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Neue Einblicke in die Chemnitzer Turnaffäre

Ein Professor für Psychologie hat die bisherige Untersuchung zu den Vorwürfen gegen Trainerin Gabriele Frehse begutachtet – seine Mängelliste.

Für die Turnerinnen in Chemnitz ist ein „ungeklärter Schwebezustand eingetreten“, wie ein Experte feststellt. Dabei träumen sie von Olympia.
Für die Turnerinnen in Chemnitz ist ein „ungeklärter Schwebezustand eingetreten“, wie ein Experte feststellt. Dabei träumen sie von Olympia. ©  Archiv/dpa

Chemnitz. In der Chemnitzer Turnaffäre gibt es im Prinzip keinen neuen Stand: Trainerin Gabriele Frehse, gegen die mehrere ehemalige Turnerinnen schwere Vorwürfe erheben, ist weiter freigestellt. Andererseits erscheint jetzt eine neue Bewertung der Vorfälle denkbar. „Wir haben in unserer Arbeitgeberfunktion eine Expertise in Auftrag gegeben“, bestätigt Christian Dahms, Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen (LSB), auf Nachfrage der SZ. Frehse ist beim Olympiastützpunkt (OSP) angestellt, für den der LSB zuständig ist.

Zum Inhalt möchte sich Dahms nicht äußern. Allerdings hat das Internetportal gymmedia.de die zwei Seiten mit den Schlussfolgerungen veröffentlicht. Sie beziehen sich auf die 13-seitige Stellungnahme des Deutschen Turner-Bundes (DTB) vom 21. Januar mit Auszügen aus dem Abschlussbericht einer Anwaltskanzlei in Frankfurt am Main. Diese hatte nach der Befragung von 32 Personen „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin“ festgestellt.

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Udo Rudolph, Professor am Institut für Psychologie der TU Chemnitz, hat das verfügbare Material aus methodischer Sicht begutachtet und kommt zu dem Schluss: „Es gibt in der mir vorliegenden Stichprobe von Protokollen eine Vielzahl von Indikatoren, die für deutliche Mängel in der Durchführung der Untersuchung sprechen.“

Experte stellt "bedeutsame Fehler" fest

Diese listet er in sieben Punkten auf. So seien „bedeutsame Fehler in der Zuordnung von verschiedenen Personen“ gemacht und die Wahrung der Anonymität nicht vollständig eingehalten worden. Zudem gebe es Unzulänglichkeiten in Bezug „auf zentrale Merkmale einer unvoreingenommenen und entwicklungsgerechten Befragung“. In den Fragetechniken seien Parteilichkeit und suggestive Prozesse mangelhaft vermieden worden.

Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.), 2017 Weltmeisterin am Schwebebalken, mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse. Nun erhebt Schäfer s
Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.), 2017 Weltmeisterin am Schwebebalken, mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse. Nun erhebt Schäfer s © Toni Söll

Rudolph erkennt in Aussagen der Kanzlei sowie der begleitenden Psychologin, „dass ihnen eine unvoreingenommene Haltung und Gesprächsführung nicht mehr möglich ist“. Stattdessen gehe es „um die Gewinnung einer Deutungshoheit“ in einem hoch kontroversen Thema.

Diesen Eindruck hatte auch Sophie Scheder in einem Interview mit Sächsiche.de geschildert. Die 24 Jahre alte Olympiadritte am Stufenbarren von 2016 war ebenfalls befragt worden. „Ich hatte das Gefühl, mir wird nicht geglaubt. Deswegen weiß ich nicht, ob bei dieser Untersuchung wirklich beide Seiten einbezogen werden sollen oder ob es nur darum geht, die Vorwürfe gegen Gabi zu bestätigen“, so Scheder. Sie habe sich sogar anhören müssen: „Na ja, Frau Scheder, was Sie jetzt erzählt haben, könnte man meinen, alle anderen lügen.“

Nach Ansicht von Rudolph muss die Untersuchung de facto wiederholt werden. Es sei „eine sachkundige, fundierte und unabhängige Analyse der fraglichen Ereignisse“ erforderlich. „Diesem Ziel ist bislang nicht in hinreichendem Maße Rechnung getragen worden“, erklärt er abschließend. Zuvor hatte der Experte darauf verwiesen, dass „nun ein ungeklärter Schwebezustand eingetreten ist, in dem sich widersprechende Wahrnehmungen unversöhnlich gegenüberstehen“.

Präsident fordert: Frehse sofort wieder in die Halle

Das wird zunehmend zur Belastung für die derzeit aktiven Turnerinnen in Chemnitz, von denen sechs zum erweiterten Olympia-Kader gehören. In dieser Woche konnte sich nur eine Trainerin um 20 Sportlerinnen kümmern – ein nach leistungssportlichen Aspekten unmögliches Verhältnis. „Diese Leichtigkeit und Fröhlichkeit, welche die Mädchen sonst trotz des anstrengenden Trainings ausstrahlen, ist weg“, berichtet Frank Munzer, Präsident des TuS Chemnitz-Altendorf. „Sie haben Angst um ihre Träume, ihre sportliche Zukunft. Niemanden interessiert das.“

Für ihn gibt es nur einen Ausweg aus diesem Dilemma, „indem man sagt: Frau Frehse ist ab sofort wieder in der Halle bis zu dem Zeitpunkt, wenn ein belastbares Gutachten vorliegt. Dann kann man entscheiden: Ja, es trifft zu – dann ist sie nicht mehr tragbar. Nein, es trifft nicht zu – dann müssen sich diejenigen, die es forciert haben, bei ihr entschuldigen.“

Beispielgebend für eine solche Lösung könnte die Haltung des Landesamtes für Schule und Bildung sein, für das Frehse als Lehrkraft im Profilsport Turnen nach wie vor vier Stunden wöchentlich tätig ist. Die Behörde hatte mitgeteilt, es gebe bislang vom Sportgymnasium keinerlei Informationen zu einem dienstlichen Fehlverhalten, weder aus der Vergangenheit noch aktuell. Die aktiven Turnerinnen sowie ihre Eltern hatten sich mehrfach für eine sofortige Rückkehr von Frehse ausgesprochen.

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Der DTB fordert dagegen vom Olympiastützpunkt, bei dem die 60 Jahre alte Trainerin angestellt ist, „die vollständige Beendigung des Arbeitsverhältnisses“. Der OSP sieht dafür aber bislang keine arbeitsrechtliche Grundlage, zumal ihm der Untersuchungsbericht weiterhin nicht vorliegt.

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