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Warum spielst du für Dresden?

Tennisspielerin Andrea Petkovic überrascht das Misstrauen gegenüber ihrem Wechsel in den Osten. In ihrem ersten Buch lässt sie tief in ihr Leben blicken. Ein Gespräch.

Andrea Petkovic wurde 1987 in Tuzla (Jugoslawien, heute Bosnien-Herzegowina) geboren. Bisher gewann sie sechs WTA-Turniere.
Andrea Petkovic wurde 1987 in Tuzla (Jugoslawien, heute Bosnien-Herzegowina) geboren. Bisher gewann sie sechs WTA-Turniere. © dpa/Marijan Murat

Frau Petkovic, Sie haben Ihr erstes Buch veröffentlicht, sind Moderatorin der ZDF-Sportreportage, Betreiberin eines Online-Buchklubs und spielen nebenbei noch Spitzentennis. In Ihrem Buch schreiben Sie aber: „Ich bin unglücklich in Momenten, in denen alles gut läuft.“

Ich glaube, der Satz war mehr auf mich als Tennisspielerin bezogen. Als junge Spielerin habe ich immer gedacht, ich müsste nur in die Top 50 kommen, dann würde ich glücklich. Als ich die Top 50 erreicht hatte, sich das Gefühl aber nicht einstellte, dachte ich, okay, dann eben, wenn ich in den Top 20 bin. So verschob sich die Grenze immer weiter. Das Glück, das ich erwartete, hat sich jedoch nie eingestellt, weil der Druck wuchs, je höher ich aufstieg.

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Kam der von Ihnen oder von außen?

Einerseits von außerhalb, weil man mehr Aufmerksamkeit erhält, je erfolgreicher man wird. Es hat aber auch mit meiner Persönlichkeitsstruktur zu tun, damit, dass ich nie zufrieden bin. Je näher man der Spitze kommt, desto unzufriedener wird man komischerweise. Irgendwann wird es schwierig, damit klarzukommen.

Ihr Vater war Tennislehrer. Hat er Sie zum Tennis gedrängt?

Mein Vater wollte nicht mal, dass ich Profi werde. Das hatte vielleicht mit dem typischen Sicherheitsdenken von Migrantenfamilien zu tun.

Sie sind als Kleinkind mit Ihrer Familie 1988 aus Bosnien nach Deutschland gekommen.

Meine Familie musste damals ihr altes Leben aufgeben, um woanders neu anzufangen. Dadurch haben meine Eltern wohl so ein Denken verinnerlicht, dass im Leben immer mal was passieren kann. Mein Vater wünschte sich, dass ich in den USA ein College besuche, an dem ich ein Stipendium erhalte. Ich sollte beides verbinden, eine gute Ausbildung und Tennisspielen. Ich habe aber meinen Kopf durchgesetzt.

Das heißt?

Ich habe zu meinem Vater gesagt: „Nein, ich will jetzt Tennisspielerin werden.“ Ich hatte immerhin schon das Abi gemacht, worauf alle meine Konkurrentinnen verzichtet hatten, um sich auf den Sport zu konzentrieren. Die waren nach der mittleren Reife von der Schule gegangen, um Tennisprofi zu werden. Ich konnte in der Schulzeit nur vor oder nach dem Unterricht trainieren und Profiturniere nur in den Sommermonaten spielen. Mit meinem Vater gab es dann den Deal, dass ich zwei Jahre Profi sein durfte und danach aufhören müsste, wenn ich es nicht in die Top 50 schaffen sollte. Das habe ich am Ende knapp erreicht: mit Platz 49. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich das Abi gemacht habe, weil in der Zeit alle meine Freundschaften geformt wurden und ich ein normaler Teenager sein konnte.

