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„Das Training ist keine Streicheleinheit“

So lief das zu DDR-Zeiten in Dresden: Die einstige Weltklasse-Turnerin Martina Jentsch und ihr Trainer Volker Parsch reden über ihr besonderes Verhältnis.

Martina Jentsch hat mit der DDR-Mannschaft bei Olympia 1988 sowie den Weltmeisterschaften 1985 und 1987 jeweils Bronze gewonnen.
Martina Jentsch hat mit der DDR-Mannschaft bei Olympia 1988 sowie den Weltmeisterschaften 1985 und 1987 jeweils Bronze gewonnen. © Archiv, privat

Dresden. Diese kleine Neugier spürt sie manchmal noch, sagt Martina Jentsch – und sie fragt sich selbst: „Was wäre wohl aus mir geworden, wenn ich eine normale Kindheit gehabt hätte?“ Sie verbringt von klein auf viel Zeit in der Turnhalle. „Meine Eltern haben in Leipzig Sport studiert, und so lag es nahe, eine kleine Zappelliese wie mich zum Turnen zu schicken“, meint die 52-Jährige. Von ihrer ersten Kreismeisterschaft sei sie „mit einem Batzen Medaillen nach Hause gekommen“.

Wie im Sportfördersystem der DDR üblich, geht sie ab der dritten Klasse an die Kinder- und Jugendsportschule, wo der Lehrplan gestreckt und der Unterricht den Trainingszeiten angepasst wird. In der fünften Klasse kommt sie nach Dresden zum SC Einheit und Trainer Volker Parsch. Er beschreibt die kleine Martina als „keine einfache Turnerin“, sie sich selbst als „manchmal störrisch“: „Wenn man ins pubertäre Alter kommt und nicht zu Hause ist, lässt man das in der Turnhalle raus.“

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Damals in der Dresdner Sporthalle (v. l.): Die Turnerinnen Diana Morawe, Grit Neugebauer, Martina Jentsch, Jana Fuhrmann und Anja Kummich mit Trainer Volker Parsch in Dresden.
Damals in der Dresdner Sporthalle (v. l.): Die Turnerinnen Diana Morawe, Grit Neugebauer, Martina Jentsch, Jana Fuhrmann und Anja Kummich mit Trainer Volker Parsch in Dresden. © Archiv, privat

Ihr Blick zurück ist jedoch keiner im Groll, auch wenn sie nach der Karriere und einem kurzen Versuch als Übungsleiterin mit dem Turnen konsequent abgeschlossen hat. Es sind nicht mal zuerst die Erfolge, an die sie denkt. Mit der Auswahl-Riege der DDR gewann Jentsch bei Olympia 1988 in Seoul sowie den Weltmeisterschaften 1985 und 1987 jeweils Bronze. „Die Disziplin und das Durchhaltevermögen, das ich als Unternehmerin brauche, habe ich in der Turnhalle gelernt.“ In Cottbus betreibt sie eine Boutique und sagt sich in den wegen der Corona-Pandemie schwierigen Zeiten: „Ich war Leistungssportlerin. Dieser Laden wird mit mir nicht untergehen.“

Zu den Vorwürfen einiger Turnerinnen gegen deren ehemalige Trainerin in Chemnitz kann sie nichts sagen, dazu fehlt der Einblick. Aber sie hat in Dresden mit Volker Parsch ihre eigenen Erfahrungen gemacht, wobei beide unabhängig voneinander übereinstimmend sagen: „Das Training ist keine Streicheleinheit.“

Von der Partei vor der Weltmeisterschaft gesperrt

Damals wurde „von oben“ vorgegeben, wie viele Übungen wann zu absolvieren sind. „Dieser Plan war das Damoklesschwert, das über uns Trainern schwebte“, sagt Parsch, der versuchte zu tricksen. „Wir haben an der Grenze gearbeitet, aber wenn die Sportlerin signalisiert hat, es geht nicht mehr, habe ich den Arzt konsultiert, der ihr ein Attest ausgestellt hat. So durfte sie weniger machen“, erzählt der 81-Jährige. „Oder“, und er zögert kurz, „Protokolle gefälscht. Heute darf ich das ja sagen.“

Einmal haben sie ihn deshalb vor die Parteileitung zitiert und von der UWV, der Vorbereitung unmittelbar vor der Weltmeisterschaft 1987, ausgeschlossen. „Es ging so weit, dass wir nicht mal miteinander telefonieren durften“, erzählt Parsch. Martina Jentsch ist ihm dankbar dafür, dass er einfühlsam war und ihr nicht aufzwingen wollte, was sie zu tun und zu lassen hat. „Dadurch sind mir sicher einige Verletzungen erspart geblieben“, meint sie. Manchmal, gibt sie mittlerweile grinsend zu, habe sie ihren Trainer dennoch beschummelt und statt 20 nur 15 Schwebehänge gemacht. „Ich wusste, dass ich es drauf habe, war athletisch eine der Besten.“ Parsch habe es gemerkt und nichts gesagt. „Heute lachen wir darüber.“

