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Die fragwürdige Rolle des Verbandes im "Fall Frehse"

Gabriele Frehse darf nach dem Urteil des Arbeitsgerichts als Trainerin wieder Turnerinnen in Chemnitz betreuen. Wieso der deutsche Verband das ausschließt.

Tränen der Erleichterung stehen der Turn-Trainerin Gabriele Frehse nach dem Verlassen des Arbeitsgerichts Chemnitz in den Augen.
Tränen der Erleichterung stehen der Turn-Trainerin Gabriele Frehse nach dem Verlassen des Arbeitsgerichts Chemnitz in den Augen. © dpa-Zentralbild

Chemnitz. Schnell, konsequent, kompromisslos. So sollte die Aufklärung des Deutschen Turner-Bundes (DTB) wirken. Nur wenige Wochen nachdem die Chemnitzer Trainerin Gabriele Frehse von einigen ihrer ehemaligen Turnerinnen über einen Bericht im Magazin Der Spiegel belastet worden war, lag am 21. Januar dieses Jahres ein Sachstandsbericht vor. Im Auftrag des Verbandes hatte eine Anwaltskanzlei in Frankfurt am Main nach eigenen Angaben 32 Interviews geführt, im Durchschnitt dauerten diese demnach dreieinhalb Stunden, es wurde ein Protokoll mit 800 Seiten erstellt.

In 17 Fällen gebe es „hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin“. Der DTB forderte daraufhin „die vollständige Beendigung des Arbeitsverhältnisses von Frau Frehse durch den Olympiastützpunkt Sachsen, bei dem sie angestellt ist“. Der Arbeitgeber zögerte jedoch, bevor er ihr zum 30. April außerordentlich kündigte. Das hat das Arbeitsgericht in Chemnitz am vorigen Freitag für unwirksam erklärt. Begründung: Es ist kein dringender Tatverdacht zu erkennen.

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Dem Gericht lag wie Frehse nur eine in großen Teilen geschwärzte Fassung des Berichtes vom Januar vor – aus datenschutzrechtlichen Gründen, wie der DTB betonte. Man sei dabei, von den betroffenen Personen die Freigabe einzuholen, die Aussagen im Verfahren verwenden zu dürfen, hieß es von der Anwältin des Olympiastützpunktes (OSP). Das sei schwierig, weil Frehse gegen einige der im Spiegel zitierten Turnerinnen auf Unterlassung klagt.

Vorwürfe bereits 2018 zum ersten Mal erhoben

Richter Helmut Toelle stellte erhebliche Versäumnisse in der Untersuchung fest und konnte seitens des OSP „maßgebliche Aufklärungsbemühungen nicht erkennen“. So war die Trainerin vom OSP nicht ausreichend angehört worden. Er könne zudem nicht außer Acht lassen, „dass sich die Mehrzahl der Athletinnen und ihrer Eltern hinter Frau Frehse stellt bis hin zu Geldsammlungen“. Die 61-Jährige war ausschließlich von früheren Schützlingen beschuldigt worden, sie schikaniert und erniedrigt zu haben, darunter die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer-Betz, von der sich die Trainerin 2018 getrennt hatte.

Kurz darauf wurden schon damals von ihr und ihrer Schwester Helene ähnliche Vorwürfe erhoben. Bereits damals gab es im DTB eine Untersuchung, es wurden Konsequenzen gezogen. Frehse erhielt eine Abmahnung wegen „des leichtfertigen Umgangs bei der Verabreichung von Medikamenten gegenüber Minderjährigen“.

Sie soll Helene Schäfer vor einem Wettkampf das Opioid Tilidin gegeben haben, was Frehse in einem Gespräch mit der SZ bereits unmittelbar nach der Spiegel-Veröffentlichung bestätigt hat. „Man muss wissen: Helene wollte trotz großer Schmerzen unbedingt die anstehenden Wettkämpfe turnen“, sagte sie. Helene Schäfer hat diesen eigenen Antrieb in ihren Aussagen bestätigt. Den Vorwurf, sie habe das Medikament ohne ärztliche Freigabe weitergegeben, weist Frehse zurück: „Ich habe einen Arzt um Rat gefragt, ob man in einem solchen Fall Tilidin anwenden kann. Er hat freigegeben, dass sie das einmal vor dem Wettkampf nehmen kann. Das hat der Arzt schon 2018 schriftlich bestätigt.“ Dazu ermittelt die Staatsanwaltschaft Chemnitz.