2019 wechselte Andrea Petkovic zum Dresdner Bundesligisten TC Blau-Weiß Blasewitz.
2019 wechselte Andrea Petkovic zum Dresdner Bundesligisten TC Blau-Weiß Blasewitz. © dpa/Robert Michael

Sie trainierten in Darmstadt in einem Tennisklub, dessen Mitglieder aus gutbürgerlichem Haus stammten. Wie war das für Sie als Migrantin?

Für mich war das ein Kulturschock.

Warum?

Weil ich dort eine sorglose Haltung erlebte, die ich aus meiner Familie nicht kannte. Für meine Eltern ging es nach der Ankunft in Deutschland ums pure Überleben, da sie auch noch Verwandte aufnehmen mussten, die als Flüchtlinge zu uns kamen. Die Gedanken meiner Eltern kreisten fast einzig darum, Geld zu verdienen für die Wohnung, für das Essen. Irgendwann hatten sie es geschafft, dass wir in einem Reihenhaus mit Garten wohnten. Sie haben sich hochgearbeitet, waren immer sehr sparsam und korrekt. Da fand ich die Rücksichtslosigkeit gegenüber Regeln und Formen, die ich im Tennisklub erlebte, einen echten Schock.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Meine Mitspielerinnen im Tennisklub sind immer in der Straßenbahn schwarzgefahren. Für meine Eltern war Schwarzfahren ein absolutes No-Go. Ich habe trotzdem mitgemacht, obwohl ich das schlimm fand. Ich wusste, wenn ich erwischt werde und meine Eltern das mitkriegen, darf ich drei Jahre nirgendwo mehr hin.

Und Sie wurden erwischt?

Ja. Den Bußgeldbrief habe ich zu Hause abgefangen. Zwei, drei Monate lange habe ich heimlich vom Taschengeld die Strafe abbezahlt. Für mich war es die stressigste Zeit überhaupt. Meine Freunde, die erwischt wurden, haben davon einfach ihren Eltern erzählt. Die haben die Strafe bezahlt und gesagt: „Das nächste Mal kauf’ dir bitte ein Ticket.“ Das hätte es bei mir nie gegeben. Ich weiß nicht, ob meine Analyse stimmt, dass es ein Privileg der Privilegierten ist, sich über bestimmte Regeln hinwegsetzen zu können. Aber als Teenager habe ich das so empfunden: Die haben ein sehr weiches Bett, auf das sie fallen können.

Wer aus begüterten Verhältnissen kommt, kann das Leben entspannter angehen?

Ich denke schon. Ich musste mir alles hart erarbeiten, und diese Mentalität verschwindet auch nicht. Selbst jetzt, wo ich genug Geld verdiene, habe ich drei Jobs gleichzeitig. Obwohl ich hier aufgewachsen bin, habe ich offenbar auch dieses für Migrantenfamilien typische Angstdenken in mir. Es könnte ja was passieren. Man muss abgesichert sein. Ich glaube, das geht durch die Generationen. Ich bin mal gespannt, wie das bei der nächsten Generation ist.

Andrea Petkovic kann nicht nur mit dem Racket umgehen. Sie spielt nebenbei Gitarre und Schlagzeug.
Andrea Petkovic kann nicht nur mit dem Racket umgehen. Sie spielt nebenbei Gitarre und Schlagzeug. ©  dpa/Robert Michael

Sie schreiben, die Tenniswelt im Darmstädter Klub habe Ihnen aber auch eine neue, faszinierende Welt eröffnet, die der Literatur, Musik und Kunst?

Absolut, und dafür bin ich total dankbar. Als ich 16, 17 war, hatte ich das Bedürfnis, Bücher zu lesen und ins Kino zu gehen. Vorher konnte ich mir das kaum leisten, anders als meine Klubfreunde, die Kinder von Anwälten, Ärzten und Architekten waren. Ich glaube, das wahre Privileg der Privilegierten besteht darin, dass sie von klein auf die Möglichkeiten besitzen, Kultur zu erleben. Es geht ja nicht nur darum, wie man über die Runden kommt, sondern darum, wie man ein guter Mensch wird. Wie entwickelt man seine Persönlichkeit? Wie setzt man sich mit Kultur auseinander? Wie betrachtet man Kunst? All das musste ich mir über meine Freunde im Tennisklub aneignen. Sie haben mein Interesse für Kunst und Kultur sehr befördert.

