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„Das müssen sich Eltern genau anschauen“

Nach Vorwürfen gegen eine Chemnitzer Turntrainerin erklärt eine renommierte Sportpsychologin, wie psychische Gewalt erkannt und bekämpft werden kann.

Wenn man zu Olympia will, gehört der härtere Ton dazu? Sportpsychologin Marion Sulprizio widerspricht.
Wenn man zu Olympia will, gehört der härtere Ton dazu? Sportpsychologin Marion Sulprizio widerspricht. ©  Archiv/dpa

Chemnitz. Was in der Turnhalle wirklich vorgefallen ist, soll eine unabhängige Untersuchungskommission klären. Insgesamt 14 aktive und ehemalige Chemnitzer Turnerinnen haben mit ihren vom Magazin Der Spiegel veröffentlichten Aussagen ihre frühere Trainerin Gabriele Frehse schwer belastet. Die 62-Jährige hat die Vorwürfe jedoch unter anderem im Interview mit der SZ zurückgewiesen. Sie ist derzeit vom Olympiastützpunkt Chemnitz bis zur Klärung der Sachverhalte freigestellt.

Die Diskussion ist jedoch eine grundsätzliche: Was kann und darf Leistungssport im Nachwuchs, wie geht man mit Druck bei Kindern und Jugendlichen um, welche Ansprache ist motivierend? Im Gespräch mit Sächsische.de sagt Diplom-Psychologin Marion Sulprizio von der Deutschen Sporthochschule in Köln, welche Anzeichen es für psychische Überlastung gibt, was Trainer lernen und wie Eltern reagieren sollten.

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Frau Sulprizio, wie weit verbreitet ist nach Ihrer Einschätzung das Problem psychischer Gewalt im Profisport, speziell im Nachwuchs?

Ich kann keine Zahlen präsentieren, aber in Studien zu sexualisierter Gewalt berichten sehr viele Athleten von Übergriffen in verschiedener Art und Weise, dazu zählt auch die psychische Gewalt. Deshalb gehe ich davon aus, dass es im Jugend-Leistungssport eine hohe Dunkelziffer gibt. Es sollte aber nicht jeder Trainer direkt in diesen Topf geworfen werden, man muss sehr vorsichtig differenzieren.

Im Turnen gab es Enthüllungen, die für Aufsehen sorgten: in den USA, der Schweiz, jetzt der mutmaßliche Fall in Chemnitz: Ist diese Sportart besonders gefährdet und wenn ja, warum?

Ja, das liegt in der Entwicklung. In früheren Zeiten haben auch junge Frauen die Sportart erfolgreich betrieben. In den 1970-er Jahren hat man in der Ära von Nadia Comaneci aus Rumänien jedoch festgestellt: Je kleiner, je dünner, je athletischer sie sind, umso erfolgreicher. Deshalb haben immer jüngere Sportlerinnen national und international auf höchster Ebene geturnt. Außerdem wurden Trainer geholt aus den großen Nationen, also eher aus dem Osten, aus China und den USA. Die hatten eine andere Art des Umgangs mit den Athleten.

Das heißt, es liegt an den Methoden des Trainings?

Ungeachtet dessen haben wir in Deutschland, im Westen, ein anderes Menschenbild, wollen mündige Athleten, mit denen man freundlich umgeht. Das ist aber nicht überall so. Wenn man in osteuropäische Länder oder nach China schaut, wo sie sehr viele Athleten haben, ist es egal, wenn mal einige von der Kante fallen.

Wie definieren Sie psychische Gewalt?

Das kann man pauschal nicht sagen, weil es in der Wahrnehmung desjenigen liegt, dem sie widerfährt. Wenn, wie es jetzt aus Chemnitz geschildert wird, Bedrohungen hinzukommen, die Athleten entmündigt werden und Medikamente nehmen sollen und alles, was unter Mobbing gehört: Wenn man jemanden beleidigt, sei es wegen seines Gewichts oder weil er etwas noch nicht kann. Das gehört zur psychischen Gewalt. Es kommt jedoch darauf an, wie der andere das empfindet. Was jetzt im Turnsport zutage kommt, konnten die Athleten lange selbst nicht so einordnen, sondern verstehen erst im Nachgang, was passiert ist.

Jeder Mensch empfindet anders, wie finden Trainer den richtigen Ton, wenn eine härtere Ansprache im Leistungssport zur Motivation gehört?

Zur härteren Ansprache würde ich sofort sagen: Nein, das ist so nicht richtig. Es stellt sich die Frage: Wie gut kenne ich als Trainer meine Athleten? Bei dem einen kann es funktionieren, beim anderen geht es nach hinten los. Was die eine motiviert, frustriert die andere. Ich muss ein sehr individuelles Profil meiner Athleten haben, das verlangt Fingerspitzengefühl. Es gibt dafür den Begriff Empathie. Ich muss den anderen verstehen, mich in ihn hineinversetzen können – dann habe ich eine Chance, den richtigen Ton zu finden.

Turnen ist eine ästhetisch anspruchsvolle Sportart, wie auch diese Mehrfachbelichtung einer australischen Turnerin beim Training am Schwebebalken zeigt. Doch auch deshalb ist das Gewicht für die Mädchen und jungen Frauen ein heikles Thema.
Turnen ist eine ästhetisch anspruchsvolle Sportart, wie auch diese Mehrfachbelichtung einer australischen Turnerin beim Training am Schwebebalken zeigt. Doch auch deshalb ist das Gewicht für die Mädchen und jungen Frauen ein heikles Thema. ©  Archiv/dpa

Werden Trainer dafür zu wenig geschult?