"Man hat versucht, sich an sie ranzuschleichen"

Sie treffen sich regelmäßig mit anderen Ehemaligen, schwelgen in Erinnerungen. Dabei wird manche Episode erzählt, die das besondere Verhältnis geprägt hat. „Natürlich spürten wir Leistungsdruck, aber mit Volker hatten wir auch unseren Spaß“, erzählt Jentsch. „Im Trainingslager haben wir ihm den Schlafanzug zugenäht, hatten jeden Tag einen anderen Gag auf Lager. Er hat uns das nicht krummgenommen, sondern musste sicher selber kichern.“

Heute beim Treffen der Ehemaligen (v. l.): Das Trainer-Ehepaar Volker und Dorle Parsch, Martina Jentsch, Anke Schreiber, Anja Kummich und Choreograf Rolf Gerhardt beim Treffen in Dresden.
Heute beim Treffen der Ehemaligen (v. l.): Das Trainer-Ehepaar Volker und Dorle Parsch, Martina Jentsch, Anke Schreiber, Anja Kummich und Choreograf Rolf Gerhardt beim Treffen in Dresden. © privat

Sie erinnert sich, wie sie bei Parsch zu Hause asiatisch gekocht haben. „Ich sehe uns noch auf dem Fußboden sitzen.“ Oder an die Winterlager. „Ich habe zwar ewig nicht mehr auf Skiern gestanden, aber ich weiß: Ich könnte es – und nur dank ihm.“ Im Sommer ging es zwischendurch an den See, um Sonne zu tanken, und danach „mit frischer Energie“ in der Turnhalle weiter.

Dort habe man sich bestimmt auch mal im Ton vergriffen, sagt Jentsch und meint sowohl den Trainer als auch sich selbst. „Davon geht die Welt nicht unter. Und es ist doch normal, dass es eine Ansage vom Trainer gibt, wenn er eine Leistung einfordert.“ Dabei musste Parsch durchaus die Gemütslage seines erfolgreichsten Schützlings beachten. „Ich kann mich an Tage erinnern, an denen ich ins Gesicht von Martina geschaut habe und wusste: Heute geht gar nichts“, sagt er.

Solche Aussetzer waren im Plan natürlich nicht vorgesehen. „Dann hat man versucht, sich ranzuschleichen, ihr ins Gewissen zu reden, an ihre Verpflichtungen zu erinnern, was natürlich albern war, weil sie das am wenigsten hören wollte“, erklärt Parsch – und sagt lachend: „Und wenn es gar nicht geht, Hilfe beim Roten Kreuz rufen.“ Dann wurde die Einheit eben auf den nächsten Tag verschoben. Gemeinsam mit seiner Frau Dorle, die ebenfalls Trainerin beim DSC war, hat er großen Wert auf ein gutes Klima in der Gruppe gelegt. „Die Mädels haben sich gegenseitig motiviert: Pass auf, ich habe das geschafft, du kannst es doch wenigstens versuchen.“

Volker Parsch, in Galbonz bei Zittau geboren, hat selbst geturnt, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1964 nur knapp verpasst. Als Trainer führte der gelernte Maschinenschlosser den Turner Ralf-Peter Hemmann und die Turnerin Martina Jentsch in di
Volker Parsch, in Galbonz bei Zittau geboren, hat selbst geturnt, die Qualifikation für die Olympischen Spiele 1964 nur knapp verpasst. Als Trainer führte der gelernte Maschinenschlosser den Turner Ralf-Peter Hemmann und die Turnerin Martina Jentsch in di © Archiv, privat

Volker Parsch habe jederzeit Rücksicht genommen, wenn er spürte, dass eine Sportlerin sich einen Sprung oder ein Element gerade nicht zutraut, berichtet Martina Jentsch. „Angst ist ein schlechter Begleiter, weil sie das Risiko erhöht.“ Aber an Grenzen zu gehen, daran kann sich im Rückblick erst recht nichts Verwerfliches finden. „Ich finde es schwierig, wenn Kinder mit Samthandschuhen angefasst werden und, sobald sie ins Arbeitsleben kommen, nicht wissen, was gehauen und gestochen ist“, sagt die Unternehmerin.

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