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„Wir riskieren Entwicklung einer ganzen Generation“

Der Ex-Trainer von RB Leipzig, Ralf Rangnick, spricht über die Folgen des Bewegungsmangels von Kindern und Jugendlichen.

Seit 2017 betreibt Ralf Rangnick (62) in Leipzig eine eigene Stiftung, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt.
Seit 2017 betreibt Ralf Rangnick (62) in Leipzig eine eigene Stiftung, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützt. © Jürgen Lösel

Herr Rangnick, haben Sie persönliche Erfahrungen mit dem Thema Corona und Impfungen?

Meine Eltern werden in wenigen Monaten 89 und 90 Jahre alt. Beide sind glücklicherweise fit, mein Vater fährt sogar noch Auto. Ich habe zehn Tage lang rund fünf Stunden täglich versucht, für die beiden einen Impftermin zu bekommen. Online und telefonisch – ich hatte keine Chance. Bis mir ein guter Bekannter riet, es kurz nach Mitternacht online zu probieren. Dann würden einige Impftermine neu eingerichtet. Ich habe dann tatsächlich einen Impftermin bekommen: in drei Wochen und mehr als eine Stunde vom Wohnort meiner Eltern entfernt. Gott sei Dank haben wir den Termin. Nur: Wie sollen Menschen in diesem Alter einen solchen Termin eigenständig organisieren?

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Wer den Fernseher einschaltet, spürt nicht sofort, wie außergewöhnlich die Situation auch für den deutschen Sport ist. Die Hälfte der 90.000 Vereine fürchtet nachhaltige Schäden durch die Corona-Krise. Nehmen Sie den Widerspruch auch wahr?

Man könnte daraus einen ableiten, aber beim Profisport handelt es sich um einen Wirtschaftszweig. Allen müsste jedoch klar sein, dass der Lockdown speziell für den Amateursport und noch schlimmer für den Jugendfußball, der nicht im Spitzenbereich stattfindet, kein Dauerzustand sein kann. Es besteht die große Gefahr, dass so viele Kinder dem Sport verloren gehen.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte vor der Pandemie den Kindern und Jugendlichen in Deutschland kein gutes Zeugnis ausgestellt. 80 Prozent der Jungen, sogar 88 Prozent der Mädchen kamen nicht auf die empfohlene eine Stunde körperliche Betätigung am Tag. Was sagen Sie dazu?

Bewegungsmangel war schon vor Corona ein großes Problem. Durch die Schließungen der Schulen und Kitas fallen jetzt auch noch über fast ein Jahr hinweg die organisierten Formen von Spiel, Sport und körperlicher Betätigung weg. Zusammen mit einer schlechten Ernährung mit zu viel Fastfood und Zucker führt dies zu Übergewicht und – wie man es in den USA bereits sehen kann – zu einer signifikanten Erhöhung der Zivilisations- und Krebserkrankungen. Für unsere Gesellschaft und die Volkswirtschaft ist das ein Teufelskreis.

Was bedeutet der anhaltende Lockdown im Sport für den Nachwuchs?

Die Auswirkungen habe ich jeden Tag direkt vor Augen: Wenn ich aus dem Konferenzraum unseres Stiftungsbüros in den großen Innenhof der Wohnanlage blicke, sehe ich wie da ein etwa zwölfjähriger Jugendlicher an einer Treppe Kraft und Kondition trainiert und anschließend technische Übungen macht und mit dem Ball jongliert. Dass Jugendliche allein für sich trainieren wird vorkommen, ist aber eher die Ausnahme. Wenn wir die Kitas, Schulen und Vereine noch länger geschlossen halten, riskieren wir die Entwicklung einer kompletten Generation in allen relevanten Bereichen: körperlich, geistig und kognitiv.

Müssen Verbände wie DOSB und DFB stärker auf die Gefahren durch Bewegungsmangel aufmerksam machen?

Ich bin kein Epidemiologe oder Virologe, aber es gibt Aussagen von angesehenen Experten, dass bislang die Ansteckungsgefahr unter jungen Menschen, insbesondere Kindern, deutlich geringer ist. Daher stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, Kitas und Schulen zu schließen und den Vereinssport stillzulegen.

Sie haben vor dreieinhalb Jahren die Ralf Rangnick Stiftung gegründet, die sich um die Chancen für Kinder kümmert. Was heißt das für Sie konkret?

Ziel ist es dabei, an den 80 Leipziger Grundschulen mit ihren circa 13.000 Schülern die Bildungschancen der sechs- bis zehnjährigen Kinder nachhaltig zu verbessern. Wir haben uns für das einzige Schulformat entschieden, bei dem Kinder aus allen sozialen Schichten zusammenkommen. Mit mehr als der Hälfte der Grundschulen stehen wir mit unserem wunderbaren Projekt „Unternehmen machen Schule“ in direktem Kontakt; dabei engagieren sich neben lokalen Unternehmen auch Spieler von RB Leipzig als Paten inhaltlich und finanziell. Wegen der Pandemie müssen viele der Projekte ruhen, deswegen haben wir uns zuletzt intensiv dem Thema Digitalisierung des Unterrichts an Schulen verschrieben.

Auch da liegt vieles im Argen, oder?

Die Corona-Krise hat Defizite schonungslos offengelegt. Es ist ja kein Geheimnis mehr, dass wir beim Thema Digitalisierung und digitaler Unterricht ein Entwicklungsland sind. Im internationalen Vergleich sind wir da nicht zweit-, sondern drittklassig. Wir haben deshalb gerade ein einjähriges Pilotprojekt mit einer Dresdner Grundschule gestartet, um zu zeigen wie hybrider und digitaler Unterricht mit den richtigen Konzepten und Inhalten funktionieren kann. Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass selbst heutzutage beim Lehramt-Studium das Thema „digitaler Unterricht“ kaum eine Rolle spielt. Und von den Eltern meiner beiden Patenkinder weiß ich, wie Homeschooling weitgehend funktioniert: Hausaufgaben werden in der Regel zwar per E-Mail an Eltern und Kinder geschickt und der Unterricht so an diese delegiert. Aber ohne das geklärt ist, ob diese dazu auch in der Lage sind.

Noch eine Frage zum Fußball: Wären Sie grundsätzlich zugeneigt, wieder eine größere Aufgabe anzunehmen?

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Was macht eigentlich Ralf Rangnick?

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Der Ex-Trainer von RB Leipzig fordert eine Ausbildung für Sportdirektoren und spricht sich für eine kleine Anpassung aus, die große Auswirkungen hätte.

Erfolg im Fußball ist planbar und dabei immer eine Sache von Teamwork, es geht nur mit hoch kompetenten und starken Leuten an deiner Seite. Dabei ist es hilfreich und wichtig, wenn man am Ende schnelle Entscheidungen treffen kann. Genau damit tun sich in Deutschland einige der großen Traditionsklubs aufgrund ihrer Strukturen immer noch schwer. Ich bin dabei völlig offen für eine neue Aufgabe, bei der ich das Gefühl habe, in einem tollen Team etwas entwickeln zu können. Ob in der Rolle als Sportdirektor, Sportvorstand, Manager oder Cheftrainer hängt letztendlich vom Bedarf und den Vorstellungen des jeweiligen Klubs bzw. Partners ab.

Das Interview führte Frank Hellmann.

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