merken
PLUS Sport

Warum der Weltmeister außen vor ist

Die deutschen Skispringer erwischen einen perfekten Start in die Saison, aber der Sachse Richard Freitag hat sich für den Weltcup nicht qualifiziert.

Vorsichtig optimistisch blickt Richard Freitag auf die neue Saison, in der er sich erst mal wieder fürs Weltcup-Team qualifizieren muss.
Vorsichtig optimistisch blickt Richard Freitag auf die neue Saison, in der er sich erst mal wieder fürs Weltcup-Team qualifizieren muss. © Fotostand

Die deutschen Skispringer starten mit einem Doppelsieg in die Saison: Markus Eisenbichler feiert in Wisla mit Sprüngen auf 137,5 und 134 Meter den zweiten Weltcup-Sieg seiner Karriere, Karl Geiger (133,5/128) fliegt direkt hinter ihm auf Platz zwei. Bereits am Samstag war das Team Bundestrainer Stefan Horngacher mit den beiden Überfliegern sowie Constantin Schmid und Pius Paschke knapp hinter Österreich Zweiter geworden. „Die große Frage war, wo wir stehen. Jetzt sehen wir: Wir sind dabei. Die Erleichterung ist groß“, sagte Horngacher zufrieden.

Nicht am Start in Polen war Richard Freitag, zum ersten Mal seit sieben Jahren fehlte der Team-Weltmeister bei einem Weltcup-Auftakt. „Das ist natürlich nicht so doll, ganz klar“, sagt er, respektiert aber die Entscheidung des Bundestrainers. „Im Sommer und Herbst gab es mehrere Ausscheidungswettkämpfe. Die gingen knapp aus, letztlich hat sich Andreas Wellinger qualifiziert – und nicht ich.“ Der Olympiasieger ist nach einem Kreuzbandriss und mehr als einjähriger Pause zurückgekehrt.

TOP Reisen
TOP Reisen
TOP Reisen

Auf ins Weite, ab in die Erholung! Unsere Top Reisen der Woche auf sächsische.de!

Für Freitag wäre es auch eine Rückkehr gewesen, wenn auch seine Auszeit deutlich kürzer ausfällt. Und ganz weg war er nie, bloß von der großen Bühne. Als er vergangenen Dezember die Qualifikation für die Vierschanzen-Tournee verpasst hatte, unterbrach er die Saison und trainierte stattdessen. Doch auch danach lief es nicht besser, Platz 15 blieb das beste Einzelergebnis. „Der Trainingsblock hatte sich letztlich nicht ausgezahlt, aber das weiß man natürlich vorher nie.“

Bundestrainer macht ihm Hoffnung

Am Ende der verkorksten Saison startete er im Continental-Cup, der zweiten Liga im Skispringen. Dort muss er sich nun wieder anbieten. „Wenn er überhaupt stattfindet, so genau weiß man das leider nicht“, erklärt er und meint die Unsicherheiten wegen der Corona-Pandemie. Bundestrainer Stefan Horngacher macht ihm Hoffnung. Dass Wellinger „ganz knapp die Nase vorn hatte, heißt nicht, dass er jetzt immer dabei ist. Er muss die Leistung im Weltcup bringen.“ Zum Silber-Team vom Samstag gehörte Wellinger nicht, am Sonntag verpasste er in seinem ersten Weltcup seit 20 Monaten bei schwierigen Bedingungen als 39. den zweiten Durchgang klar. „Ich war schon nervös – deutlich mehr, als ich es von mir kenne“, sagte der 25-Jährige in der ARD.

Ungewohnte Atmosphäre auch beim Weltcup im polnischen Wisla: Der derzeit beste deutsche Skispringer Marcus Eisenbichler fliegt über die leeren Ränge im Stadion. Vor dem Zaun hatten rund 100 Fans mit Tröten und Rufen wenigstens etwas Stimmung gemacht.
Ungewohnte Atmosphäre auch beim Weltcup im polnischen Wisla: Der derzeit beste deutsche Skispringer Marcus Eisenbichler fliegt über die leeren Ränge im Stadion. Vor dem Zaun hatten rund 100 Fans mit Tröten und Rufen wenigstens etwas Stimmung gemacht. © dpa/Grzegorz Momot

Richard Freitag werde seine Chance bekommen, kündigte Horngacher an. Nur wann? Letztlich entscheidet die Leistung. Und die passt schon länger nicht mehr beim Springer aus Aue. Als er vergangenen Winter bei der ersten Station der Vierschanzen-Tournee den ersten Durchgang verpasst hatte, machte er dafür einen Absprungfehler verantwortlich. Er drücke sich zu einseitig mit einem Fuß ab, erklärte er damals, und gerate deshalb in der Flugphase in eine Schieflage.

