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Chemnitzer Turnaffäre: Trainerin kritisiert Verband

Gabriele Frehse soll entlassen werden, kennt aber den Untersuchungsbericht nicht mal. Jetzt wirft sie dem Verband vor, rechtliche Grundprinzipien zu verletzen.

Gabriele Frehse darf derzeit nicht als Turn-Trainerin in Chemnitz arbeiten. Aber die konkreten Ermittlungsergebnisse, die sie belasten sollen, kennt sie nicht.
Gabriele Frehse darf derzeit nicht als Turn-Trainerin in Chemnitz arbeiten. Aber die konkreten Ermittlungsergebnisse, die sie belasten sollen, kennt sie nicht. © Toni Söll

Chemnitz. Seit gut zwei Monaten darf sie nicht mehr als Trainerin der Turnerinnen in Chemnitz arbeiten. Gabriele Frehse ist durch den Olympiastützpunkt Sachsen freigestellt. Zuvor hatten ihre frühere Vorzeigeathletin Pauline Schäfer, 2017 Weltmeisterin am Schwebebalken, sowie 13 weitere ehemalige Schützlinge die Trainerin durch Aussagen im Magazin Der Spiegel schwer belastet. Sie habe sie psychisch unter Druck gesetzt, erniedrigt und in einzelnen Fällen Medikamente abgegeben, damit sie trotz Schmerzen trainieren und Wettkämpfe bestreiten können.

Nun äußert sich Frehse zu dem Verfahren der Aufklärung und wirft dem Deutschen Turnerbund (DTB) vor, "elementare rechtliche Grundprinzipien" zu verletzen. Ihr werde durch den Verband seit Wochen die Einsichtnahme in den Untersuchungsbericht verwehrt, der bereits am 21. Januar öffentlich vorgestellt wurde und als Grundlage für die Forderung dient, sie zu entlassen. Laut der vom DTB beauftragten Antwaltskanzlei Rettenmaier aus Frankfurt am Main liegen "in 17 Fällen hinreichende tatsächliche Anhaltspunkte für die Anwendung psychischer Gewalt durch die Trainerin" vor.

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Frehse bemängelt in ihrem zuerst vom Internetportal gymmedia.de veröffentlichten Statement: "Was genau ermittelt wurde, ist mir bis heute nicht bekannt. Ich kenne nicht mehr als die öffentliche Stellungnahme des DTB, die auch an die Presse ging." Sie habe sich sofort um Einsicht bemüht. "Leider wird mir das von den Anwälten des DTB auch heute, drei Wochen nach Vorliegen des Berichts, noch immer verweigert." Mit einem fairen Verfahren habe das aus ihrer Sicht nichts zu tun.

Frehse erhebt nun ihrerseits schwere Vorwürfe gegen den Verband: "Nach meinem Eindruck will der DTB das Thema schnell abräumen und versucht vollendete Tatsachen zu schaffen, ohne mir als Betroffene die Möglichkeit zu geben, mich mit dem Bericht auseinanderzusetzen."

Frehse schaltet den Datenschutzbeauftagen ein

In jedem normalen Strafverfahren stehe dem Beschuldigen ein Recht auf Akteneinsicht zu, "aber der DTB möchte hier stattdessen nach eigenen Regeln spielen und die Akte unter Verschluss halten", erklärt Frehse. "Je länger der DTB mir die Einsicht verweigert, desto mehr frage ich mich, was der DTB zu verbergen hat und ob der Untersuchungsbericht doch nicht hält, was der DTB verspricht."

Sie zieht nun eine Konsequenz: "Da es in dem Bericht um meine Person geht, mir aber die Einsicht verweigert wird, verletzt der DTB meine Persönlichkeits- und Datenschutzrechte. Ich habe mich daher heute an den Hessischen Datenschutzbeauftragten gewandt, damit dieser der Sache nachgeht und den DTB dazu bringt, dass ich Einsicht in den Bericht über mich bekomme."

Ein Bild aus der Zeit, als sie gemeinsam erfolgreich waren: Die Chemnitzer Turnerinnen Sophie Scheder (l. mit der olympischen Bronzemedaille) und Pauline Schäfer mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse.
Ein Bild aus der Zeit, als sie gemeinsam erfolgreich waren: Die Chemnitzer Turnerinnen Sophie Scheder (l. mit der olympischen Bronzemedaille) und Pauline Schäfer mit ihrer Trainerin Gabriele Frehse. © Toni Söll

Der DTB hatte auf Anfrage von Sächsische.de, wer Einsicht in den Untersuchungsbericht habe, schriftlich erklärt: "Der Untersuchungsbericht liegt im engen Führungsgremium des DTB denjenigen vor, die mit Beschlussfassungen und der Aufarbeitung des Sachverhalts befasst sind. Dies beruht auf dem Schutz der Persönlichkeitsrechte der Betroffenen, der Wahrung von der Untersuchungskommission zugesagter Anonymität und auch darüber hinaus dem Schutz der Personen, die sich der Untersuchungskommission anvertraut haben."

Letzteres stellt nun Frehse insofern in Zweifel, dass sich die Beteiligten "zum einen ... auch nicht gescheut (haben), in aller Öffentlichkeit mit dem Magazin Spiegel zu reden, zum anderen ließen sich deren Namen ohne weiteres anonymisieren".

Arbeitgeber kennt Bericht auch nicht

Als "kurios" bezeichnet sie die Situation, dass der DTB von ihrem Arbeitgeber fordert, arbeitsrechtliche Konsequenzen zu ziehen, aber: "Auch mein Arbeitgeber hat den Bericht bislang nicht gesehen und weiß gar nicht, auf Grundlage welcher konkreten Vorwürfe aus dem Bericht er tätig werden soll." Frehse ist als Trainerin beim Olympiastützpunkt in Chemnitz angestellt, dessen Leiter Thomas Weise das auf Nachfrage von Sächsische.de bestätigt. Er bittet deshalb um Verständnis, keinen Termin für eine Entscheidung zu Frehse nennen zu können. Vorerst ist die 60-Jährige, die in Chemnitz insgesamt sechs aktuelle Olympia-Kandidatinnen um die Bronzemedaillengewinnerin von Rio 2016, Sophie Scheder, betreut, freigestellt.

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Sie hat die Anschuldigungen unter anderem in einem exklusiven Interview mit Sächsische.de bestritten und auch in einer Befragung durch die vom DTB beauftragte Rechtsanwaltskanzlei "größtenteils bestritten und sich für den Fall, dass eine namentlich benannte Turnerin sich aufgrund ihres Verhaltens schlecht gefühlt habe, entschuldigt", wie es in einer Stellungnahme des DTB vom 21. Januar heißt. Darin hatte der Verband dennoch die Entlassung der Trainerin gefordert.

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