit für feier- und soccergolfaffine Besucher findet offenbar später statt. Das wird sich ändern. Zumindest an einem Wochenende im Spätsommer. Vom 26. bis 28. August findet hier ein sogenanntes „Internationales Matchplay“ statt. Eine Art Weltcup in dem spaßorientierten Wettbewerb, über den die Betreiber solcher Anlagen gern als Trendsport reden.

Der funktioniert tatsächlich als ein Mix aus Fußball und Golf. Auf einer gut gepflegten Rasenfläche geht es darum, mit so wenigen Schüssen wie möglich, normale Fußbälle ins entsprechende Ziel zu schießen. Das kann ein vergrößertes Loch im Rasen sein – oder ein umgelegter Traktorreifen, in dessen Mitte das Leder zu lupfen ist.

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„Fußballgolf ist eher wie Golf als Fußball. Nur, dass mit einem großen Ball gespielt wird“, erklärt Fellendorf. Das Tragen von Fußball-Töppen ist ausdrücklich verboten. „Die würden den Rasen beschädigen. Multinoppen-Schuhe sind erlaubt, weil wir auch Kunstrasenabschläge haben. Hier geht es nicht um schnelles Stoppen und Wenden, sondern um gefühlvolles Spiel.“

2012 wurde in der knapp 10.000 Einwohner zählenden Gemeinde bei Dresden bereits eine deutsche Meisterschaft ausgetragen, „es folgten bislang sechs Sachsen-Open“, sagt Fellendorf sichtlich aufgeregt. Pressekonferenzen wie die zum bislang höchstrangigen Wettbewerb auf seiner Anlage ist der 64-Jährige mit den gewitzten Augen nicht gewohnt. Er und seine Frau Dagmar haben sich beim Weltverband WFGA – ja, auch den gibt es – um die Ausrichtung eines Turniers beworben, von dessen Kategorie es weltweit nur acht in diesem Jahr gibt.

Auch die WM steigt in Deutschland

„Wir haben uns gegen Mitbewerber aus Ungarn, Dänemark, Tschechien und eine andere deutsche Anlage durchgesetzt“, sagt er. „Für uns war der Zuschlag eine Überraschung, weil die WM in diesem Jahr auch in Deutschland ausgetragen wird“, sagt Fellendorf. Das kleine Örtchen Dirmstein ist Anfang August Gastgeber.

Durchaus wahrscheinlich, dass die aktuellen Weltmeister dann drei Wochen später auch in Ottendorf-Okrilla spielen, denn die aktuelle Nummer eins der Frauen-Weltrangliste, Andrea Weidenegger, und auch die WM-Titelverteidigerin Laura Rolli kommen aus Deutschland. Beide haben zumindest ihr Interesse bekundet.

„Man kann das, wenn man es mit olympischen Sportarten vergleicht, schon als Weltcup bezeichnen“, zieht Fellendorf Parallelen. In Ottendorf-Okrilla werden im August mithin auch Weltranglistenpunkte vergeben. Preisgelder allerdings nicht. „Außer, wir können noch ein paar Sponsoren dafür gewinnen“, sagt Fellendorf, der aus Mannheim stammt.

Hoffen auf Aufnahme ins Olympiaprogramm

Im Gegenteil, um auf der fünf Hektar großen Anlage in Ottendorf-Okrilla starten zu dürfen, ist für Männer und Frauen eine Startgebühr von 50 Euro fällig. Mit der wird ein Teil der auf 10.000 Euro geschätzten Gesamtkosten aufgefangen. „Fußball- oder Soccergolf spielt sich im reinen Amateurbereich ab. Es gibt aber bereits ein paar, die sich über Sponsoren selbst vermarkten.“

Die Weltranglistenführende, Andrea Weidenegger, arbeitet zum Beispiel als Sachbearbeiterin für Kinderbetreuung, Schulen und Vereine für den bayrischen Landkreis Mühldorf am Inn. Auch für den Weltverband arbeiten alle Beteiligten ehrenamtlich. Doch die Sportart und ihre Fans träumen von einer größeren Zukunft, einer olympischen – in 20 oder 30 Jahren?

