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Eine Sternstunde im Eiskessel von Weißwasser

Klaus Hirche stand im Tor, als die DDR den „großen Bruder“ ärgerte – die bewegte Geschichte des Eishockeys und seiner Spielstätten in der Lausitz.

Klaus Hirche hat alle Spielstätten des Eishockeys in Weißwasser erlebt: als Fan auf dem Braunsteich, als Torwart im Freiluftstadion, als Funktionär im „Fuchsbau“ und jetzt als Zuschauer in der neuen Halle.
Klaus Hirche hat alle Spielstätten des Eishockeys in Weißwasser erlebt: als Fan auf dem Braunsteich, als Torwart im Freiluftstadion, als Funktionär im „Fuchsbau“ und jetzt als Zuschauer in der neuen Halle. © Foto: Ronald Bonß

Weißwasser. Es ist tatsächlich passiert, damals auf dem Braunsteich. Klaus Hirche stand als Steppke unter den Zuschauern, bis zu 1.500 kamen zu den Eishockey-Spielen in Weißwasser. Sobald der See zugefroren war, wurden die Holzbanden aufgestellt – und los ging‘s. Wenn sich eine Eisfläche abgenutzt hatte, wurde das provisorische Stadion einfach ein Stück versetzt. Der Frost bestimmte den Spielplan, bis zu drei Monate hielt das Eis, das waren noch Winter.

Einmal aber setzte plötzlich Tauwetter ein, das Eis wurde mit jedem Schlittschuhschritt poröser. „Unser Verteidiger Günther Lehnigk, der später mein Trainer wurde, startete einen Angriff“, erzählt Hirche. „Das gegnerische Tor stand jedoch schon unter Wasser, das Eis gab nach – und er brach mit dem Torwart der Gäste ein. Zum Glück war der Teich an der Stelle nicht sehr tief, sodass sie unverletzt blieben.“ Hirche, der zur aktiven Zeit als Torwart den Beinamen „Der Mann mit der schwarzen Maske“ bekam, ist 81 Jahre, kaum einer kennt die Geschichte des Eishockeys in Weißwasser und seiner Spielstätten so gut wie er.

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Der Verein wurde im Dezember 1932 in einer Kegelbahn gegründet. „Der Wunsch, als Mannschaft zu spielen, war groß. Aber niemand hatte Geld, sich eine Ausrüstung zu kaufen“, weiß Hirche aus den Überlieferungen. Also beschlossen sie, jeweils 50 Pfennig bis eine Mark vom Wochenlohn, der 17 Reichsmark betrug, in eine gemeinsame Kasse zu geben. „Was ich besonders stark finde, ist ihre Solidarität“, sagt Hirche. „Für einen Kameraden, der länger arbeitslos war, zahlten die anderen ein.“

"Das waren ja ihre Jungs: Glasmacher"

Das erste Spiel der Vereinsgeschichte 1934 gewannen die in grün-weiß-gestreiften Trikots spielenden Weißwasseraner auf dem Spremberger Schlossteich gegen die dortige „Skizunft“ mit 5:0. 1937 feierten sie als schlesischer Meister ihren ersten Titel. „Die Zuschauer waren begeistert von der Schnelligkeit dieses Sports und dem Kampfgeist der Spieler. Das waren ja ihre Jungs: Glasmacher, mit denen sie zusammengearbeitet haben“, sagt Hirche. „Das war eine Einheit, eine Motivation. Es ging nicht um Geld.“
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es am Braunsteich zu unsicher, weil viele der Zuschauer mit auf dem Eis standen, zudem lag die Spielfläche in der Sonne.

Ab den 1930er-Jahren wurde auf dem Braunsteich in Weißwasser vor dem Waldhaus Eishockey gespielt.
Ab den 1930er-Jahren wurde auf dem Braunsteich in Weißwasser vor dem Waldhaus Eishockey gespielt. © Repro: Bonß

Also suchte Günther Lehnigk, der Trainer und unermüdliche Organisator, einen geeigneteren Ort. Am Jahnteich fand sich eine Senke, an der zudem hohe Weiden ausreichend Schatten spendeten. Mit der Initiative vieler Sportkameraden aus anderen Vereinen, der Unterstützung ortsansässiger Betriebe und dem Geschick, trotz wichtigerer Wiederaufbau-Projekte staatliche Gelder locker zu machen, entstand sogar ein Sport- und Kulturhaus mit Umkleide- und Duschräumen. Das Eröffnungsspiel zum Jahresende 1950 sahen rund 6.000 Besucher.

