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„Das empfinde ich als Lüge“

Die Ex-Dresdnerin Anna-Sophie Kalauch hat in Chemnitz auch mit Sportlerinnen geturnt, die nun ihre Trainerin belasten. Sie selbst hat es anders erlebt.

Anna-Sophie Kalauch kam als talentierte Turnerin zum Dresdner SC und wechselte dann an den Bundesstützpunkt nach Chemnitz. Sie blickt gerne auf diese Zeit zurück, auch wenn es manchmal schwer war.
Anna-Sophie Kalauch kam als talentierte Turnerin zum Dresdner SC und wechselte dann an den Bundesstützpunkt nach Chemnitz. Sie blickt gerne auf diese Zeit zurück, auch wenn es manchmal schwer war. © privat

Dresden. Sie will sich auch dazu äußern, ihre Sicht schildern, die eine komplett andere ist. Anna-Sophie Kalauch hat jahrelang mit einigen der Turnerinnen in Chemnitz trainiert, die nun schwere Vorwürfe gegen ihre ehemalige Trainerin Gabriele Frehse erhoben haben. Sie selbst war im Februar 2008 von Dresden an den Bundesstützpunkt gewechselt, weil sie dort Schule und Sport viel besser vereinbaren konnte. „Und wegen Gabi“, sagt sie jetzt: „Ich habe es nie bereut, den Schritt gegangen zu sein.“

Dabei hatte sie sich zuerst gesträubt, erneut die Schule zu wechseln, die Freundinnen zu verlassen, denn erst nach der zweiten Klasse war sie zum DSC gekommen. „Meine Trainerin in Freital, Eveline Stier, meinte, dass ich den Übergang zum Leistungssport schaffen könnte“, erzählt die 25-Jährige, die in Leipzig im neunten Semester Sonderpädagogik studiert. Die schwierigeren Elemente an den vier Geräten Sprung, Stufenbarren, Schwebebalken und Boden hatte sie schnell drauf und stieß auch in Dresden bald an Grenzen.

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„Im Turnen brauchst du zwei Übungseinheiten am Tag, sonst hast du keine Chance, die nationale Spitze zu erreichen“, meinte Kalauch bereits vor elf Jahren, als sie sich auf die Junioren-WM vorbereitete. Jetzt liegt die Karriere hinter ihr – und sie sagt: „Ich bin nicht ganz oben angekommen, war aber leider auch oft verletzt. Ich habe eine sehr gute Zusammenarbeit mit allen erlebt.“ Deswegen sei es nicht schlimm, dass es nicht für Olympia oder eine Weltmeisterschaft gereicht hat.

Es hat sie überrascht, von welchen Erfahrungen frühere Mitturnerinnen dem Magazin Der Spiegel berichtet haben. „Dass angeblich die Eltern nicht involviert waren und Gabi uns zu irgendetwas gezwungen hat, kann ich in keiner Weise bestätigen“, meint Kalauch. „Wir waren eine sehr leistungsstarke Trainingsgruppe, natürlich war es anspruchsvoll und Gabi eine fordernde Trainerin, das steht außer Frage. Aber sobald jemand über Schmerzen klagte, wurde er zum Arzt geschickt.“

Schmerzmittel selbst im Internat gebunkert

Von den insgesamt 14 jungen Frauen, die Frehse mit ihren Aussagen belasten, wird eine Atmosphäre der Angst beschrieben. „Gabi war sicher auch mal enttäuscht, wenn wir nicht trainieren konnten, aber diesen psychischen Druck gab es meiner Meinung nach nicht“, erklärt Kalauch. Schmerzmittel gehörten dazu, räumt sie ein, aber sie habe es nie erlebt, dass die ohne Zustimmung des Arztes verabreicht wurden. „Das erfolgte in Rücksprache mit Dr. Leonhardt am Olympiastützpunkt.“

Allerdings haben sich die Turnerinnen selbst Medikamente besorgt oder gebunkert, also weggelassen, wenn es mal besser ging, um sie für noch schlechtere Tage aufzuheben. „Wir waren alle ehrgeizig. Ich habe es so wahrgenommen, dass für uns die Vorstellung, mit dem Training auszusetzen oder gar einen Wettkampf zu verpassen, unerträglich war“, meint Kalauch. Auch sie habe eine Zeit lang heimlich Tabletten genommen, wovon sie ihren Eltern erst jetzt wegen der Spiegel-Berichte erzählt hat.

