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Schwimmerin Sylvia Gerasch: „Ich fühlte mich wie Freiwild“

Sylvia Gerasch wurde wegen zu viel Kaffee für zwei Jahre gesperrt. Die Schwimmerin suchte eigene Wege – und überraschte sich am Ende sogar selbst.

Sylvia Gerasch überrascht immer wieder, nicht nur als Schwimmerin. Die 51-Jährige hat nach ihrer Leistungssport-Karriere im Steuerbüro gearbeitet und beim Berliner Fußballverband.
Sylvia Gerasch überrascht immer wieder, nicht nur als Schwimmerin. Die 51-Jährige hat nach ihrer Leistungssport-Karriere im Steuerbüro gearbeitet und beim Berliner Fußballverband. © imago

Die Stars bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney waren andere. Weitspringerin Heike Drechsler zum Beispiel, Kanutin Birgit Fischer und 800-Meter-Läufer Nils Schumann. Mit ihren Siegen bestimmten sie die deutschen Schlagzeilen. Bemerkenswertes gelang vor 20 Jahren jedoch auch Sylvia Gerasch: Im fünften Anlauf schaffte die Brustschwimmerin ihren ersten Olympiastart. Dabei hatte die gebürtige Cottbuserin jahrelang für Weltklassezeiten gesorgt. Schon 1984 durfte sie sich als heimliche Olympiasiegerin fühlen.

Zu Geraschs Karriere gehört zudem eine hoch umstrittene Sperre wegen Coffein-Dopings. Im SZ-Interview blickt die 51-Jährige, die jetzt in Fürstenwalde lebt, auf ihre in vielerlei Hinsicht ungewöhnliche Laufbahn zurück und erklärt, warum sie niemals dopen konnte.

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Frau Gerasch, trinken Sie noch Kaffee? 

Natürlich, aber nur noch vormittags.

In welche Falle sind Sie denn getappt, als Sie 1993 wegen zu viel Kaffee für zwei Jahre gesperrt wurden?

Manche hielten es nicht für möglich, dass allein durch Kaffeetrinken der Coffein-Doping-Grenzwert überschritten werden konnte. Das war zwar durch Tests widerlegt worden, und bei schwitzenden Sportlern steigt der Wert noch stärker an. Sogar bei den Dopingkontrollen wurde damals Kaffee ausgeschenkt. Ich trank viel davon. Alle wussten, dass der Grenzwert verändert werden muss. Ich lag einfach drüber. Das war so, aber nicht gerecht. Man wartete das Ende meiner Sperre ab, um Klagen zu vermeiden. Danach war alles anders. Coffein flog von der Dopingliste.

Wie fühlten Sie sich damals?

Verarscht. Sie haben es durchgezogen, hatten wohl ihren Stolz und wollten keine Fehler zugeben.

Sie hatten doch sicher auch Ihren Stolz?

Der war irrelevant. Ich konnte nichts dagegen machen und fühlte mich wie Freiwild. Dabei sahen es die meisten nicht ernsthaft als Doping. Unter Sportlern wurde darüber nur gelacht.

Kam dann so was wie Trotz, es noch mal allen zu beweisen?

Nicht unbedingt. Ich hatte ja schon mal zu DDR-Zeiten aufgehört mit dem Sport. Ich wusste, dass ich viel Talent habe und nicht viel trainieren muss.

Da waren Sie ja gut aufgehoben bei Ihren Trainern. Oder?

(lacht) Ich hatte immer drei Trainingspläne. Einen offiziellen, den vom Trainer und einen, den ich wirklich gemacht hatte. Das war mehr Athletik, spezifischer im Wasser. Da wurde an der Technik gefeilt. Ich konnte gar nicht lange schwimmen. Das Wasser war mir auch zu kalt. Ich hatte zudem ziemlich spät angefangen mit der Schwimmerei. Mich wollte doch keiner.

Aber Sie waren doch schon mit 14 Jahren EM-Zweite?

Als es mit den Trainingszentren losging, wurde ich immer überrundet. Mich wollte keiner trainieren, außer einer. Der sah, dass ich eine wunderbare Wasserlage hatte. Bei dem habe ich aber in der 5., 6. Klasse mehr unter der Dusche gestanden, als im Becken zu sein.

Wollten Sie zum Leistungssport?

Eigentlich schon. Doch als die Talente in Cottbus gesichtet wurden, da winkten zuerst die Berliner, danach die Dresdner ab. Luckenwalde durfte sich aus dem Rest was aussuchen. Da hatte Berlin später eine zweite Sichtungschance. Nur Jörg Bliedung fiel meine Wasserlage auf.

Und dann ging es schnell vorwärts?

Nicht unbedingt. Ich fror ja immer. Aber er hat mich machen lassen. Dann überredete man mich, nach Berlin zu Dynamo zu gehen. Da war ein väterlicher Trainer, der leider nach zwei Monaten krank wurde. So kam ich zu Dieter Lindemann, der mich nach zwei Tagen rauswarf und meinte, ich kann wiederkommen, wenn ein neuer Trainer gefunden ist. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben. Ich schaffte seine Trainingsumfänge nicht. Sie dachten, ich verarsche sie. Aber wenn ich die Riesenumfänge probierte, war ich danach krank.

Und wie platzte dann der Knoten?

Harald Gampe hatte ein Einsehen. Er meinte, wenn ich nicht so schwimmen kann wie die anderen, dann müssen wir es eben über Technik und Psychologie versuchen.

Sie durften ein weicheres Programm machen?

Ein anderes, dafür habe ich in der Turnhalle mit den Jungs Fußball gespielt. Das war mein Athletikprogramm. Ich wurde auf Koordination, Taktik, Kopfsachen geeicht.

Und staunten alle, als Sie 1983 plötzlich vorn mitschwammen?

