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So reagieren die Dresdner auf die Turnaffäre

Die Vorwürfe von Pauline Schäfer gegen Trainerin Gabriele Frehse wirken bundesweit nach. Beim DSC hat man eine klare Meinung: Wettkampf bedeutet Druck.

„Jeder hat eine eigene Schmerzgrenze“, sagt die DSC-Turnerin Julia Vietor. Und jeder geht damit anders um.
„Jeder hat eine eigene Schmerzgrenze“, sagt die DSC-Turnerin Julia Vietor. Und jeder geht damit anders um. © Archiv: Matthias Rietschel

Dresden. Die von der ehemaligen Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer im Nachrichtenmagazin Der Spiegel erhobenen Vorwürfe gegen ihre frühere Trainerin Gabriele Frehse aus Chemnitz sorgen weiter für Schlagzeilen, und sie belasten die deutsche Turnszene. In Dresden wird besonders intensiv diskutiert. Die Turnabteilung des Dresdner SC, dessen Frauen-Riege in der 1. Bundesliga turnt, liefert seit Jahren ihre hoffnungsvollsten Talente an den Bundesstützpunkt nach Chemnitz.

Daran ändert sich auch jetzt, in der Phase der Aufarbeitung der von Schäfer und anderen Turnerinnen geäußerten Anschuldigungen, nichts. „Unsere Kooperation mit Chemnitz beschränkt sich nicht auf eine Person. Wir nehmen unsere Aufgabe und Pflicht als Landesstützpunkt wahr wie bisher“, sagt DSC-Trainer Tom Kroker und erzählt, dass in der Altersklasse der Elfjährigen gerade wieder ein DSC-Talent auf bestem Weg zum Bundesstützpunkt ist.

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Besorgt ist man in Dresden dennoch, dass auf das Turnen „ein Schleier, ein Schatten fällt“, wie es Kroker formuliert. Zu den Vorwürfen von Schäfer will er sich vorerst nicht äußern. „Das steht uns nicht zu, aber wir nehmen das natürlich ernst“, sagt der 38-Jährige, doch er berichtet auch von besorgten Eltern, die in den vergangenen Tagen vermehrt Nachfragen gestellt haben. „Der Sport ist ein schöner, für uns der schönste. Ob Eltern jetzt vorsichtiger sind, kann ich schlecht abschätzen. Wir haben viele Vertrauensbekundungen erhalten“, sagt Kroker.

DSC-Turntrainer Tom Kroker berichtet von vermehrten Nachfragen besorgter Eltern.
DSC-Turntrainer Tom Kroker berichtet von vermehrten Nachfragen besorgter Eltern. © Ronald Bonß

Die Rücksprache mit Eltern ist während der Corona-Pandemie ohnehin eingeschränkt. Nicht zuletzt deshalb braucht der Austausch auch Zeit. „Als Verein und Abteilung haben wir uns ein paar Tage erbeten, in denen wir die Situation für uns ordnen wollen und ein Positionspapier verschickt haben, für welche Werte wir stehen“, erklärt Kroker, und er stellt die gleich heraus: „Wir stehen für ambitionierten Leistungssport. Damit einher geht eine gewisse Straffheit oder Härte im Training, aber nicht über Grenzen hinaus, die an der Seele nagen.“

Die 21-jährige Julia Vietor weiß, dass sich Trainer und Athleten bei diesem Balanceakt immer wieder auch in Graubereichen bewegen. „Schmerzen sind ein Thema, wenn man so viel und in der Intensität trainiert. Teilweise muss man selbst abschätzen, wie weit man gehen kann, aber natürlich parallel mit dem Trainer oder Arzt reden“, erklärt die DSC-Turnerin, die 2018 bei der deutschen Meisterschaft Bronze im Sprung gewann. „Jeder hat eine eigene Schmerzgrenze. Wenn man Schmerzen nur in sich hineinfrisst, funktioniert es nicht. Das musste ich im Lauf der Jahre auch erst lernen“, sagt die Dresdnerin. Als 18-Jährige habe sie mal einen Wettkampf unter Schmerzmitteln bestritten – nach Rücksprache mit Arzt und Trainer.

Ohne Hierarchien und einen gewissen Druck funktioniere Leistungssport nicht, sagen Kroker und Vietor unisono. Schäfer warf ihrer Ex-Trainerin unter anderem dauernden psychischen Druck vor. „Das ist eine Definitionsfrage. Natürlich bin ich als Coach verantwortlich, die Sportler zu pushen. Das muss ich. Die wenigsten gehen freiwillig an ihre Leistungsgrenzen. Man benötigt immer einen Partner, mit dem man gemeinsam diesen Weg erarbeitet“, sagt Kroker und schätzt ein: „Das ist eine Gratwanderung. Der eine hält mehr Druck aus, der andere weniger. Fakt ist: Im Wettkampf herrscht hoher Druck. Darauf muss man Athleten vorbereiten.“

Die ehemalige Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer wirft ihrer ehemaligen Trainerin Gabriele Frehse unter anderem dauernden psychischen Druck vor.
Die ehemalige Schwebebalken-Weltmeisterin Pauline Schäfer wirft ihrer ehemaligen Trainerin Gabriele Frehse unter anderem dauernden psychischen Druck vor. © dpa/Sebastian Willnow

Auch Kroker werde hin und wieder mal laut. „Das muss ich natürlich entsprechend moderieren, und das ist auch typabhängig. Meine Kollegin ist beispielsweise viel ruhiger.“ Und Vietor merkt an: „Es gibt bessere und schlechtere Tage. Auch darauf muss ein Trainer reagieren.“ In Dresden, sagen sie, funktioniere das. Falls dennoch Probleme auftreten, gibt es in der Abteilung eine Kinderschutzbeauftragte und inzwischen zudem einen Kummerkasten. Die Sportler können dort auch anonym ihre Sorgen loswerden. Bisher ist der Kasten leer.

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„Wir bilden uns ein, dass wir durch unsere flachen Hierarchien viele Dinge zeitig mitbekommen und persönlich und direkt klären“, sagt Kroker. Der DSC erwartet nun vom deutschen Verband eine „faire, genaue Aufarbeitung“ durch die unabhängige Untersuchungskommission samt Ergebnissen und offiziellem Statement. „Wir wollen nicht, dass das irgendwo verschwindet“, sagt Kroker, „denn das geht uns im Turnen alle an.“

Trainerin Gabriele Frehse wehrt sich gegen die Anschuldigungen ihrer einstigen Turnerinnen.
Trainerin Gabriele Frehse wehrt sich gegen die Anschuldigungen ihrer einstigen Turnerinnen. © Toni Söll

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