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Trainerin Frehse weiter in der Turnhalle

Nach der Chemnitzer Turnaffäre ist sie freigestellt, arbeitet aber unverändert als Lehrkraft im Profilsport. Wie kann das sein?

Ein Foto aus gemeinsam erfolgreichen Zeiten: Pauline Schäfer wurde mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse 2017 Weltmeisterin am Schwebebalken. Inzwischen erhebt die Turnerin schwere Vorwürfe
Ein Foto aus gemeinsam erfolgreichen Zeiten: Pauline Schäfer wurde mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse 2017 Weltmeisterin am Schwebebalken. Inzwischen erhebt die Turnerin schwere Vorwürfe © Foto: Visum/Christoph Busse

Chemnitz. Vom Olympiastützpunkt Sachsen ist sie freigestellt, aber für das Sportgymnasium Chemnitz betreut Gabriele Frehse als Lehrkraft zweimal wöchentlich im Profilsport die Turnerinnen. „Erst letzte Woche stand ich mit ihr in derselben Turnhalle“, berichtet Pauline Schäfer in einem Interview mit dem MDR. Die Schwebebalken-Weltmeisterin von 2017 hatte ihrer ehemaligen Trainerin wie weitere 13 ihrer früheren Schützlinge vorgeworfen, sie wiederholt erniedrigt und beleidigt zu haben.

In einer vom Deutschen Turnerbund (DTB) beauftragten Untersuchung durch eine Rechtsanwaltskanzlei in Frankfurt am Main wurden „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin“ festgehalten. Zudem leitete die Staatsanwaltschaft Chemnitz im Dezember ein Ermittlungsverfahren unter anderem wegen des Verdachts der Körperverletzung durch die Abgabe von Medikamenten ein. Frehse hat die Vorwürfe wiederholt zurückgewiesen und fordert Einsicht in den nach 32 Interviews mit Turnerinnen, Trainern und Funktionären erstellten Untersuchungsbericht, der insgesamt mehr als 800 Seiten umfasst.

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Nun erklärt Schäfer, dass Frehse weiterhin mit den Athletinnen arbeitet. Sie habe sich „eine Rüge eingehandelt, was ich am Stufenbarren in der Frauen-Turnhalle zu suchen habe“, sagt die 24-Jährige. Sie trainiert mit ihrer Schwester Helene bei den Männern des KTV Chemnitz, seit sich Frehse nach der enttäuschend verlaufenen Europameisterschaft 2018 von ihrer einstigen Vorturnerin getrennt hatte. Für die Übungen am Stufenbarren müssen sie noch in die Frauen-Halle, in der sie ihre Ex-Trainerin wiedersehen. „Das sind Dinge, die nicht funktionieren, die mir zeigen, dass das, was wir angesprochen haben, keine Wirkung zeigt und die Verantwortlichen ihrer Aufgabe nicht nachkommen“, betont Pauline Schäfer.

Schulamt hat keine Informationen über Fehlverhalten

Der Olympiastützpunkt (OSP) verweist auf Nachfrage darauf, dass Frehse seit ihrer Anstellung 2009 eine offizielle Genehmigung für eine Nebentätigkeit habe. Viele Trainerinnen arbeiten demnach als Profilsportlehrer, um die vier Stunden Unterricht pro Woche in der Spezialsportart abzusichern. Dafür werden sie von der Schulbehörde beauftragt.

Pauline Schäfer (l.) und ihre Schwester Helene - hier beim Bundesliga-Wettkampf am 11. November 2017 in Dresden - trainieren nicht mehr mit Frehse, sondern bei den Männern des KTV Chemnitz.
Pauline Schäfer (l.) und ihre Schwester Helene - hier beim Bundesliga-Wettkampf am 11. November 2017 in Dresden - trainieren nicht mehr mit Frehse, sondern bei den Männern des KTV Chemnitz. © Matthias Rietschel

Das Landesamt für Schule und Bildung bestätigt, dass Frehse als Lehrkraft für vier bis viereinhalb Stunden wöchentlich tätig ist und dabei die Leistungssportschülerinnen betreut, die zugleich Kaderathletinnen am Bundesstützpunkt Turnen sind. Die öffentliche Debatte beziehe sich nicht auf das Sportgymnasium, „an dem Frau Frehse seit 2009 mit jährlich befristeten Arbeitsverträgen in der vertieft sportlichen Ausbildung als Lehrkraft eingesetzt ist und von dem uns keinerlei Informationen zu einem dienstlichen Fehlverhalten, weder aus der Vergangenheit noch aktuell, vorliegen“, heißt es vom Landesamt schriftlich.

Zudem sei bisher „kein nachgewiesenes Fehlverhalten Frau Frehses durch die Ermittlungsbehörden offiziell mitgeteilt“ worden. Sobald dazu Informationen vorliegen, werde der Sachstand umgehend geprüft und bei Bedarf sofort gehandelt.

Turnerbund fordert weiter die Entlassung

Das empfinden sowohl die Schäfer-Schwestern als auch der DTB als inkonsequent. Wegen der Nebentätigkeit von Frehse herrsche „Unverständnis“, teilt der Turnverband auf Anfrage mit: „Der DTB wird gegen diese Tätigkeit weiter vorgehen. Die Haltung des DTB ist unverändert, wir lehnen eine weitere Trainertätigkeit von Frau Frehse grundsätzlich ab und fordern auf Grundlage der Ergebnisse der unabhängigen Untersuchung die Beendigung des Arbeitsverhältnisses durch den OSP.“

Der Olympiastützpunkt hatte bisher darauf verwiesen, dass er Frehse aus arbeitsrechtlichen Gründen nicht entlassen könne, bevor er den Untersuchungsbericht einsehen konnte. Diese Einsicht hat der DTB bisher nicht gewährt mit dem Verweis auf datenschutzrechtliche Gründe. Frehse hatte beim zuständigen hessischen Datenschutzbeauftragten Beschwerde eingelegt, weil sie auf die Vorwürfe nicht reagieren kann, so lange sie diese nicht genau kennt.

Erfolgreich arbeitet auch Sophie Scheder mit Gabriele Frehse zusammen. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janewiro gewann sie sensationell die Bronzemedaille am Stufenbarren. Sie setzt sich für die Rückkehr der Trainerin ein.
Erfolgreich arbeitet auch Sophie Scheder mit Gabriele Frehse zusammen. Bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janewiro gewann sie sensationell die Bronzemedaille am Stufenbarren. Sie setzt sich für die Rückkehr der Trainerin ein. © dpa/epa/Tatjana Zenkovic

Der Anspruch auf Kenntnisnahme des Gutachtens bestehe zu Recht, wurde daraufhin festgestellt – mit der Einschränkung, sofern „dabei in angemessenem Umfang durch eine Anonymisierung der Aussagen eine konkrete Zuordnung zu bestimmten Athletinnen ausgeschlossen wird“. Ihr sei die Einsicht nicht verweigert worden, erklärte dazu der DTB. Der Bericht enthalte jedoch nicht nur Frehse betreffende Aussagen, sondern auch „zum Teil besonders sensible personenbezogene Daten Dritter, etwa von Turnerinnen“.

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