Ja, selbst ich. Ich war ja nicht darauf vorbereitet. Und ein Jahr später schwamm ich Weltrekord. Gerechnet hatte damit keiner.

Das wäre der Olympiasieg gewesen -– ohne Boykott?

Wahrscheinlich. Ich hatte die Ersatzspiele in Moskau gewonnen. In Los Angeles waren sie im richtigen Olympiarennen nicht schneller. Aber ich war damals ja noch so jung, erst 15. Da erfasst man die Dimensionen noch nicht. Als uns der Boykottbeschluss verkündet wurde, brach für manche eine Welt zusammen. Da wurde geheult. Für mich kam ja sowieso alles überraschend. Es war eine verrückte Zeit.

Aber warum hat es dann erst im fünften Anlauf mit einem Olympiastart geklappt?

Vor 1988 hatte ich keine Lust mehr und Probleme mit einem neuen Trainer. Ich trainierte oft allein. Irgendwann war die Luft raus. Eigentlich wollte ich 1986 aufhören, durfte aber nicht, weil ich da Weltmeisterin geworden war. Da hatte ich aber auch gut trainiert. Doch die Probleme mit dem Trainer blieben. 1988 war erst mal Schluss mit dem Schwimmen. Ich habe die Schule zu Ende gebracht. Dann kam die Wende. 1991 habe ich wieder angefangen.

Ging das so einfach?

Da lachten viele, weil ich mit den anderen nie mithalten konnte im Training. Wenn ich in einer Einheit zwei Kilometer am Tag geschwommen bin, dann war das viel. Für Schwimmer ist das sehr wenig. Aber ich wurde plötzlich Deutsche Meisterin. Das verstand damals keiner.

Sie haben es dann noch mal ernsthaft probiert?

Wie das so ging mit Ausbildung zur Bankkauffrau. Ich habe nebenbei auch gearbeitet und wechselte nach Hannover. Aber für die Spiele in Barcelona reichte es nicht. Ich wurde bei den Meisterschaften nur Dritte. An der Norm fehlten drei Hundertstel.

Dann kam die Sperre. Als Sie es zu den Spielen 1996 in Atlanta nicht schafften, waren Sie da am Verzweifeln?

Ich ärgerte mich und sagte mir: Du bist zu dumm dazu. Es war wohl eine Kopfsache. Ich wollte es unbedingt schaffen, vielleicht zu sehr mit Gewalt. 2000 habe ich es dann ja doch noch gepackt und war bei den Spielen in Sydney.

„Jetzt bin ich beim Deutschen Roten Kreuz in Fürstenwalde als Bilanzbuchhalterin angestellt“, sagt Sylvia Gerasch im SZ-Gespräch. Foto: Jochen Mayer
„Jetzt bin ich beim Deutschen Roten Kreuz in Fürstenwalde als Bilanzbuchhalterin angestellt“, sagt Sylvia Gerasch im SZ-Gespräch. Foto: Jochen Mayer © Jochen Mayer

Da waren Sie 31.

Da sah ich alles nur noch locker. Ich war im Endlauf leider übermotiviert. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich für Medaillenplätze keine Chance gehabt hätte. Rang acht war achtbar. Mit der Lagenstaffel wurden wir Vierte.

Wie war das so lange angestrebte Olympia-Erlebnis?

Wunderbar. Ich kannte ja viele einstige DDR-Sportler noch aus Trainingslagern. Das fühlte sich gut an. Die Spiele waren grandios, die Stimmung in der Schwimmhalle enorm. Ich habe das alles sehr genossen. Sydney ist zudem eine wunderbare Stadt. Ich habe mich da sehr wohl gefühlt.

Wie schauen Sie auf die beiden deutschen Sportsysteme?

Der Westen hat viel kaputt gemacht, was erhaltenswert gewesen wäre. Da hätte manches übernommen werden können, vor allem die Verbindung von Sport und Schule. In Sachen Trainingsstützpunkte und Methodik wäre vieles erhaltenswert gewesen.

Mussten Sie in den Dopingprozessen gegen Trainer aussagen?

Ja. Aber von mir war da nicht viel zu erwarten. Ich wurde ja aus vielem rausgehalten im DDR-Sport, auch aus dem Doping.

Noch mal bitte: Sie wurden da rausgehalten?

Ja. Ich bin etwas allergisch gegen Chlor, habe Bronchialasthma. Meine Schwester wäre durch ein Schmerzmittel bei einem Allergieanfall fast gestorben. Auch deshalb war meine Ärztin da sehr wachsam. Sie hat mich vor dem Doping bewahrt. Und ich bin oft zur Kur gefahren wie nach Bad Salzungen oder in die Hohe Tatra.

Wie erklären Sie sich, dass Sie so lange Weltspitze sein konnten?

Grundlagen habe ich natürlich auch gelegt. Die konnte ich schnell abrufen. Und ich wusste, dass sich viel im Kopf abspielt. Das kann den Unterschied ausmachen. Trainieren und Umfänge schrubben schafft fast jeder. 2001 war ich ja noch mal bei den Goodwill Games einen Europarekord geschwommen. Danach war Schluss nach einem Mittelfuß-Bruch.

Was hat Sie getrieben nach all den Dämpfern, immer wieder weiterzumachen?

Wir waren eine Supertruppe. Es hat mir immer Spaß gemacht. Ich gehe heute noch ein-, zweimal schwimmen in der Woche. Bei den Masters startete ich auch. Aber bei den Senioren hatte ich das Gefühl, dass da viele verbissener und verrückter sind als beim Leistungssport. Doch ich will Spaß haben beim Sport. Das ging mir früher schon so, wenn ich mit den Jungs Fußball gespielt habe.

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Das Interview führte Jochen Mayer.

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