2019 überraschten Sie mit Ihrem Wechsel zum Dresdner Bundesligisten TC Blau-Weiß Blasewitz.

Ich hatte daraufhin lauter Interviewanfragen bekommen: Warum spielst du für Dresden? Ich war echt überrascht, dass daraus offenbar ein gewisses Misstrauen sprach. Vorher hatte mich ja niemand gefragt: Warum spielst du als Darmstädterin für Düsseldorf? Ich habe mich für den Verein in Dresden entschieden, weil der einfach ein super Konzept hatte. Die wollten eine alteingessene Spielerin, die die jungen Spielerinnen im Team führt.

Erfolgreiche Sportler fallen nach der Karriere oft in ein emotionales Loch. Bauen Sie sich deshalb schon jetzt mehrere berufliche Standbeine auf?

Schreiben hat mich schon immer interessiert, aber die Chance zur Veröffentlichung meines ersten Buches ergab sich eher zufällig, die Möglichkeit zur Moderation der ZDF-Sportreportage ebenso. Der Sender hatte mich zum Casting eingeladen, weil er einfach etwas ausprobieren wollte. Das traf mich in einem Moment, als gerade ein paar Tenniskolleginnen ihre Karriere beendet hatten und mir erzählten, dass sie erst auf Wolke sieben waren und dann in ein Loch stürzten. Dadurch bekam ich gleich einen Panikanflug.

Es gibt nach wie vor männliche Zuschauer, die ein grundsätzliches Problem mit einer Sportmoderatorin haben und nur auf Fehler warten. Hatten Sie vor Ihrer Premierensendung Angst vor einem Schalke-05-Versprecher, der eine Ihrer Vorvorgängerinnen bis in alle Ewigkeit verfolgte?

Hundertprozentig! Inzwischen arbeiten wir aber mit Telepromptern. Da ist so ein Versprecher unwahrscheinlich (lacht). Ich schaue ja selbst Sport im Fernsehen, seit ich 16 bin. Ich weiß, wenn ich da einen Fehler mache, werde ich hingerichtet.

Ist Sportberichterstattung genau wie der Profisport am Ende vor allem ein Unterhaltungsformat?

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Auf jeden Fall ist beides nicht systemrelevant, wie man in der Corona-Pandemie sieht. Ich für mich brauche den Sport, sowohl als Aktive als auch als Zuschauerin. Er macht mein Leben besser und auch unterhaltsamer. Als Menschen würden wir ohne Sport, auch im Fernsehen, natürlich überleben. Trotzdem finde ich es eine interessante Frage, wohin die Leute mit ihren Aggressionen ohne den Sport gehen würden. Als Tennisspielerin habe ich mal mit einem Psychologen zusammengearbeitet, der mir bewusst machte: Alle meine inneren Konflikte manifestieren sich auf dem Tennisplatz. Dort trage ich sie in einem martialischen, archetypischen Kampf aus. Und tatsächlich war es so, dass ich mich selbst nach Niederlagen immer auch irgendwie erleichtert gefühlt habe. Wenn ich an die Fans denke, die Sportwettkämpfe anschauen, vor allem Fußball, dann wird doch deutlich, dass die dabei auch Dinge rauslassen, die sie in sich tragen: Aggressionen, Konflikte, Enttäuschungen.

Das Interview führte Gunnar Leue.

Andrea Petkovic schreibt nicht nur Autogramme. Kürzlich erschien ihr literarisches Debüt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch).
Andrea Petkovic schreibt nicht nur Autogramme. Kürzlich erschien ihr literarisches Debüt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ (Verlag Kiepenheuer & Witsch). © dpa/Robert Michael

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