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Ingrid Gulbin: Erinnerungen an ihren Triumph mit 17

Die Wasserspringerin Ingrid Gulbin gewinnt bei Olympia 1960 in Rom zweimal Gold. Noch heute freut sie sich über ihre Triumphfahrt durch Dresden.

Postkartenschreiben am Tokioter Beckenrad: Wasserspringerin Ingrid Gulbin gewann bei Olympia 1964 in der japanischen Hauptstadt mit 21 Jahren ihr dritte Goldmedaille. Der Empfang danach war eher nüchtern – ganz anders als vier Jahre zuvor.
Postkartenschreiben am Tokioter Beckenrad: Wasserspringerin Ingrid Gulbin gewann bei Olympia 1964 in der japanischen Hauptstadt mit 21 Jahren ihr dritte Goldmedaille. Der Empfang danach war eher nüchtern – ganz anders als vier Jahre zuvor. © dpa

Dresden. Das konnte sie nicht ahnen. Im offenen Auto fuhr Ingrid Krämer 1960 von Meißen nach Dresden. „In Cossebaude standen die Menschen an der Straße, es war ein jubelndes Spalier. Ich wusste nicht, wie mir geschah“, erzählt Ingrid Gulbin heute über die Triumph-Fahrt in der Staatskarosse vor 60 Jahren. Niemand hatte die damals 17-Jährige darauf vorbereitet, urplötzlich im Mittelpunkt zu stehen.

Es kam ja alles überraschend. Die „blonde Deutsche“ hatte in Rom bei den Olympischen Spielen den US-Amerikanerinnen das bis dahin ihnen so sichere Olympiagold weggeschnappt. Nach den zwei Olympiasiegen im Wasserspringen war Ingrid Krämer urplötzlich landesweit bekannt. Schon bei der EM 1958 hatte die Dresdnerin eine Medaille in Sichtweite, es sollte noch nicht sein. 

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Sie nahm einen neuen Anlauf. Aber was war in Rom möglich? „Wir wussten es nicht“, erzählt sie. „Wir hatten ja keine Chance, uns mit den Amerikanerinnen in irgendeiner Form zu messen. Es gab vor den Spielen keine Wettkämpfe miteinander, wir besaßen kein Material über sie, kannten keine Filme. Wir hatten keine Ahnung, auf welches Feld wir trafen.“ 

Nur Kampfrichter meinten, dass es ganz weit nach vorn gehen könnte. Die Olympia-Debütantin gab nichts darauf: „Im Wettkampf kann ja immer alles passieren – im Guten wie im Schlechten. Ich hatte mir vorgenommen, mein Bestes zu geben, wollte von Sprung zu Sprung sehen, dass alles gelingt. Diese Rechnung ging auf.“

Mit der Fahne bei der Abschlussfeier

Die Gefühle nach dem zweiten Gold sind für Ingrid Gulbin auch heute noch schwer zu beschreiben. Fast verlegen wirkt ihr Lachen, als sie erzählt, dass sie auch vom Turm ihre Chance nutzen wollte: „Dass es noch mal klappt mit Gold, konnte keiner ahnen.“ Danach überschlugen sich die Ereignisse. Die zweifache Olympiasiegerin trug die Fahne bei der Abschlussfeier. Wenn die 77-Jährige nun schildert, was damals mit ihr passierte, dann sucht sie immer noch nach passenden Worten. Es war „wie in einem Märchen“, sagt sie, „weil es so weit weg war von allem, was man sich vorgestellt hatte.“

Die emotionalen Ausschläge hörten nicht auf, nachdem das olympische Feuer verloschen war. In Rom ahnte sie nicht, was sie zu Hause erwarten würde. Empfänge und im Mittelpunkt stehen, damit tat sich die Wasserspringerin schwer. Ihre Maxime lautete: „Ich mache mein Ding, gebe mir alle Mühe, dann ist es aber auch gut.“ Trainer, Betreuer und Funktionäre waren für eine emotionale Einstimmung auf die Begrüßung in der Heimat auch keine guten Berater. Sie alle hatten keinerlei Erfahrungen damit. Die damals gesamtdeutsche Mannschaft flog in mehreren Maschinen zurück. Ingrid Krämer landete in Berlin-Schönefeld. Da gab es die erste Begrüßung, dann fuhren die Olympiateilnehmer in Autos in ihre Heimatorte.