Hirche stand in der ersten Reihe, als die Mannschaft nach ihrem ersten DDR-Meistertitel 1951 am Bahnhof von Tausenden empfangen wurde. Ab 1957 gehörte der talentierte Torwart als 18-Jähriger selbst zum Aufgebot. Vor dem letzten und entscheidenden Spiel 1958 gegen Frankenhausen in Berlin sagte ihm der Trainer: „Klaus, du hältst!“

Weißwasser gewann mit 3:2 und wurde erneut Meister, worüber sich einer auf der Tribüne gar nicht freuen konnte: DDR-Staatschef Walter Ulbricht. „Er war ein Freund der Wismut-Kumpel“, meint Hirche, für den dieser erste Erfolg der bedeutsamste ist. „Als junger Spieler überhaupt dabei zu sein, sogar halten zu dürfen und obendrein zu gewinnen.“

Spieler leisten selbst 2.000 Aufbaustunden

Nahezu parallel entstand in der Glasmacherstadt eine echte Heimstätte, am 16. April 1958 wurde der Grundstein für das Wilhelm-Pieck-Stadion gelegt, Traversen für 9.000 Stehplätze wurden errichtet, zudem auf der Haupttribüne mit dem Funktionsgebäude etwa 3.000 Sitze. Wieder packten die Weißwasseraner mit an, laut der Parteizeitung Neues Deutschland wurden 55.000 Aufbaustunden registriert, die Spieler leisteten selbst 2.000.

Die Bande aus Holz wurde auf dem Teich errichtet - und wenn das Eis an einer Stelle abgefahren war, einfach ein Stück weiter versetzt wieder aufgestellt. Weiter ging´s.
Die Bande aus Holz wurde auf dem Teich errichtet - und wenn das Eis an einer Stelle abgefahren war, einfach ein Stück weiter versetzt wieder aufgestellt. Weiter ging´s. © Repro: Bonß

In der neuen Freiluft-Arena konnte nun auf Kunsteis gespielt werden, zuvor mussten die Weißwasseraner für wichtige Spiele nach Berlin in die Werner-Seelenbinder-Halle ausweichen. Ihr eigenes Stadion war nun „nach damaligen Standards eines der besten in Europa“, wie Hirche berichtet: „Das haben uns alle Mannschaften, die hier waren, bestätigt.“ Und in der imposanten Arena waren auch die Weltbesten zu Gast.

Zur Eröffnung am 7. November 1959 sahen die Zuschauer ein 4:4 zwischen ihrer Dynamo-Mannschaft und Legia Warschau. Höhepunkte waren in den nächsten drei Jahrzehnten auch die Länderspiele wie im Februar 1962 gegen Kanada (2:8). „Der Stadionsprecher sagte immer wieder durch: Draußen stehen noch Menschen, bitte rücken sie zusammen“, erinnert sich Hirche, der 118-mal für die DDR-Auswahl spielte. „Das Stadion war für 12.000 Zuschauer ausgelegt, aber an diesem Tag gab es keine Grenze, selbst in den Aufgängen standen sie dicht gedrängt, später hat man geschätzt, es müssen bis zu 16.000 drin gewesen sein. Ich kann mir nicht vorstellen, wenn einer austreten musste, dass er seinen Platz verlassen konnte.“

Als Spieler habe er die Kulisse eher akustisch wahrgenommen, aber wegen der aufs Eis gerichteten Scheinwerfer des Flutlichts nur eine schwarze Masse gesehen. „Das war beeindruckend.“ Seine persönliche Sternstunde erlebte Hirche im Dezember 1966, wie er in seiner im Gerschow-Verlag erschienenen Biografie „Overtime. Zeit für eine Bilanz“ berichtet. Mit dem 3:3 gegen die Auswahl der Sowjetunion feierte die DDR im Eiskessel von Weißwasser einen Achtungserfolg, es blieb bis zur Wende das einzige Remis gegen die damals schier übermächtige „Sbornaja“.

