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Warum ein Wasserspringer zum Nachtspringer wird

Damit es der Dresdner Martin Wolfram ein drittes Mal zu Olympia schafft, klingelt sein Wecker jetzt schon um zwei Uhr. Es ist nicht das Einzige, an das er sich gewöhnen muss.

Ein Sprung ins kalte Wasser macht müde Männer munter. Martin Wolfram kann bestätigen, dass dies auch um vier Uhr funktioniert.
Ein Sprung ins kalte Wasser macht müde Männer munter. Martin Wolfram kann bestätigen, dass dies auch um vier Uhr funktioniert. © Foto: Photoarena/Thomas Eisenhuth

Dresden. Essenszeiten um 7.30 und 13 Uhr klingen völlig normal – doch an die Speisefolge muss sich Martin Wolfram erst gewöhnen. Zur Frühstückszeit gibt es bereits ein warmes und deftiges Mittagsbüffet. Und um 13 Uhr Abendbrot. Das Frühstück wiederum wird um 2.30 Uhr serviert, also mitten in der Nacht. „Das fühlt sich schon komisch an“, gesteht Dresdens derzeit erfolgreichster Wasserspringer.

Einen Vorteil gibt es allerdings: Der 29-Jährige muss nicht selber kochen. Das gesamte Nationalteam wohnt seit Montag und noch bis Sonntag in einem Hotel in der Dresdner Innenstadt. Bis zur Springerhalle kann man laufen, das könnte Wolfram allerdings auch von seiner Wohnung aus. Doch der Aufenthalt in der Vier-Sterne-Herberge ist Teil des Hygienekonzepts – und die ungewöhnlichen Essenszeiten Teil der Vorbereitung auf die entscheidende Olympia-Qualifikation Anfang Mai in Tokio.

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Wegen Corona dürfen die Athleten aus aller Welt erst drei Tage vor dem ersten Wettkampf anreisen, üblich ist eine Woche. Mindestens. Und drei Tage sind zu wenig, um den Körper an die Zeitumstellung zu gewöhnen. Japan ist Deutschland sieben Stunden voraus. „Eine Faustregel besagt, dass man für eine Stunde einen Tag braucht“, erklärt Wolfram. Mit Jetlag Höchstleistungen zu bringen, ist unmöglich. Deshalb werden nun beim Lehrgang in Dresden die Tokio-Bedingungen imitiert. „Die erste Trainingseinheit beginnt um vier Uhr“, erzählt Wolfram, „die zweite um zehn. Und dazwischen gibt es Mittagessen.“ Um 18 Uhr ist Nachtruhe. „Dank der Vorhänge ist es in den Zimmern zumindest dunkel. Aber müde war ich um die Zeit bisher trotzdem nicht.“ Der Europameister von 2015 hofft, dass sich das bis zum Ende des Lehrgangs noch ändert. Am Montag geht es dann nach Frankfurt/Main und von dort mit dem Flieger nach Tokio.

Riesiges Starterfeld zwingt zu langen Pausen

Der Aufwand, den der Deutsche Schwimmverband (DSV) für die 15 Springer betreibt, ist so groß, weil bei dem Quali-Wettkampf die meisten Olympia-Startplätze vergeben werden. Bisher sind nur zwei fix – jeweils im Einzel vom Dreimeter-Brett, wo die Dresdnerin Tina Punzel und der Berliner Patrick Hausding gesetzt sind. Wenn alles optimal läuft, könnten es noch zwölf werden. Wolfram kämpft um den zweiten Startplatz vom Dreimeter-Brett und hat dafür einen viereinhalbfachen Salto in sein Programm aufgenommen. Schwieriger geht es kaum.