Die Dresdner wurden zum Altmarkt chauffiert. „In Cossebaude, wo wir nun seit 14 Jahre wohnen, da sprechen mich jetzt noch Leute an, die das damals am Straßenrand miterlebt haben“, erzählt Ingrid Gulbin. „Ich stand im offenen Auto mit meiner Trainerin Eveline Sibinski und anderen Sportlern, wir haben gewinkt. Es war überwältigend.“ Als sie wenig später auf den Altmarkt blickte, traute sie ihren Augen nicht. Der Platz war voller Menschen. „Ich konnte es nicht fassen, dass so viele zu unserem Empfang gekommen waren“, sagt Ingrid Gulbin. Sie musste eine kleine Rede halten, die hatte man ihr vorbereitet. „Ich lebte wie in einem Traum und staunte, wie begeistert die Dresdner uns empfingen.“

Heiratsanträge aus den Vereinigten Staaten

Die eher zurückhaltende kleine Sportlerin stand plötzlich im Mittelpunkt, ob sie wollte oder nicht. Sie war „stolz, dass man das geschafft hatte“. Andererseits erlebte die Schülerin auch eine neue, bis dahin unbekannte Belastung: „Ich wurde ja überall erkannt. Es liegt mir nicht, mich im Erfolg zu sonnen. Ich wollte eigentlich lieber im Stillen genießen und dann weiterarbeiten.“ Aber sie hatte auch Verständnis für die Leute, die solches Interesse zeigten, „Die Dresdner waren wie aus dem Häuschen“, erinnert sie sich. „Aber ich habe mir damals gedacht: Sie wollen ja nichts Böses, die ehren dich. Dafür Zeit zu geben, war wie eine Pflicht für mich. Die Leute hatten es mir ja im Grunde erst ermöglicht, dass ich meinem Sport nachgehen konnte. Dafür war ich ihnen ja so dankbar.“

Der Olympia-Empfang 1960 hatte auch eine politische Seite. Transparente waren unübersehbar mit Losungen wie „Mit Ingrid Krämers Siegeswillen werden wir den Plan erfüllen“ oder „Ingrid schlug die Spitze der Welt, wir kämpfen wie sie um höchste Qualität“. Fast verlegen sagt sie dazu heute, dass ihr das damals eine Art Ehre gewesen sei, mit Abstand wirkt es eher belustigend. Wie auch die zahlreichen Heiratsanträge, die sie erhielt. Die meisten kamen aus den USA. 

„Mein Vati hat die alle abgeschmettert“, sagt Ingrid Gulbin und lacht leise. So umschwärmt zu sein, sei irgendwie unangenehm gewesen. „Ich musste es aber aushalten, selbst wenn es anstrengend war. Eigentlich hatte ich für so etwas gar keine Zeit. Ich musste ja wieder zur Schule, hatte einiges nachzuholen, und das Training ging auch weiter.“ Sie versuchte, alles unter einen Hut zu bekommen. Dankbar ist sie noch heute dem Direktor und den Lehrern am Hülße-Gymnasium in Dresden, die alle viel Verständnis für ihren Sport hatten.

