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Kein Podium und viel Frust bei den deutschen Biathleten

Die erfolgsverwöhnten Skijäger laufen beim Weltcup in Oberhof den eigenen Ansprüchen hinterher - und das kurz vor der WM. Ein Problem ist akut.

Frust? Enttäuschung? Erschöpfung? Franziska Preuß hadert mit ihren Leistungen beim Weltcup in Oberhof.
Frust? Enttäuschung? Erschöpfung? Franziska Preuß hadert mit ihren Leistungen beim Weltcup in Oberhof. © Foto: dpa/Martin Schutt

Es hätte ein versöhnliches Ende werden können. Hätte. Der Konjunktiv wurde von den deutschen Biathleten beim ersten Teil des Oberhofer Doppel-Weltcups sehr oft bemüht. Zu oft. Die Mixed-Staffel lag am Sonntag bis zum letzten Schießen auf Podiumskurs. Doch als Arnd Peiffer trotz der drei Zusatzpatronen eine Strafrunde drehen musste, wurde es nichts mit dem ersehnten Erfolgserlebnis.

Der fünfte Staffelrang reihte sich ein in eine lange Liste von enttäuschenden Ergebnissen. Der zehnte Platz von Peiffer im Verfolgungsrennen war das beste Einzelresultat. Und das beim Heimweltcup, viereinhalb Wochen vor der WM in Pokljuka. Während die Bundestrainer versuchen, keine Panik aufkommen zu lassen, werden die Athleten schon deutlicher. „Es nervt mich. Wieso kriegen es die anderen immer hin und bei uns hängt es irgendwie?“, klagte die frustrierte Franziska Preuß, die bisher beste Deutsche in diesem Winter.

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Das Dilemma wird umso deutlicher beim Blick auf die Norweger, die in Oberhof sämtliche Einzelrennen gewannen, bei den Männern sogar zwei Dreifacherfolge feierten. „Sie trainieren besser als wir. Und wir scheinbar nicht gut genug“, übte Erik Lesser offen Selbstkritik. Auch Peiffer findet es angebracht, „zu fragen, was sie besser machen als wir“.

Das wäre vor allem die Aufgabe von Chef-Bundestrainer Mark Kirchner. „Man darf nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Durch die norwegischen Wälder laufen eben ein paar schnelle Mädels und Jungs mehr als bei uns. Dadurch ist die Auswahl viel größer, das ist ein ganz großer Punkt“, erklärt der 50-Jährige. Es ist ein Argument, das immer wieder genannt wird, wenn man nach der norwegischen Dominanz fragt. „Bei uns gibt es nur eine Handvoll Orte, wo man unseren Sport betreiben kann. Und in Norwegen läuft jeder schon im Kindergarten auf Ski“, vergleicht Peiffer.

Deutsche Trainer sind ein Exportschlager

Die Norweger werden seit dieser Saison von Siegfried Mazet betreut. Der Franzose hatte vorher Martin Fourcade zum weltbesten Biathleten geformt, bei der vergangenen WM schlug die Staffel mit ihm die favorisierten Norweger und holte Gold. Der deutsche Verband vermied es bisher, ausländische Trainer zu verpflichten. Da läuft es eher andersherum: Alexander Wolf betreut das Team der Schweiz, Michael Greis trainiert die Polinnen, Johannes Lukas die Schweden und Ricco Groß und Gerald Hönig die Österreicher. An den Fernrohren hinterm Schießstand wird viel Deutsch gesprochen, bei den Siegerehrungen aber kaum noch.

Für Simon Schempp, der in Oberhof sein Comeback im Weltcup feierte und auf den Plätzen 58 und 45 landete, ist das deutsche Problem vor allem eines des fehlenden Nachwuchses. „Wenn man sich die letzten Jahre im Weltcup anschaut, dann ist bei uns kein Einziger mit 20 oder 21 dazugekommen. Das war früher definitiv anders, und da ist das eine oder andere nicht so gut verlaufen in den letzten Jahren“, sagt der Doppel-Weltmeister von 2017.

Die Zahlen geben ihm recht. Die beiden Jüngsten im aktuellen Weltcup-Team, Philipp Horn und Lucas Fratzscher, sind bereits 26. Wirklich mithalten mit der Weltspitze können sie jedoch (noch) nicht. „Wenn die Leistungen bei den Anfang-Zwanzig-Jährigen stimmen würden, würden sie uns Alte auch verdrängen und starten. Aber diese Talente gibt es halt momentan nicht“, meint Peiffer. „Ich bin auch mit 21 in den Weltcup gekommen und konnte mithalten.“

Die Norweger haben kein Nachwuchsproblem: In Oberhof jubeln die beiden 23-jährigen Sturla Holm Laegreid (r.) und Johannes Dale.
Die Norweger haben kein Nachwuchsproblem: In Oberhof jubeln die beiden 23-jährigen Sturla Holm Laegreid (r.) und Johannes Dale. © Foto: dpa/Martin Schutt

Dass es funktionieren kann, zeigen die Norweger mit Sturla Holm Lägreid und Johannes Dale sowie die Schweden mit Sebastian Samuelsson. Das Trio gewann in diesem Winter bereits jeweils Rennen, alle drei sind erst 23. „Wenn man mannschaftlich einen Vergleich zieht, sind die Norweger weggezogen, die Franzosen haben uns überholt und die Schweden eingeholt – zumindest Martin Ponsiluoma und Sebastian Samuelsson“, vergleicht Lesser.

Besonders düster droht die Lage nach den Olympischen Spielen 2022 zu werden, wenn mit Peiffer, Lesser, Schempp und Benedikt Doll womöglich gleich ein Quartett die Karrieren beendet. Alle sind bereits jenseits der 30 und wurden in den vergangenen Jahren alle Weltmeister. Mit ihren Leistungen könnten „die vier, fünf Arrivierten die Defizite des Nachwuchses zu sehr übertüncht haben“, mutmaßt Schempp.

Schon 2010 wurde eine Durststrecke prognostiziert

So kritisch und pessimistisch will es Kirchner nicht sehen. „Wir haben es in den vergangenen Jahrzehnten immer geschafft, eine schlagkräftige Mannschaft aufzustellen“, erklärt er. Peiffer erinnert sich an die Winterspiele 2010 in Vancouver, als die deutschen Männer nach den Rücktritten von Sven Fischer, Frank Luck und Ricco Groß medaillenlos geblieben waren. „Da wurde eine ganz lange Durststrecke prognostiziert, doch es kam anders. So schwarz-weiß ist es auch jetzt nicht, aber es dauert halt mal zwei, drei Jahre.“

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Bei den Frauen ist die Lage kaum erfreulicher, der „Nachwuchs“ mit Janina Hettich und Anna Weidel jeweils bereits 24. Zumindest Hettich, die mit Lesser in der Single-Mixed-Staffel auf Platz vier kam, deutete ihr Potenzial schon an. Doch was für sie gilt, gilt auch für das gesamte deutsche Team. „Grundsätzlich sind wir schon in der Lage, vorne reinzulaufen. Punktuell haben wir das auch gezeigt“, sagt Denis Herrmann. „Doch momentan verkaufen wir uns definitiv unter Wert.“

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