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Das Urteil im „Fall Frehse“ und die Folgen

Das Arbeitsgericht hat entschieden: Die Kündigung gegen die Chemnitzer Trainerin ist unwirksam. Wie es nun weitergeht, bleibt jedoch offen. Ein Situationsbericht.

Gabriele Frehse hat vor dem Arbeitsgericht einen Erfolg erzielt. Die außerordentliche Kündigung der Chemnitzer Trainerin ist nicht rechtskonform.
Gabriele Frehse hat vor dem Arbeitsgericht einen Erfolg erzielt. Die außerordentliche Kündigung der Chemnitzer Trainerin ist nicht rechtskonform. © dpa-Zentralbild

Von Sven Geisler, Chemnitz

Gabriele Frehse möchte nicht reden, sagt nur, dass die Erleichterung groß sei. Sie kämpft mit den Tränen, seit der Richter am Arbeitsgericht in Chemnitz das Urteil verkündet hat. Die Turn-Trainerin hatte gegen die außerordentliche Kündigung geklagt, die der Olympiastützpunkt (OSP) Sachsen als ihr Arbeitgeber zum 30. April dieses Jahres ausgesprochen hatte. Wie in erster Instanz festgestellt wurde, ist diese unwirksam. „Wir sehen uns in unserer Rechtsauffassung bestätigt, dass kein hinreichender Verdacht für eine schwere Pflichtverletzung oder gar Straftat vorliegt“, sagt ihr Anwalt Ludger Olbrich.

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Dabei geht es nicht unmittelbar um die Vorwürfe, die seit Ende 2020 im Raum stehen. Damals hatten mehrere ihrer ehemaligen Turnerinnen um die Ex-Weltmeisterin Pauline Schäfer über das Magazin Der Spiegel Frehse beschuldigt, sie schikaniert und gedemütigt zu haben. Eine vom Deutschen Turner-Bund (DTB) in Auftrag gegebene Untersuchung durch eine Anwaltskanzlei in Frankfurt am Main ergab laut Abschlussbericht „in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin“. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Chemnitz wegen des Verdachts auf Körperverletzung durch die Abgabe des Opioids Tilidin in einem Fall.

Richter Hilmar Toelle konnte dennoch keinen konkreten Tatverdacht erkennen, zumal der Bericht in der dem Gericht übergebenen Fassung in großen Teilen geschwärzt ist, „sodass man den Inhalt nicht bewerten kann“. Das ist aber letztlich nicht der Knackpunkt. „Es geht nicht um konkrete Taten, dazu können wir keine Stellung beziehen.“ Eine Verdachtskündigung sei allerdings „ein starkes Schwert“ und habe Voraussetzungen, betont Toelle. Nach seiner Bewertung waren diese nicht erfüllt.

Verdacht nicht mit gebotener Eile aufgeklärt

So müsse der Verdacht in der gebotenen Eile aufgeklärt werden – und zwar nicht durch Dritte, sondern durch den Arbeitgeber selbst. Die Zeitspanne zwischen Dezember 2020 und April 2021 wertete der Richter als zu groß, zumal er „keine maßgeblichen Aufklärungsversuche“ durch den OSP erkennen könne. Außerdem sei Frehse nicht persönlich angehört worden. Der Arbeitgeber hatte nachträglich von einer Druck-Kündigung gesprochen, weil der Olympiastützpunkt durch den Turner-Bund aufgefordert worden war, dass Arbeitsverhältnis mit Frehse sofort zu beenden. Das sei nur legitim, wenn durch die weitere Beschäftigung schwere wirtschaftliche Schäden drohen, was nicht zutreffe.

Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse (r.) steht im Verhandlungssaal im Arbeitsgericht Chemnitz neben ihrem Anwalt Ludger Olbrich. Ihre Klage war erfolgreich.
Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse (r.) steht im Verhandlungssaal im Arbeitsgericht Chemnitz neben ihrem Anwalt Ludger Olbrich. Ihre Klage war erfolgreich. © dpa-Zentralbild

Zudem, argumentierte der Richter, hätte sich der Olympiastützpunkt zunächst schützend vor Frehse stellen müssen. Das sei in dem Handeln überhaupt nicht ersichtlich, auch wenn man ein Mediationsverfahren angeregt habe, das vom DTB abgelehnt worden ist, meint Toelle.

Und so kommt er zu dem Schluss: „Damit erweist sich die Kündigung als unwirksam.“ Die Konsequenz: Frehse hat bis zum Abschluss des Verfahrens einen Anspruch, weiter als Trainerin am Bundesstützpunkt Turnen in Chemnitz beschäftigt zu werden. Ob es dazu kommt, ist allerdings mehr als fraglich, zumal sich beide Seiten eigentlich bereits außergerichtlich auf eine Trennung verständigt und sich auf acht Punkte inklusive Abfindung geeinigt hatten. Deshalb war der Richter überrascht, dass es tatsächlich zu einer Hauptverhandlung gekommen war.

