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Sport

„Ich habe den Radsport gelebt, geliebt und gehasst“

André Greipel hat so oft gewonnen wie kein anderer deutscher Profi. Mit 39 Jahren hört er am Saisonende auf. Wie er zurückblickt und was er erwartet.

André Greipel hat als Sprinter jede Menge Erfolge gefeiert, demnächst fährt er langsamer Rad.
André Greipel hat als Sprinter jede Menge Erfolge gefeiert, demnächst fährt er langsamer Rad. © Augenklick/Roth

Rostock. Gemessen an den Siegen ist André Greipel der erfolgreichste Radprofi, den Deutschland je hervorgebracht hat. Der gebürtige Rostocker gewann elf Etappen bei der Tour de France und fuhr als Profi insgesamt 158-mal als Erster über den Zielstrich. Nun beendet er nach 17 Jahren seine Karriere und bestreitet als eines seiner letzten Rennen die Deutschland-Tour, die am Donnerstag in Stralsund beginnt und in vier Etappen über 727 Kilometer nach Nürnberg führt. Im Interview spricht Greipel über seine Karriere, die Zukunft und die Situation im deutschen Radsport.

Wie groß ist die Vorfreude, zum Ende Ihrer Karriere bei der Deutschland Tour eine Etappe quasi vor der eigenen Haustür zu bestreiten?

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Das gab es ja noch nie, dass in meiner Heimat ein professionelles Rennen stattfindet. Es ist schon schön, dass oben im Norden eine Etappe ausgetragen wird. Ich kenne hier jede Straße.

Es winkt zum Auftakt auch eine Sprintankunft. Ein Etappensieg wäre da sicher ein Traumszenario.

Träume hat man viele. Ich werde mein Bestes geben.

Sie werden wie bei der Tour zusammen mit dem viermaligen Tour-Champion Chris Froome in Ihrem Team starten. Was ist von ihm zu erwarten?

Ich hoffe, dass er seine Tour verkraftet hat. Es war eine sehr schwere Tour für ihn mit dem Sturz am ersten Tag. Mal gucken, auf welchem Niveau er sein wird. Aber für die Deutschland Tour ist es schön, dass ein Chris Froome dort am Start steht.

Radrennen in Deutschland sind auch wegen der Corona-Pandemie eine Seltenheit geworden. Ist die viertägige Rundfahrt daher umso spezieller?

Es ist in der jetzigen Phase alles ein bisschen komisch, wenn man sieht, dass Hamburg abgesagt wurde und vier, fünf Tage später die Deutschland Tour stattfindet. Von daher müssen wir froh sein, dass die Rennen überhaupt stattfinden.

Ihr Vertrag beim Team Israel Start-Up Nation wäre noch bis 2022 gelaufen. Was hat den Ausschlag gegeben, dass Sie zum Ende der Saison aufhören?

Ich habe das noch nie an Verträgen oder Jahreszahlen festgemacht. Viele haben mir gesagt, man spüre den Moment fürs Aufhörens. Das habe ich in diesem Jahr gespürt. Ich bin 39 und das Leben besteht nicht nur aus Radsport. Ich habe noch einmal zwei Rennen gewonnen dieses Jahr, aber – ganz ehrlich:. Das hat mich nicht mehr sehr viel angemacht. Das war für mich auch ein Zeichen zu sagen: Okay, jetzt reicht es.

Woran machen Sie das konkret fest?

Ich habe vor dieser Saison zwei Jahre wenig bis gar nichts gewonnen. Deswegen hatte ich für mich den Anspruch, wieder Rennen gewinnen zu wollen. Das hat in diesem Jahr geklappt. Aber aus irgendeinem Grund hat mich das nicht mehr geflasht. Andere haben sich mehr gefreut als ich selber. Es war schön, dieses Jahr einen guten Abschluss zu haben. Auch das Umfeld, die Mannschaft hat gestimmt. Ich hatte mit Rick Zabel einen sehr guten Anfahrer. Man muss aber auch registrieren, dass man mit 39 Jahren öfter bremst und Risiken aus dem Weg geht, auch wenn die Wattwerte dieselben sind.

Ist Radsport gefährlicher geworden?

Radsport war schon immer gefährlich. Auch die Tour war schon immer so. Es gab noch keine Tour de France, die ich gefahren bin, bei der es in der ersten Woche keine Stürze gab. Das gehört leider dazu.

Haben Sie sich bei der Tour bewusst aus dem Chaos rausgehalten?

