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So läuft der Wintersport jetzt in Corona-Zeiten

Viele Rennen, viele Reisen – die Pandemie macht es den Athleten schwer. „Alle zittern, was rauskommt“, sagt ein Trainer. Er meint nicht nur die Corona-Tests.

Biathletin Denise Hermann beweist: Die Maske ist eine ständige Begleiterin, auch bei der Siegerehrung.
Biathletin Denise Hermann beweist: Die Maske ist eine ständige Begleiterin, auch bei der Siegerehrung. © Matthias Rietschel

Die Zuversicht im Allgäu ist groß und ungebrochen. Wenn in knapp 100 Tagen in Oberstdorf die nordische Ski-Weltmeisterschaft mit den besten Langläufern, Springern und Kombinierern stattfindet, sollen auch Zuschauer dabei sein. Eine WM-Absage hält der deutsche Verbandspräsident Franz Steinle ohnehin für unwahrscheinlich. Seine Sorgen diesbezüglich seien gering. „Wir blicken optimistisch in die Zukunft“, betont er.

Den Blick hat Steinle in diesen Tagen jedoch exklusiv. Kurz vor dem Start in die Winter-Weltcup-Saison überwiegen in Deutschland bange Hoffnungen und fromme Wünsche verbunden mit reichlich Skepsis. Fakt ist: Der Wintersport kämpft inmitten der anhaltenden Corona-Pandemie ums Überleben. Eine realistische Chance haben nur die, deren Wettkämpfe stattfinden. Dann zahlen die Sponsoren, und dann überträgt auch das Fernsehen.

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Rund 500 Stunden Live-Berichterstattung haben die öffentlich-rechtlichen TV-Sender ARD und ZDF auch in diesem Winter eingeplant. „Im Moment gilt: Die Summe der Übertragungen bleibt gleich“, sagt ZDF-Sportchef Thomas Fuhrmann – mit Betonung auf „im Moment“. Verschiedene Szenerien sind vorbereitet. Notfalls soll aus dem Studio berichtet werden. Vor Ort sein müssen indes die Sportler, Trainer, Betreuer. So läuft der Weltcup-Winter, der an diesem Freitag beginnt.

Franz Steinle ist Präsident des Deutschen Skiverbandes und optimistisch, dass die nordische Weltmeisterschaft im Februar und März in Oberstdorf stattfindet.
Franz Steinle ist Präsident des Deutschen Skiverbandes und optimistisch, dass die nordische Weltmeisterschaft im Februar und März in Oberstdorf stattfindet. © dpa

Ski nordisch: Charterflüge und Hütten statt Hotels zur Kontaktreduzierung

Die Springer machen am Wochenende im polnischen Wisla den Anfang. Die Anreise ist ungewöhnlich. Der Weltverband Fis setzt für alle Athleten Charterflüge ein. Damit geht es auch weiter zu den Weltcup-Stationen in Kuusamo (Finnland) und Nischni Tagil (Russland) sowie anschließend zur Skiflug-WM nach Planica (Slowenien). „So bleibt die Gruppe kompakt zusammen, und es gibt so wenig Kontakt wie möglich nach außen“, sagt Renndirektor Sandro Pertile. Zuschauer sind bis zum Jahreswechsel nicht zugelassen. Abgesagt ist bislang nur der Weltcup im japanischen Sapporo Anfang Februar.

Die Langläufer, die wie die Kombinierer in Kuusamo dazustoßen, quartieren sich zur Kontaktreduzierung teilweise in Hütten statt in Hotels ein. Beim Sprint-Weltcup am 19. und 20. Dezember am Dresdner Elbufer ist das nicht möglich. Die Organisatoren rechnen weiter mit Zuschauern. Der Kartenvorverkauf läuft.