Ja, genau. Im Vordergrund stehen Technik, Taktik, Didaktik. Empathie, also: Wie finde ich die richtige Ansprache?, kommt viel zu kurz. Wir wissen aus der Motivationspsychologie, dass Sportler natürlich die gleichen Bedürfnisse haben wie jeder Mensch. Und wenn ich die mit Füßen trete, geht das auf Kosten der seelischen Gesundheit.

Was können und müssen Verbände wie Vereine tun, um Kinder zu schützen?

Im Bereich der sexualisierten Gewalt gibt es zum Glück eine sehr starke Bewegung, die muss ausgeweitet werden. Es braucht eine Kultur des Hinsehens, des Aufeinanderaufpassens. Die Trainer sollten genauer durchleuchtet werden, bevor sie angestellt werden. Dafür, wie ich den Sport vermittle, gibt es Lizenzen, aber für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen nicht. Aber ob ich den Ton finde, den Athleten berücksichtige, was ich über Kommunikation weiß – das wird nicht wirklich geprüft. Das könnte man verbessern.

Wie ist es zu erklären, dass sich bisher fast nur ehemalige Athleten über ihre negativen Erfahrungen äußern?

Dafür sehe ich zwei Gründe. Wie gesagt: Manche können das erst später beurteilen, weil sie vielleicht denken, es gehört dazu. Der zweite ist, dass sie Angst haben zu sagen, das hat mich verletzt, weil sie fürchten, dann nicht mehr dazuzugehören. Die Selektion ist ein wichtiger Aspekt. Deshalb braucht es eine größere Sensibilisierung und Aufklärung.
Trainer sind für die Kinder Autoritäts- und Vertrauenspersonen, die sie nicht enttäuschen wollen.

Welche Möglichkeiten sollten Verbände und Vereine schaffen, damit sie sich trotzdem öffnen können, wenn es Probleme gibt?

Es wurden bereits Kinderschutzbeauftragte installiert, die mit Schweigepflicht arbeiten. Aber das wissen viele Athleten noch nicht. Das muss viel besser kommuniziert und genutzt werden.

Können Kinder besser sensibilisiert werden, um selbst frühzeitig zu erkennen, wenn ihnen Unrecht widerfährt?

Das glaube ich schon. Beispielhaft sind die Kampagnen in Grundschulen: Kinder starkmachen, nein sagen können, nicht mitzugehen, wenn ein Fremder mich anspricht. Das kann man auch für die Kommunikation mit Erwachsenen und vermeintlichen Autoritätspersonen schulen: Wenn dir etwas komisch vorkommst, du dich unwohl fühlst, kannst du so oder so reagieren. Wieso sollte man solche Konzepte nicht auf den Leistungssport, den Sport allgemein anpassen können?

Die minderjährigen Sportlerinnen leben meist im Internat, weit weg von zu Hause. Welche Chance haben Eltern, frühzeitig zu erkennen, wenn es ihren Kindern beim Sport nicht gut geht?

Das ist tatsächlich nicht so einfach. Wenn Kinder sich äußern, ich möchte nach Hause, es gefällt mir hier nicht, sind das Anzeichen. Was steckt hinter dem Heimweh? Das müssen sich Eltern genau anschauen. Auch Leistungssport sollte mit Spaß und Freude verknüpft sein. In dem Moment, in dem das nicht mehr da ist, müssen Eltern sehr sensibel sein.

Wann und wie sollten Eltern eingreifen?

Das ist schwierig. Ich habe selbst zwei Kinder und hoffe, dass die Eltern ihre so gut kennen, dass sie wissen, welche Zeichen darauf hindeuten, wenn sie sich nicht wohlfühlen. Das geht hauptsächlich im Gespräch. Man muss das gesamte System hinterfragen: Hast du Freunde? In der Pubertät: Wie sieht es aus mit einem Partner, hast du Zeit dafür? Aber eine genaue Liste mit Anzeichen, die man abhaken kann, gibt es nicht. Das ist eben sehr individuell.

Wie lässt sich Leistungsdruck, der dem Spitzensport immanent ist, psychologisch kompensieren?

Erst einmal gar nicht. Man kann Methoden für sich entwickeln, wie man mit Drucksituationen umgehen kann. Das ist es, was die Sportpsychologie schult: Die Gedanken nicht darauf zu lenken, was passiert, wenn ich einen Fehler mache oder gar versage, sondern sich darauf zu konzentrieren, was ich kann, auf die körperliche Herausforderung. Körpersprache ist ein Thema, sie zeigt, wie ich innerlich spreche. Wenn ich selbstbewusst und positiv mit mir rede, sehe ich anders aus, als wenn ich negative Gedanken habe.

Müssten Vereine, die Nachwuchsleistungssport betreiben, Sportpsychologen beschäftigen?

Ich komme ja aus der Sportpsychologie, es wäre also komisch, wenn ich sagen würde: Das brauchen wir nicht. Natürlich sind Sportpsychologen eine sehr positive Ergänzung des Trainerteams, wenn sie vertrauensvoll im Sinne der Sportler arbeiten können – und nicht im Sinne des Vereins. Auch die Entscheidung, einen Wettkampf auszulassen oder sogar die Karriere zu beenden, kann das Ergebnis sportpsychologischen Coachings sein. Das wäre zu akzeptieren.

Welche Lehren lassen sich aus einem Fall wie in Chemnitz ziehen?

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Im Grunde habe ich das bereits beantwortet. Man kann die Trainerausbildung verbessern, die Ressourcen der Athleten stärken, das Team ergänzen durch sportpsychologische Betreuer. Drei Dinge, die man angehen könnte, wenn man denn will.

Das Gespräch führte Sven Geisler.

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