"Aus Sicht des DTB keine Gründe mehr ..."

Frehse wurde damals auch durch den DTB wegen des Verdachts der Anwendung psychischer Gewalt vorübergehend bis nach der WM im Oktober 2019 von Auswahleinsätzen ausgeschlossen. Aus einem vom Internetportal gymmedia.de veröffentlichten Auszug aus dem Protokoll eines Treffens am 9. Dezember 2019 geht jedoch hervor, dass der Psychologe Klaus Egert „keinerlei Anhaltspunkte für ein mögliches Fehlverhalten von Frehse“ festgestellt habe. Sportdirektor Wolfgang Willam, seit Ende August im Ruhestand, erklärte: „Aus Sicht des DTB gibt es keine Gründe mehr, diese Maßnahmen bzw. Anwürfe aufrechtzuerhalten bzw. weiter zu verfolgen.“

War der DTB damals inkonsequent, weil sich die Sache intern regeln ließ, und ist er selbst durch die Spiegel-Berichte unter Druck geraten? Der Verdacht, mit der nun scheinbar unnachgiebigen Haltung im „Fall Frehse“ ein Exempel zu statuieren, um eine grundsätzliche Diskussion über Trainingsmethoden in den Leistungszentren des deutschen Frauenturnens zu vermeiden, erhärtet sich dadurch, dass DTB-Präsident Alfons Hölzl mit der SZ darüber nicht sprechen will. Mehrere Interview-Anfragen blieben ohne Reaktion.

Stattdessen positioniert sich der Verband weiter unversöhnlich gegen die Trainerin. Obwohl die Stadt Chemnitz das Hallenverbot zum Montag aufheben wird, „ erwartet der DTB …, dass Frau Frehse keine Bundesstützpunkt-Athletinnen in Chemnitz im Turnen trainieren wird“, teilt der Verband mit. Dabei hatte das Arbeitsgericht den Anspruch auf Weiterbeschäftigung für Frehse, und zwar zu unveränderten Bedingungen als Trainerin Turnen am Bundesstützpunkt Chemnitz, tituliert.

DTB: Olympiastützpunkt soll Berufung einlegen

Dieses Recht gilt unabhängig von einer möglichen Berufung, um die der DTB den Olympiastützpunkt „bitten“ werde, um „die bestehenden juristischen Mittel auszuschöpfen“, wie es in einer Erklärung zum erstinstanzlichen Urteil hieß. Der OSP hat sich dazu bislang nicht geäußert. Nach Informationen der SZ gibt es am Dienstag ein Gespräch zwischen den Prozessbeteiligten, um einen Kompromiss zu finden. Ob die Trainerin ihr Recht auf Weiterbeschäftigung geltend macht, hängt auch davon ab.

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Das vom Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) erneut angeregte Mediationsverfahren, das der DTB im Juni abgelehnt hatte, erscheine „aufgrund der Vorwürfe und dem Verlauf des gesamten Verfahrens als unwahrscheinlich“, teilt der Verband auch jetzt mit. Anders als das Arbeitsgericht bezieht der DTB die Sicht der Athletinnen vor Ort nicht wirklich ein. Dabei wurde selbst im Bericht der Anwaltskanzlei erwähnt, „dass einige der befragten Personen hauptsächlich positiv über die betroffene Trainerin berichtet haben“. Auch jene, die Kritik vorbrachten, hätten das große Engagement genannt, „mit dem sich die Trainerin für ihre Turnerinnen eingesetzt und um Problemstellungen des täglichen Lebens gekümmert habe“.

An einer differenzierten Aufarbeitung schien der Deutsche Turner-Bund jedoch von Anfang an nicht interessiert zu sein, womöglich, weil er einen tieferen Blick hinter die eigenen Kulissen fürchtet. Die Rolle des DTB bleibt fragwürdig.

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