Die Nachwuchsspieler kamen mit Schneeschiebern

„Ich werde nie vergessen, was ich nach dem 3:3 gedacht und gesagt habe, als man mich nach meinen Gefühlen befragte: Da träumt man immer von einer Sternstunde, möchte sie einmal erleben, und urplötzlich ist sie da. Just in einem Moment, wenn man überhaupt nicht damit rechnet“, schreibt Hirche in dem Buch, in dem er mit seinen Erinnerungen und teils privaten Fotos ein spannendes Kapitel Eishockey-Geschichte erzählt.

Seine aktive Karriere musste Hirche 1971 mit 32 Jahren vorzeitig beenden, um Talenten aus dem eigenen Nachwuchs Platz zu machen. Danach engagierte er sich als Trainer, Betreuer und Funktionär im Verein, für den 1990 der nächste Umbruch und Umzug anstanden.

Er hat mitbekommen, wie die Vertreter der Ost-Klubs mit dem bundesdeutschen Verband über die Vereinigung im Eishockey verhandelten. „In der zweiten Liga wollten sie uns nicht, aus welchen Gründen auch immer“, sagt Hirche – und er mutmaßt mit Augenzwinkern: „Vielleicht waren wir ihnen zu stark.“ Einem Verantwortlichen sei schließlich der Kragen geplatzt, und er entschied: Dann spielen sie eben in der ersten Liga.

Doch beim Besuch in der Lausitz erschraken die West-Vertreter, eine Freiluftanlage kam für sie nicht infrage. In Weißwasser wussten sie nur zu gut, was es heißt, dem Wetter ausgesetzt zu sein. Bei Schneefall oder Regen wurde das Spiel unterbrochen, Nachwuchsspieler rückten mit Schneeschiebern an. „Wenn ich heute manchmal junge Spieler sehe, die auf eine kleine Pfütze auf dem Eis zeigen, sage ich zu meinen Nachbarn auf der Tribüne: Ich kann mir nicht vorstellen, wie die zu unserer Zeit gespielt hätten.“

Der Wind als unberechenbarster Gegner

Für ihn als Torwart war Wind der unberechenbarste Gegner, weil die Lampen schaukelten und ihn blendeten, im Regen wurde die Ausrüstung immer schwerer, die Bewegungen auf dem Eis schwieriger. Zeiten ändern sich, Ansprüche auch. „Wir waren froh, in die erste Liga aufgenommen zu werden, und konnten doch nicht sagen: Wir bestehen auf Spiele in unserem Freiluftstadion“, sagt Hirche. Kurzerhand wurde die 1973 errichtete Trainings- und Eisschnelllaufhalle nebenan um zwei Stahlrohrtribünen erweitert, sodass rund 3.000 Zuschauer dabei sein konnten.

Erst verfallen, dann abgerissen: Das Freiluftstadion war einst eines der modernsten in Europa. Im Oktober 2010 begann der Abriss, an gleicher Stelle entstand für rund 16 Millionen Euro die neue Halle, die im September 2013 eröffnet wurde.
Erst verfallen, dann abgerissen: Das Freiluftstadion war einst eines der modernsten in Europa. Im Oktober 2010 begann der Abriss, an gleicher Stelle entstand für rund 16 Millionen Euro die neue Halle, die im September 2013 eröffnet wurde. © Johannes Rehle

Dieser „Fuchsbau“, wie ihn die Fans liebevoll nannten, war für gut 20 Jahre die Heimstätte des Klubs, Hoffnungen auf einen Umbau des Freiluftstadions zu einer Multifunktionsarena für 6.000 Besucher erfüllten sich nicht. Entwürfe gab es etwa für eine Bewerbung als Spielort für die Eishockey-WM 2001, es scheiterte an den Kosten von 15 Millionen Mark.

Im Oktober 2010 begann der Abriss der nach oben offenen Arena. „Das tat natürlich weh. Wir haben so viele Jahre mit diesem Stadion gelebt, hatten Erfolge und Niederlagen. Das war unser Leben“, gibt Hirche zu. „Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es komplett verschwindet, nicht wenigstens ein Teil mit dem historischen Bezug erhalten bleibt. Aber da führte kein Weg rein.“ An gleicher Stelle entstand für rund 16 Millionen Euro die neue Halle, die im September 2013 eingeweiht wurde. Von außen gesehen ist sie ein unspektakulärer Zweckbau, im Inneren aber genießt Hirche unter den 3.000 Zuschauern gerne die besondere Atmosphäre bei angenehmen Temperaturen.

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