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Viel mehr als nur ein Signal

Nachdem deutsche Turnerinnen bei der EM in Basel in Ganzkörperanzügen antraten, wollen andere Sportarten nachziehen.

Einen Trend gesetzt: Sarah Voss turnte zum Auftakt der Turn-EM in Basel in einem Ganzkörperanzug.
Einen Trend gesetzt: Sarah Voss turnte zum Auftakt der Turn-EM in Basel in einem Ganzkörperanzug. © dpa/Keystone/Georgios Kefalas

Von Christoph Fischer

Sarah Voss hat irgendwann die Entscheidung getroffen: „Ich mache das.“ Die Kölnerin turnte zuletzt bei den Europameisterschaften in Basel nicht mehr in ihrem beinfreien hautengen Turnanzug, sondern ging in Ganzkörperbekleidung an den Schwebebalken. Elisabeth Seitz aus Stuttgart und Kim Bui aus Tübingen taten es ihr nach. Eine neue Debatte im Kunstturnen war damit eröffnet, eine längst fällige.

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Seitz hatte schon zuvor in einer Studie zu Befindlichkeiten von deutschen Athletinnen im Hochleistungssport des Fernsehsenders SWR betont, dass „unser Sport viel zu schön ist, um schlechte Bilder zu zeigen“. Sie hatte ganz bestimmte Fotos im Auge, Fotos, bei denen in den Schritt fotografiert wird. Nur wenige Zentimeter Stoff bedecken den Bereich zwischen den Beinen. „Wenn nur minimal was verrutscht, dann sieht jeder mehr, als er sehen sollte“, meinte sie damals.

Protest gegen schlechte Bilder

Jetzt sagt sie: „Ich schaue schon auf Bilder, die von mir beim Turnen gemacht werden, gerade auch nach großen internationalen Wettbewerben wie Olympischen Spielen“, sagt Seitz, und sie protestiert auch gegen „schlechte Bilder“, weil man sich sexistische Fotos nicht gefallen lassen muss.

Es ist noch gar nicht lange her, da schrieb der mexikanische Präsident des internationalen Volleyball-Verbandes vor, dass beim Beachvolleyball die Hosen der Spielerinnen an der Seite maximal sieben Zentimeter breit sein durften. Das war eine vom Weltverband erlassene Auflage. Was 2004 bei Olympia in Athen dazu führte, dass 40 Prozent der Kameraeinstellungen auf Brust oder Gesäß der Athletinnen ausgerichtet waren. Sexismus in Reinkultur, schrieb die Stuttgarter Zeitung. Die Auflagen galten bis zu den Sommerspielen in London 2012.

Bei der WM der Leichtathleten 2019 in Katar kamen die Veranstalter auf die Idee, Kameras im Startblock zu positionieren. Gina Lückenkemper nannte das „ausgesprochen unangenehm“. Aber erst die Initiative der deutschen Kunstturnerinnen zuletzt bei der EM in Basel setzte nun eine Diskussion in Gang, ein Signal, das weit über das Turnen hinausgehen soll. Auch Athletinnen anderer Sportarten wollen selbst entscheiden, wie sie bei Wettkämpfen an den Start gehen. Und sich das nicht mehr von den Reglements irgendwelcher Funktionäre vorschreiben lassen.

Bei der SWR-Umfrage stellte jede dritte der befragten 719 deutschen Spitzenathletinnen fest, für ihren Erfolg spiele auch das äußere Erscheinungsbild eine Rolle. „Mir wurde schon oft von Leuten aus der Managementbranche geraten, dass ich mich freizügiger zeigen soll, weil ich dann bessere Chancen bei den Sponsoren habe“, sagte Snowboarderin Cheyenne Loch. Jede dritte Athletin erlebt in ihrem Sport Sexismus, jede vierte wurde sogar sexuell belästigt.

Der Internationale Turnverband FIG legt Wert auf die Feststellung, dass das Reglement schon seit 2013 ausdrücklich Ganzkörperanzüge vorsieht. „Viele von uns wussten das gar nicht“, sagt Bundestrainerin Ulla Koch. Vermutlich wurde auf dieses Reglement auch nie explizit hingewiesen.

Sarah Voss jedenfalls glaubt, dass „wir in Basel einen Trend gesetzt haben, wir freuen uns, wenn andere das aufgreifen“. Elisabeth Seitz will gar nicht so weit gehen, Ganzkörperanzüge im Kunstturnen ausschließlich vorzuschreiben: „Es geht nicht darum, dass wir sagen, jede Turnerin soll sich bedecken und keine Haut mehr zeigen. Unsere Botschaft lautet: Zieht euch das an, worin ihr euch am wohlsten fühlt.“

Es geht nicht nur um Bilder, das Problem ist offensichtlich. Der Deutsche Schwimm-Verband wird von Missbrauchsvorwürfen gegen den langjährigen Bundestrainer Stefan Lurz erschüttert. Die Staatsanwaltschaft Würzburg ermittelt gegen den zurückgetretenen 43-Jährigen wegen des Vorwurfs des sexuellen Missbrauchs. Lurz bestreitet die Vorwürfe. Die Frage des SWR, ob Athletinnen Sexismus in Training und Wettkampf an Verein, Verband oder Vertrauenspersonen gemeldet hätten, verneinte über die Hälfte der betroffenen Athletinnen. „Ich war jünger und hatte das Gefühl, es würde meiner Karriere nicht gut tun“, sagte eine Fußballerin. „Das ist so omnipräsent, dass man dagegen kaum ankommt. Ich ignoriere es größtenteils einfach“, sagt eine Gewichtheberin. Der Trend bleibt eindeutig. „Eine große Rolle in Bezug auf den Erfolg bei Social Media spielt das Aussehen, je attraktiver, je mehr Follower, desto besser die Chancen bei den Sponsoren“, sagt eine Triathletin.

Nicht nur in der Vermarktung ist der Nachteil der Athletinnen gegenüber den Athleten immer noch riesig. 41 Prozent der befragten Sportlerinnen verdienen im Jahr weniger als 10.000 Euro mit dem Sport, für nur 43 Prozent ist der Sport die Haupteinnahmequelle, über 75 Prozent fühlen sich nicht angemessen honoriert. „Dass Spitzensportlerinnen weniger Geld verdienen, ist im Prinzip ähnlich wie in der Gesellschaft, vielleicht nur noch krasser. Wir haben in Funktionärspositionen überwiegend Männer, und da wird der Sport der Männer deutlich höher wertgeschätzt als der der Spitzensportlerinnen“, erklärt Professorin Ilse Hartmann-Tews, Sportsoziologin an der Sporthochschule Köln.

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