Im Unterbewusstsein ist das bestimmt so. Trotzdem habe ich die Risiken genommen und mein Bestes gegeben. Das hat bei der Tour nicht mehr zu sehr vielen vorderen Plätzen gereicht. Es war eine solide Leistung. Die jungen wilden Talente drücken und wollen ihre Plätze haben.

Was passiert nach der Karriere? Ein Job als Sportdirektor?

Dann wäre ich wieder unterwegs. Dafür bräuchte ich nicht aufzuhören. Ich möchte auch mal gerne zu Hause bleiben und nicht wieder durch die Gegend reisen. Ich werde dem Radsport erhalten bleiben, aber mit einem überschaubaren Pensum.

Was bleibt hängen nach Ihren 17 Jahren als Profi?

Vieles. Ich kenne den Radsport, seit ich zehn bin. Die letzten 29 Jahre haben mit mir sehr viel gemacht. Ich habe den Radsport gelebt, geliebt und manchmal auch gehasst. Es ist eine Lebenseinstellung gewesen. Mal gucken, wie diese Lebenseinstellung ohne den Radsport vorangeht. Es wäre ein Wunder, wenn ich sage: Ich möchte gar nichts mehr mit dem Radsport zu tun haben. Das wird nicht der Fall sein. Ich werde noch viel Fahrrad fahren, aber ohne Leistungsdruck.

Welche Momente bleiben in Erinnerung?

Wir waren immer mit vielen Freunden unterwegs. Jedes Rennen war wie eine Klassenfahrt. Das hat immer Spaß gemacht. An die Grenze zu gehen, ist auch eine Sucht geworden. Das ist auch ein gewisser Hormonausschub, der dort passiert. Dass man ein bisschen von der Sache abhängig wird, brauche ich keinem zu erzählen. Wenn man den Sport lebt, hat man sich auf so etwas immer gefreut.

Welche Siege haben einen Ehrenplatz?

Die Etappensiege bei der Tour waren alle speziell, aber auch andere Rennen, die ich gewinnen konnte. Ich bin aber immer derselbe Rennfahrer und Mensch geblieben. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich meinen Weg gegangen bin.

Wie gefällt Ihnen das Format der Deutschland Tour mit vier Etappen?

Weniger ist manchmal mehr. Besser vier Etappen als keine Deutschland Tour. Das Konzept ist schön mit den Zielrunden und dem Plan, das Publikum mit einzubeziehen. Vor dem Herbst und der WM ist es ein guter Moment, wann die Deutschland Tour im Kalender stattfindet.

Ist Deutschland reif für eine längere Rundfahrt wie in früheren Jahren?

Mit Sicherheit. Das wird es auch in Zukunft geben. Es ist die Vision einer Deutschland Tour, die über eine Woche geht.

Sie und Marcel Kittel haben Deutschland viele Jahre mit vielen Siegen verwöhnt. Wo bleiben die Topsprinter?

Pascal Ackermann hat letztes Jahr das Sprinttrikot beim Giro gewonnen. Er ist bei allen Sprints irgendwo mit dabei. Wenn man Zweiter oder Dritter wird, ist man trotzdem noch ein Topsprinter. Es kann nur einer gewinnen. Ich sehe in Deutschland doch den einen oder anderen Sprinter.

Trotzdem scheint es in der Breite weniger deutsche Spitzensprinter zu geben.

Man kann nur mit dem arbeiten, was einem Mutter Natur mitgibt. Das sind nun einmal die schnellen Muskelfasern. Wenn die Talente vor Jahren nicht so erkannt und gefördert wurden, sind weniger Sprinter da. Es herrscht aber auch eine große Leistungsdichte im Sprint.

Ein Nachwuchsproblem im Radsport?

Da kann man jede Sportart nehmen. Im Nachwuchs ist oft nicht mehr der Wille da, sich zu quälen. Das ist geringer geworden als bei uns damals. Handys, Playstation und so weiter machen ihr Übriges, das dazu führt, dass Kinder manchmal gar nicht mehr dem Sport nachgehen.

Ein Grund dafür, dass es bei Olympia die schlechteste Ausbeute für Deutschland seit der Wiedervereinigung gab?

Das System der Zentralisierung ist manchmal nicht so förderlich. Ich bin selbst Familienvater. Ich würde mich auch schwertun, meine 13-, 14-jährige Tochter wegzugeben in irgendeine Sportschule. Da kann man auch Eltern verstehen. Schade, dass kleinere Klubs noch kleiner werden und Trainerposten verlieren.

Interview: Stefan Tabeling, dpa

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