Bei den Kombinieren wurde bereits die zweite Weltcup-Station in Lillehammer abgesagt. „Ich hoffe es natürlich nicht, aber fürchten muss man schon, dass es noch mehr Orte trifft“, erklärt der Oberwiesenthaler Eric Frenzel. „Das wäre bitter. Schließlich haben wir uns alle lange auf die Saison vorbereitet. Da will man auch Wettkämpfe machen.“

Der nordische Kombinierer Eric Frenzel hat sich lange auf die Saison vorbereitet und will Wettbewerbe bestreiten.
Der nordische Kombinierer Eric Frenzel hat sich lange auf die Saison vorbereitet und will Wettbewerbe bestreiten. © dpa/Michael Kappeler

Biathlon: Zwei Weltcups in Oberhof und das Schalke-Event in Ruhpolding

Bei den Skijägern beschränkt man das Reisen durch Doppelveranstaltungen an einem Ort. Los geht es ab dem 27. November im finnischen Kontiolahti. Derzeit bereiten sich die deutschen Biathleten im rund 800 Kilometer entfernten Muonio vor. „Es fehlt ein bisschen die Leichtigkeit“, sagt der fünfmalige Weltmeister Arnd Peiffer. „Wir sind unter strengen Auflagen hier und haben ein sehr strenges Hygienekonzept. Das macht es nicht ganz so entspannt.“ Während der Weltcups sollen sich Athleten, Trainer und Betreuer in einer Art Blase bewegen. Wer dazustößt, muss einen aktuellen Negativbefund vorlegen. Auch die Internationale Biathlon-Union (IBU) und der Deutsche Skiverband (DSV) testen regelmäßig. Der DSV investiert allein rund eine Million Euro in die Logistik, um seine Top-Athleten in diesem Winter zu testen.

Auch Oberhof richtet im Januar zwei Weltcups aus. Ruhpolding geht damit leer aus – aber nicht ganz. Quasi als Ersatz wird am 28. Dezember ein Einladungsrennen in der Chiemgau-Arena ausgetragen. Das steigt sonst als Spektakel im Schalker Fußballstadion, doch ohne Zuschauer würde der Umbau dort die Kosten nicht decken. Auch Oberhof muss auf die Fans verzichten, was besonders die Hoteliers und Gastronomen am Rennsteig hart trifft. Sonst strömen bis zu 25.000 Zuschauer zu den Rennen, die Kulisse ist eine der stimmungsvollsten im Weltcup-Zirkus. Und am Abend wird in Festzelten weitergefeiert. Auch das fällt weg. So ruhig wie diesmal war es in Oberhof an Biathlon-Tagen noch nie.

Dem Biathleten Arnd Peiffer fehlt ein bisschen die Leichtigkeit. Sehr strenge Auflagen und Hygienekonzepte machen es nicht so entspannt.
Dem Biathleten Arnd Peiffer fehlt ein bisschen die Leichtigkeit. Sehr strenge Auflagen und Hygienekonzepte machen es nicht so entspannt. © Matthias Rietschel

Bob, Skeleton und Rodeln: Alle großen Rennen nun auf deutschen Bahnen

Maske ab und Helm auf direkt vorm Start, Helm ab und Maske auf sofort im Ziel – das ist jetzt Vorschrift. „Man belächelt das natürlich, aber es ist wirklich wichtig. Ich hoffe, dass sich alle genauso akribisch daran halten wie wir“, sagt Bobpilot Francesco Friedrich. Der Rekordweltmeister aus Pirna weiß die Situation einzuschätzen. Denn von seinem Verband, mit Abstand der erfolgreichste in Deutschland in den vergangenen Jahren, kommt der ultimative Hilferuf schon vor dem Auftakt. „Wenn unsere Rennen nicht stattfinden, sind wir im März insolvent. Das ist tatsächlich so“, sagt Leistungssport-Vorstand Alexander Resch.

Der frühere Weltklasse-Rodler meint in erster Linie die insgesamt sieben Weltcup-Veranstaltungen im Bob/Skeleton sowie Rodeln, die in Altenberg, Oberhof, Winterberg und Königssee ausgetragen werden. Überhaupt wird diesmal eigentlich nur in Europa gefahren: auf den vier deutschen Bahnen, dazu in Lettland, Österreich und der Schweiz – sowie am Saisonende in Peking als Generalprobe für 2022 im neuen Olympia-Eiskanal. Zuschauer sind überall verboten, alle Rennen in Nordamerika gestrichen und die dort geplanten Weltmeisterschaften nach Altenberg (Bob/Skeleton 1. bis 14. Februar.) und Königssee (Rodeln 29. bis 31. Januar) verlegt. Auch die Athleten aus Nordamerika und Asien fehlen, zumindest in der ersten Saisonhälfte.