Doch den Sprung muss er wohl zeigen, um es zu seinen dritten Spielen zu schaffen. 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro stand er jeweils im Finale vom Zehn-Meter-Turm. Doch nach vier Schulteroperationen ist die Verletzungsgefahr beim Eintauchen zu groß, deshalb stieg er hinunter aufs Dreimeter-Brett. Es ist traditionell die Wassersprung-Disziplin mit dem größten Starterfeld. In Tokio treten nun 67 Männer im Vorkampf an. Das wird für alle eine Herausforderung. „Ich rechne damit, dass wir zwischen zwei Sprüngen eine halbe Stunde Pause haben werden“, sagt Wolfram. „Da die Spannung und Konzentration zu halten, ist extrem schwierig.“ Für das Olympia-Ticket müsste er es ins Halbfinale schaffen, also unter die besten 18.

Einfach wird es auch aus einem anderen Grund nicht. Springer brauchen Orientierungspunkte, damit sie wissen, zu welchem Zeitpunkt sie die Salti und Schrauben beenden und das Eintauchen einleiten müssen. „Das ist nicht immer das Brett oder die Wasseroberfläche, sondern kann zum Beispiel ein buntes Werbeplakat sein“, erklärt er. Den geeigneten Punkt in einer neuen Halle wie der in Tokio zu finden, dauert. Bei nur drei Tagen Training und dem riesigen Starterfeld könnte es knapp werden. Hinzu kommen die umfangreichen Corona-Auflagen.

Auch Trockentraining in der Schaumstoffgrube gehört zur Vorbereitung auf die Olympia-Qualifikation.
Auch Trockentraining in der Schaumstoffgrube gehört zur Vorbereitung auf die Olympia-Qualifikation. © Foto: Photoarena/Thomas Eisenhuth

Ein wenig hat sich Wolfram schon mit dem neuen Hygienekonzept beschäftigt. Das erste war durchgefallen, die Quali musste deshalb verschoben werden. Nun soll alles ganz streng sein. „In der Halle darf man wohl nicht mal trinken, weil man dazu ja die Maske absetzen müsste“, nennt er ein Beispiel. „Und einem Teamkollegen zujubeln, ist auch verboten.“ Der gravierendste Einschnitt ist aber das Trainingsverbot nach dem Wettkampf. Nach seinem letzten Sprung darf Wolfram nicht mehr auf die Anlage, kann tagelang nur rumsitzen. „Das empfinde ich schon als problematisch, schließlich beginnt eine Woche nach dem Ende der Quali schon die Europameisterschaft in Budapest.“

Am besten noch vor der EM sollte der erste Impftermin eingeschoben werden. Am Montag hatte das Bundesinnenministerium verkündet, dass alle 1.400 Olympiakandidaten vor den Ende Juli beginnenden Spielen immunisiert werden sollen. Da die meisten Athleten wohl das Biontech-Produkt favorisieren, müssen sie zweimal geimpft werden. Die Zeit drängt also.

Impftermin zwischen Olympia-Quali und EM

„Ich habe noch keinen Termin“, sagt Wolfram und man merkt ihm an, dass es ein Thema ist, über das er nicht so gerne redet. Er habe da ein zwiespältiges Gefühl, weil er sich nicht vordrängeln möchte, wenn es andere vielleicht nötiger haben, sagt er. Auf der anderen Seite käme eine 14-tägige Quarantäne so unmittelbar vor Olympia zur Unzeit. „In der Wohnung kann ich die Sprünge schlecht üben, die Badewanne ist einfach zu flach“, sagt er. „Der Trainingsrückstand wäre nicht mehr aufzuholen.“ Und das nach fünf Jahren Vorbereitung auf den Höhepunkt.

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Deshalb wird auch beim Lehrgang in Dresden streng darauf geachtet, die Ansteckungsgefahr so gering wie möglich zu halten. Die größere Herausforderung ist jedoch das Aufstehen gegen zwei Uhr in der Nacht. „Ich habe mir zwei Wecker gestellt“, sagt Wolfram. „Bei anderen sind es vier oder fünf.“ Und so richtig Appetit hat er dann auch noch nicht.

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