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Sport

Er verhandelte mit den Geiselnehmern

Für Walther Tröger war das Attentat bei Olympia 1972 in München das prägendste Erlebnis seiner Laufbahn. Mit 91 Jahren ist der Sportfunktionär gestorben.

Walther Tröger lebte für den olympischen Geist. Er starb am Mittwoch im Alter von 91 Jahren.
Walther Tröger lebte für den olympischen Geist. Er starb am Mittwoch im Alter von 91 Jahren. © dpa

Von Nikolaj Stobbe

Als die Terroristen am Morgen des 5. September 1972 in München ins Olympische Dorf eindrangen, begann für Walther Tröger der schwierigste Tag in seiner Laufbahn. Der Sportfunktionär verhandelte stundenlang, er bot sich als Austauschgeisel an – vergebens. Am Ende stand eine Bilanz des Schreckens mit 17 Toten. „Ich war damals Bürgermeister des olympischen Dorfes, aber ich konnte es nicht verhindern“, sagte Tröger im Interview zu seinem 90. Geburtstag.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Immer wieder wollten die Geiselnehmer unbedingt mit ihm sprechen, zwölfmal ist er zu ihnen gegangen: „Ich habe damals funktionieren müssen.“ Die acht palästinensischen Terroristen hatten israelische Sportler in ihre Gewalt gebracht, um Komplizen freizupressen. Eine Einigung gab es nicht, auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck ereignete sich in der Nacht ein schlimmes Blutbad. Die Welt hielt den Atem an, ehe IOC-Präsident Avery Brundage die berühmten Worte sprach: „The games must go on.“

Verhältnis zum IOC war gespannt

Schon immer hatten Olympische Spiele eine besondere Faszination auf Tröger ausgeübt – am Mittwoch ist er im Alter von 91 Jahren „an altersbedingten Ursachen friedlich verstorben“, wie seine Familie mitteilte. Von 1983 bis 1990 war Tröger Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ab 1989 IOC-Mitglied, ab 2009 Ehrenmitglied. Der im bayerischen Wunsiedel geborene Multi-Funktionär wurde 1961 Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees der Bundesrepublik, von 1992 bis 2002 war er Präsident des NOK.

Wie IOC-Präsident Thomas Bach am Donnerstag erklärte, habe Tröger im IOC einen "großen Beitrag" geleistet. Er habe ihn als eine Person "mit einer großen Leidenschaft für Sport" und "einem immensen Wissen über die olympische Bewegung" kennengelernt, meinte Bach über einen der wohl wichtigsten Funktionäre der westdeutschen Sportgeschichte.

Trögers Verhältnis zu Bach und dem IOC war jedoch in den letzten Jahren deutlich abgekühlt. Dem IOC-Chef warf er vor, als DOSB-Präsident (2006 bis 2013) den deutschen Sport aus Eigennutz vernachlässigt zu haben. Die Zeit als höchster deutscher Sportfunktionär habe Bach "nur als Sprungbrett für seine Karriere" genutzt.

"Wir verneigen uns vor einer einmaligen Lebensleistung"

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) würdigte Tröger als großen Funktionär. "Wir verneigen uns vor einer einmaligen Lebensleistung im Sinne des Sports", sagte DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Tröger habe "sein gesamtes Leben in den Dienst des Sports und der olympischen Bewegung gestellt und die Werte des Sports dabei stets aktiv gelebt".

Bis zuletzt mischte sich Tröger auch in aktuelle sportpolitische Debatten ein - und scheute nicht vor Kritik zurück. Im Falle der möglichen Olympiabewerbung der Rhein-Ruhr-Region für 2032 forderte er unbedingt eine verstärkte Öffentlichkeitspolitik, um die Chancen des Projekts bei der Abstimmung im IOC zu erhöhen.

"Wie will man Rhein-Ruhr-City gegenüber IOC-Vertretern aus Brasilien oder von den Komoren definieren?", fragte Tröger richtigerweise und machte die vielleicht entscheidende Schwäche der deutschen Initiative aus: "Die Spiele werden traditionell nicht an eine Region, sondern an eine Stadt vergeben, und Rhein-Ruhr ist keine Metropole, die jeder kennt." (sid)

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