Anna-Sophie Kalauch am Stufenbarren bei ihrem letzten Wettkampf als Turnerin in der Bundesliga für Chemnitz im Dezember 2011. Die einstige Medaillengewinnerin bei Jugend-Meisterschaften musste ihre Karriere verletzungsbedingt beenden.
Anna-Sophie Kalauch am Stufenbarren bei ihrem letzten Wettkampf als Turnerin in der Bundesliga für Chemnitz im Dezember 2011. Die einstige Medaillengewinnerin bei Jugend-Meisterschaften musste ihre Karriere verletzungsbedingt beenden. © Archivfoto: Bernhard Schwall

Auch ihre Trainerin habe davon nichts gewusst. „Es heute so darzustellen, als hätte sie uns die Medikamente gegeben, damit wir trotz Schmerzen trainieren könnten, empfinde ich als Lüge.“ Einmal sei ihr wegen der Schmerzmittel, die sie sich selbst verordnet hatte, sogar schwindlig geworden. „Daraufhin habe ich das schnell eingedämmt und war dann lange verletzt, musste sowieso pausieren. Dadurch war es keine lange Zeit, in der ich heimlich etwas genommen habe“, sagt Kalauch, die ihren letzten Bundesliga-Wettkampf im Dezember 2011 geturnt hat.

Sie würde nicht widersprechen, wenn man das Pensum, das sie absolvieren mussten, als Drill bezeichnet. „Wir haben an einem Olympiastützpunkt trainiert, wir wollten zu Olympia. Dann gehört es dazu, jeden Tag an seine Grenzen zu gehen“, sagt sie. „Dafür braucht man Trainer, die einen pushen, weil es Tage gibt, an denen man sich selber nicht genug motivieren kann.“ Frehse habe das Training abgebrochen, „wenn wir nur noch geheult haben“, betont Kalauch. Sicher sei sie auch mal laut geworden, „aber das war schnell wieder vergessen“. Von den anderen wird die Trainerin als nachtragend dargestellt. Kalauch widerspricht auch in diesem Punkt: „Ich hatte immer das Gefühl, dass es einen Rückhalt gibt, man mit jedem Trainer in der Halle reden kann. Gabi war als Ansprechpartner immer da, hat versucht, für jedes Problem eine Lösung zu finden.“

"Auch wenn es mich selber damals angekotzt hat"

Das gelte auch beim heiklen Thema Gewicht, einem Schwerpunkt in den Vorwürfen gegen Frehse. „Oh ja“, sagt Kalauch, „davon war ich betroffen und habe viel erlebt, aber immer unter dem Aspekt: Die Gesundheit steht an erster Stelle.“ Man muss kein Experte fürs Turnen sein, um zu verstehen, dass beispielsweise bei Flugelementen am Stufenbarren jedes Gramm ein Faktor ist. Deshalb sei es darum gegangen, das Verletzungsrisiko zu minimieren.

„Es wurde gemeinsam beraten: Was können wir machen, welche Ernährungsumstellung käme infrage? Das erfolgte in Zusammenarbeit mit Ernährungsberatern, Heilpraktikern, Ärzten. Gabi hat die Idee geliefert und, soweit ich mich erinnern kann, immer gefragt: Wäre das eine Alternative, willst du das probieren oder hast du selber Vorschläge? Darin kann ich nichts Schlechtes sehen, auch wenn es mich selber damals angekotzt hat, wenn es mal wieder ums Gewicht ging.“

In Chemnitz, sagt Kalauch, mussten sie einmal im Monat auf die Waage, bei Lehrgängen der Nationalmannschaft öfter. „Es war nie so, dass derartig Druck aufgebaut wurde und wir nichts essen durften.“

Sie hat sich nach dem Karriereende im Radsport probiert, aber schnell gemerkt, wie sehr ihr das Turnen fehlt, und war zwei Jahre bei einem anderen Chemnitzer Verein auf Freizeitbasis aktiv. Inzwischen hat sie die Lizenzen als Übungsleiterin und Kampfrichterin erworben, ist regelmäßig bei Wettkämpfen und ab und zu auch in ihrer früheren Trainingshalle. Sie hegt keinen Groll, ist vielmehr dankbar.

„Ich weiß, das klingt klischeehaft“, sagt Anna-Sophie Kalauch, aber: „Ich glaube, dass mir die guten Eigenschaften, die ich mir durch den Leistungssport aneignen konnte, jetzt beim Studium und im alltäglichen Leben helfen: Ehrgeizig sein, sein Ziel nicht aus den Augen verlieren, an einer Sache dranbleiben, wenn es mal nicht so läuft. Ich bin selbstständig geworden.“ Ihr Fazit: „Ja, ich würde es wieder so machen.“

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Derweil hat der Deutsche Turner-Bund eine Komission eingesetzt, um die Vorwürfe gegen die Trainerin aufzuklären. Die Aufarbeitung der vermeintlichen Turn-Affäre könne sich jedoch bis ins neue Jahr ziehen, hieß es auf Nachfrage. Frehse hatte sich im Interview mit Sächsische.de gegen die Vorwürfe gewehrt.

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