Kritik an der heutigen Sportlergeneration

Bei den Olympischen Spielen 1964 in Tokio gewann Ingrid Gulbin ihre drittes Olympiagold und Silber. Der Empfang danach war anders. Sie hatte nach Rostock umziehen müssen wegen besserer Bedingungen dort. Die Norddeutschen reagierten kühler, es waren „normale Feierlichkeiten“. Deshalb bleibt der Dresdner Olympiaempfang vor 60 Jahren ein ganz besonderes Ereignis für Ingrid Gulbin. „Diese schönen Gefühle vergisst man nicht“, sagt sie. „Ich habe eine ganz ehrliche Herzlichkeit gespürt, die Leute waren so begeistert, so geradlinig. Das erlebte ich in diesen Dimensionen in meinem Leben nie wieder.“

Den heutigen kommerzialisierten Sport sieht die dreifache Olympiasiegerin kritisch: „Geld war früher beim Sport gar kein Gedanke für mich. Ich habe nie darüber nachgedacht, was mir Erfolge materiell bringen. Wir waren froh, dass wir den Sport machen konnten, dass uns die Möglichkeit gegeben wurde, intensiv Sport zu treiben. Dass wir das alles erleben durften, war so ein Gewinn für einen als Persönlichkeit. Und aus dem Wissen, was man über die Jahre gesammelt hat, konnte ich über Jahre schöpfen. Ich möchte das mit nichts anderem vergleichen wollen. Was jetzt im Sport los ist, kann ich nicht nachvollziehen, dass jeder sein eigenes Ding macht, jeder seinen Trainingsplan selbst zusammenzimmert, sich jeder nur um sich kümmert. Wir sind alle gemeinsam zu Meisterschaften geflogen. Jetzt kommen sie einzeln, wie es jedem passt.“

„Wir waren oft die besseren Sportler“

Und sie hadert damit, was nach der Wende mit dem DDR-Sport passierte. „Unmöglich, was da geschehen ist“, sagt sie mit Bitterkeit in der Stimme und beklagt die „ungerechte Behandlung gegenüber so vielen, die im Sport gearbeitet haben. Es gab doch keinen Grund, die vielen Trainer zu entlassen. Das wirkte wie Siegermentalität, wie ein später Rachefeldzug, das musste nicht sein. Das hätte man anders regeln können.“ Ingrid Gulbin spricht aus eigenen Erfahrungen. Drei Jahre war sie arbeitslos. Dennoch sagt sie: „Ich bin mit mir im Reinen, es bringt nichts, ewig zu hadern.“ Aber sie bleibt dabei: „Wir waren im Sport doch eine Weltmacht, warum musste das alles zerstört werden? Da waren Leute am Werk, die keine Ahnung vom Leistungssport hatten.“

Sie beklagt zudem, wie mit einstigen DDR-Sportlern umgegangen wurde. Für die Hall of Fame hätte sich die dreifache DDR-Sportlerin des Jahres – die 1960 sogar die Umfrage in Ost- und Westdeutschland gewonnen hatte – über zwei, drei Jahre überprüfen lassen müssen, „ob wir was mit der Stasi zu tun hatten. Da stellen sich schon Fragen. Ich hatte das Gefühl, als ob wir uns als DDR-Bürger entschuldigen müssen, hier gelebt zu haben. Dabei waren wir oft die besseren Sportler. Die Politik war einfach unfair und nicht sachverständig.“ Sie bedauert auch, dass häufig nur die negativen Seiten der DDR eine Rolle spielen: „Wenn ich heute über das Wir-Gefühl damals erzähle, dann staunen oft junge Leute, weil sie in der Schule eine andere Sicht auf die DDR vermittelt bekommen. Das ist frustrierend.“

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Selbst wenn sich nichts ändert – die einst Umjubelte wird auch künftig darüber sprechen, was sie ärgert. Und die diplomierte Trainerin im Ruhestand genießt mit ihrem Mann, einem früheren Wasserspringer, das Leben in Cossebaude. „Ich fühle mich wie reingeboren hier“, sagt Ingrid Gulbin, die 15 Jahre eine Sportgruppe im Ort geleitet hat. Die beiden Enkelinnen erlebt sie selten, die studieren jetzt in Mainz. So ist der freundliche Zwergschnauzer Jacki der große Sonnenschein des Paares. Und Ingrid Gulbin schwärmt von ihrem Zuhause, den Elbwiesen, dem Blick auf die Weinberge, den Menschen, die ihr so vertraut sind. Mit ihnen verbindet sie auch die Erinnerungen an hochemotionale Tage vor 60 Jahren.

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