Ein technischer Fehler also, auch wenn Freitag rückblickend sagt, dass es eher „ein ganzheitliches Problem“ war. Doch wie schleicht sich so etwas bei einem Athleten ein, der seit elf Jahren im Weltcup dabei ist und immer wieder – oft mit der Mannschaft wie zuletzt bei der WM 2019 – Erfolge gefeiert hat? Freitag erklärt, es sei vor allem eine Kopfsache. Beim Absprung gehe alles so schnell, dass man keinen Zugriff mehr habe, keine Zeit einzugreifen.

„Deshalb muss eine abgespeicherte Bewegung abgerufen werden“, sagt er. „Und wenn sich da ein Fehlerbild eingeschlichen hat, kriegt man es nur ganz schwer wieder raus. Wenn dann eins zum anderen kommt, man merkt, es läuft nicht so, macht man sich ganz schnell das Leben selber schwer. Irgendwann geht der Knoten auf – oder er zieht sich noch mehr zu. Man weiß manchmal nicht, warum es läuft, und auch, warum es ein anderes Mal nicht läuft.“ Es ist wohl eine ziemlich exakte Beschreibung seiner persönlichen Situation im vergangenen Winter.

Sportpsychologe bringt ihm keinen Vorteil

Auf die Hilfe eines Sportpsychologen verzichtet er weitgehend. Er habe Kontakt zu einem, arbeite aber nicht regelmäßig mit ihm zusammen. „Da ist jeder anders. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich keinen entscheidenden Vorteil draus ziehen kann. Ich brauche vielmehr Ruhe und die Beratung von Trainern und Freunden.“

Sie sind es auch, die ihm in schwierigen Phasen helfen und ihn unterstützen würden. Wie gerade also. Und natürlich die Familie. Mit seinem Vater Holger und seiner zehn Jahre jüngeren Schwester Selina kann er sogar Fachgespräche führen, beide waren oder sind im Weltcup unterwegs.

Dort wieder hinzukommen, ist für den Erfolgreichsten in der Familie erst mal das einzige Saisonziel. Andere, höhere müsse er jetzt nicht formulieren, sagt der 29-Jährige. Den Anschluss wieder zu finden, sei auch mit Blick auf die nächste Saison wichtig. Die ist mit den Spielen 2022 in Peking eine olympische. „Das steht auf meinen Plan und das verliere ich auch nicht aus den Augen“, sagt er und klingt dabei durchaus kämpferisch.

Trotz der Niederlage gegen Wellinger und die anderen im Team bei der Vorbereitung sei er guter Dinge, dass es wieder bergauf geht. Mit der Heim-WM in Oberstdorf gibt es neben der Vierschanzen-Tournee einen weiteren Höhepunkt im nun eingeläuteten Winter. Ob Zuschauer dabei sein können, steht derzeit noch nicht fest. Freitag kann sich leere Traversen nur schwer vorstellen. Er appelliert, alles Mögliche aber auch Vertretbare zu tun, damit Fans an die Schanze können. „Man sollte nicht vergessen, dass der Sport ein Kulturgut ist, das den Menschen guttut“, findet er.

Weiterführende Artikel

Wie Sven Hannawald und Martin Schmitt

Wie Sven Hannawald und Martin Schmitt

Das neue fliegende Doppelzimmer Markus Eisenbichler und Karl Geiger erinnert an das alte Traumpaar des deutschen Skispringens.

Der Kalte Krieg auf der Skisprungschanze

Der Kalte Krieg auf der Skisprungschanze

Claus Tuchscherer nutzte Olympia 1976 zur Flucht aus der DDR und galt seitdem als „Sportverräter“. Bei der WM zwei Jahre später löste sich dann seine Skibindung.

Ob er selbst bei der WM starten wird, steht derzeit ebenfalls eher in den Sternen. Ein Selbstläufer, das ahnt er, wird es nicht. „Da springen keine Nasenbohrer, da springt die Elite.“ Und zu der möchte Freitag so schnell wie möglich wieder gehören.

Mehr zum Thema Sport