„Wir sind als Nationalmannschaft im Schnitt mit 130 Leuten unterwegs und haben uns in drei Gruppen geteilt“, erklärt Bob-Bundestrainer René Spies. Allein seine Sparte hat in den vergangenen Wochen 600 Corona-Tests hinter sich – alle negativ. „Das ist Neuland für alle. Und es gibt immer noch eine große Anzahl von Fragen, die nicht beantwortet werden können. Die Ungewissheit fliegt mit zu den Weltcups“, sagt Spies, der auch Bobpiloten als Ersatz-Anschieber nominiert hat, um bei Corona-Fällen in den Teams kurzfristig reagieren zu können.

Im Bob/Skeleton wird es zudem bis zum Jahresende je zwei Weltcups im lettischen Sigulda und in Innsbruck geben – ausschließlich für Zweierbobs und Skeletonis, um die Anzahl der Athleten zu reduzieren. Los geht es an diesem Freitag. Die Rodler starten eine Woche später und machen am 2. Advent in Altenberg Station.

Bobpilot Francesco Friedrich hofft, dass sich alle so akribisch ans Maskentragen halten wie er.
Bobpilot Francesco Friedrich hofft, dass sich alle so akribisch ans Maskentragen halten wie er. © Robert Michael

Eisschnelllauf und Shorttrack: Keine Wettkämpfe mehr in diesem Jahr

Von fehlender Planungssicherheit ist immer wieder die Rede. In der Eishalle jedoch gibt es sie. Wettkämpfe im Eisschnelllauf und Shorttrack in diesem Jahr – Fehlanzeige. So viel steht fest. Das betrifft auch die olympischen Tests in Peking. „Wie es dann nach dem Jahreswechsel weitergeht, ist noch nicht ganz klar“, sagt Anna Seidel. Deutschlands beste Shorttrackerin hofft auf den Weltcup in ihrer Heimatstadt Dresden. Der ist vom 26. bis zum 28. Februar geplant. Eine Woche zuvor erlebt das schwäbische Bietigheim sein Weltcup-Debüt. Die Eisschnellläufer wollen im Januar verspätet in die Saison starten.

Shorttrackerin Anna Seidel hofft auf den Weltcup Ende Februar in ihrer Heimatstadt Dresden.
Shorttrackerin Anna Seidel hofft auf den Weltcup Ende Februar in ihrer Heimatstadt Dresden. © Matthias Rietschel

Ski alpin: Mit Pistenraupen statt Liften zum Starthäuschen

Die Ausnahmen für Spitzensportler gelten auch in Österreich. Während sich das Land wieder im Komplett-Lockdown befindet und Skigebiete geschlossen sind, trainierten die deutschen Alpin-Fahrer zuletzt im Ötztal. „Da nicht das ganze Liftsystem aktiviert werden soll, haben wir uns mit Raupen und Skidoos zur Trainingsstrecke ziehen lassen“, erzählt Sportvorstand Wolfgang Maier. Und weil die Restaurants geschlossen sind, brachte der Lieferservice das Essen am Abend in die Unterkunft.

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Vor gut einem Monat fand in Sölden bereits der Saisonauftakt statt, mit den ersten Weltcup-Rennen und strengen Hygiene-Regeln. An diesem Wochenende geht es im finnischen Levi weiter. „Ständig prüfen zu müssen, in welcher Region gerade welche Hygienevorschriften und Beherbergungsrichtlinien gelten, führt zu großer Verunsicherung“, sagt Maier. Zudem seien die Corona-Tests, die zwei- bis dreimal pro Woche durchgeführt werden, „eine enorme psychische Belastung für die Sportler. Alle zittern immer, was rauskommt.“ (mit dpa)

Wolfgang Maier ist Alpinchef des Deutschen Skiverbandes und wegen der Tests im Stress.
Wolfgang Maier ist Alpinchef des Deutschen Skiverbandes und wegen der Tests im Stress. © dpa/Angelika Warmuth

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