Allerdings wurden laut Frehses Anwalt zwei Punkte nachträglich konterkariert. Erstens sollte zugesichert werden, dass sie in den Zeiten in der Halle Trainings durchführen kann, die nicht durch den Bundesstützpunkt belegt sind. Die wurden jedoch inzwischen dem TuS Chemnitz-Altendorf gestrichen. Olbrich wertet das als „ein taktisches Manöver“. Dadurch könnte Frehse auch nicht im Auftrag des Vereins tätig sein. „Das war der Wunsch der Kinder und deren Eltern, die mich gebeten haben: Kümmere dich bitte, damit Gabi in den freien Zeiten unsere Mädels trainiert“, sagt TuS-Präsident Frank Munzer.

Olympiastützpunkt kann in die Berufung gehen

Zweitens sollte der Olympiastützpunkt eine Ehrenerklärung abgeben, wonach sich Frehse „arbeitsvertragskonform verhalten“ hat. Diese wurde ihr zugesichert, sollte aber nicht veröffentlicht werden. Damit wäre der gewünschte Effekt, Frehse ein Stück weit zu rehabilitieren, ausgeblieben.

Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse mit einem ihrer wichtigsten Unterstütze: Frank Munzer, Präsident des Turn- und Sportverein 1861 Chemnitz-Altendorf e.V.
Die Turn-Trainerin Gabriele Frehse mit einem ihrer wichtigsten Unterstütze: Frank Munzer, Präsident des Turn- und Sportverein 1861 Chemnitz-Altendorf e.V. © dpa-Zentralbild

Richter Toelle fragt eindringlich: „Wollen sie es daran scheitern lassen?“ Die Antwort von Olbrich ist ein klares Ja. So kommt es zu dem Urteilsspruch, der keine endgültige Entscheidung darstellt. Der OSP kann innerhalb von 14 Tagen Berufung einlegen, ein weiterer Prozess dürfte dann erst in mehreren Monaten zustande kommen. Christian Dahms, Vorstandsvorsitzender des OSP, ließ diese Möglichkeit unmittelbar nach der Urteilsverkündung zunächst offen. „Weil das Verfahren nicht vorbei ist, werde ich dazu keine Aussagen treffen“, sagte er. „Ich muss das weitere Vorgehen zunächst mit dem Vorstand des Olympiastützpunktes besprechen.“

Ob und wann Frehse tatsächlich als Trainerin zurückkehrt, ist dennoch weiter offen, zumal ihr der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD) im Mai überraschend verboten hatte, die Turnhallen weiter zu betreten. Das gilt nach wie vor. Es sei nach dem Urteil die Aufgabe des OSP, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Frau Frehse weiter beschäftigt werden kann, meint Olbrich. Diesen Anspruch könnte die 61 Jahre alte Trainerin jetzt geltend machen, auch wenn die Gegenseite in Berufung gehen sollte. Sie dürfe nicht gegen ihren Willen freigestellt werden, erklärt ein Gerichtssprecher, bis das Verfahren in letzter Instanz abgeschlossen ist. Ob Frehse davon Gebrauch macht, müsse man in Ruhe überlegen, meint ihr Anwalt. Die vorher ausgehandelte Kompromissmöglichkeit sei durch den Arbeitgeber vereitelt worden.

Die Vorwürfe sind mit dem Urteil nicht aus der Welt. Frehse hat gegen einige der früheren Turnerinnen, die sie beschuldigt haben, Unterlassungsklagen eingereicht. Ergebnisse gibt es noch keine. Die Trainerin hatte die Anschuldigungen im Interview mit der SZ zurückgewiesen, aber eingeräumt, „dass man sich im Leistungssport eben quälen, auch mal schinden muss, ab und zu ein härteres Wort fällt“. Sie habe zu keinem Zeitpunkt die Absicht gehabt, „Turnerinnen durch meinen Ton zu verletzen“.

Präsident des Vereins kritisiert den Turner-Bund

Die Sportlerinnen haben das offenbar unterschiedlich wahrgenommen. „Täglich erniedrigt zu werden – das hinterlässt irgendwann Spuren“, sagte Schäfer, von der sich Frehse im Herbst 2018 getrennt hatte, dem Spiegel. Dagegen setzte sich Sophie Scheder, Olympiadritte am Stufenbarren 2016, für die Trainerin ein. „Natürlich haben wir unsere Differenzen, die gehören dazu“, sagte sie im SZ-Gespräch: „Es fällt auch mal ein Wort, das man lieber so nicht hören möchte. Es muss im Rahmen bleiben, und das war es für mich jederzeit.“

Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse
Ein Bild aus erfolgreichen gemeinsamen Tagen: die Turnerinnen Sophie Scheder (l.) mit ihrer bei Olympia 2016 gewonnenen Bronzemedaille und Pauline Schäfer (r.) mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse © Toni Söll

Die Kritik von TuS-Präsident Munzer richtet sich gegen den Turnverband, der ein Exempel statuieren und dadurch eine grundsätzliche Diskussion vermeiden wollte. „Man baut einen unheimlichen Druck auf alle auf, um Frau Frehse loszuwerden, weil man glaubt, damit sei das Thema für den DTB vom Tisch“, meint der Vereinschef. Dabei gebe es derzeit in Stuttgart einen Fall, der intern geklärt werde.

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