„Wir Soccergolfer denken bereits für einen früheren Zeitpunkt darüber nach“, sagt Fellendorf euphorisch und glaubt an ansteckendes Potenzial. „Ob die Sportart so schnell aufgenommen wird, wird man sehen. Golf ist ja auch ins olympische Programm aufgenommen worden“, betont er.

Nicht jedermanns Sache: In Traktorreifen muss der Ball behutsam gelupft werden.
Nicht jedermanns Sache: In Traktorreifen muss der Ball behutsam gelupft werden. © Christian Juppe

Derzeit hat der Weltverband allerdings nur sechs organisierte nationale Verbände versammelt: Deutschland, Tschechien, Dänemark, Ungarn, Frankreich und die Slowakei. Allerdings werden größere Turniere auch in Schweden oder Brasilien ausgetragen. In Deutschland gibt es derzeit 23 zertifizierte Anlagen, nur zwei davon in Ostdeutschland, der Deutsche Fußballgolf-Verband zählt 600 aktive Spieler.

Bekannte frühere Ex-Fußballer sucht man in den Starterlisten von Soccergolfturnieren übrigens noch vergebens. Platzneigung oder -wölbung, Grashalmdichte und Windeinflüsse gehören schließlich nicht zu den bevorzugten Kicker-Präferenzen bei der Ausübung ihres Berufs oder Hobbys. Für Soccergolf sind diese Einflüsse aber wichtig. Allerdings hat sich auch Ralf Minge schon in Ottendorf-Okrilla versucht.

Beim Weltranglistenturnier aber wird die Dynamo-Legende wohl nicht antreten, obwohl da tatsächlich jedermann mitspielen könnte – zumindest theoretisch. „Es gibt auch Neulinge, wenn Platz ist. Vorrang haben aber die Spieler, die schon Ranglistenpunkte haben“, sagt Fellendorf. Bei maximal 120 Teilnehmern wird die Starterliste geschlossen. Aus Österreich, Dänemark, Schweden, Ungarn, Tschechien meldeten sich bereits Mitspieler an. „Aus der Erfahrung wissen wir, dass die meisten Leute zwei, drei Tage vorher anreisen“, erklärt der Organisator. Die kleine Gemeinde darf sich also über zahlreiche Übernachtungen freuen. Auch das spült Geld in die Kasse.

Die Gemeinde will helfen

Bürgermeister Rico Pfeiffer ist nicht nur deshalb angetan vom außergewöhnlichen Event. „Ich bin sehr froh und stolz, dass wir diese Anlage haben. Ich habe unsere Unterstützung zugesichert, bei Ausschilderungen zum Beispiel“, sagt er. Das würde eventuell auch die Irritationen einiger Navigationssysteme mindern.

„Finanzielle Unterstützung werden wir versuchen zu organisieren. Ich glaube, Ottendorf-Okrilla bekommt durch dieses Event auch nach außen hin einen Namen“, unterstreicht der Bürgermeister.

Zumindest werden die 18 Bahnen auf der Soccergolf-Anlage Sachsen für die noch sehr übersichtliche Fangemeinde ein Wochenende lang im Fokus liegen. Ob der Platzrekord 60 Versuche bei den Männern, 68 bei den Frauen in Gefahr ist? Der Autor versucht sich abschließend nach dem Pressetermin auf Bahn 1 – und braucht dafür vier Versuche. Mindestens einer zu viel für seine Ansprüche.

Zu seiner Entschuldigung: in ganz normalen Straßenschuhen. Der Ball war auch weicher als gewohnt und so. Immerhin 52 Mal ist auf dieser Startbahn seit Eröffnung 2011 schon ein Hole in One gelungen.

Mit einem Schuss ins Loch. Da muss also mehr dahinterstecken als reines Glück. Vielleicht sogar großer Sport?