merken
PLUS Sport

Sachsens Biathlon-Legende erklärt das WM-Debakel

Olympiasieger Frank-Peter Roetsch spricht über die schlechte Bilanz des deutschen Teams und verrät, dass es Staffel-Dramen auch schon vor 20 Jahren gab.

Seit Oktober 2020 betreut Frank-Peter Roetsch die Biathleten am Stützpunkt in Altenberg. Er löste Michael Rösch ab.
Seit Oktober 2020 betreut Frank-Peter Roetsch die Biathleten am Stützpunkt in Altenberg. Er löste Michael Rösch ab. © Egbert Kamprath

Dresden. Mal wurde falsch gewachst, mal nicht getroffen, meist waren sie einfach zu langsam: Lediglich zwei Medaillen gewannen die deutschen Biathleten bei der Weltmeisterschaft im slowenischen Pokljuka, die am Sonntag zu Ende gegangen war. Im Gespräch mit Sächsische.de nennt Frank-Peter Roetsch, in den 1980er-Jahren einer der weltweit erfolgreichsten Skijäger und seit vergangenem Oktober Trainer am Bundesstützpunkt in Altenberg, Gründe für das schlechte Abschneiden.

Herr Roetsch, zwei Medaillen bei zwölf Entscheidungen – das klingt nicht gerade nach einer Erfolgsbilanz.

Bauen und Wohnen
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?
Wohnen Sie noch oder bauen Sie schon?

Hier finden Sie alles, was Sie fürs Sanieren, Renovieren oder Bauen Ihrer eigenen vier Wände brauchen.

Sicher, doch diese Ausbeute hatte sich abgezeichnet. Nach den Vorleistungen in dieser Saison war klar, dass es für unsere Biathleten schwer wird, in den Medaillenbereich reinzulaufen. Momentan ist die Situation halt so, dass wir auf die Fehler der anderen hoffen müssen und selber keine Fehler machen dürfen.

Wenn im Sprintrennen der Männer der beste Deutsche auf Platz 36 landet, müssen es viele Fehler gewesen sein.

Wenn man einen gebrauchten Tag erwischt, kommt da nicht mehr raus. Bei der Leistungsdichte im Biathlon entscheiden Sekundenbruchteile bei der Schussabgabe, ob es ein Platz unter den Top 10 wird oder jenseits der 30.

Andere Nationen haben aber keine gebrauchten Tage. Die Norweger sammelten 14 Medaillen, die Franzosen sieben und die Schweden sechs. Was machen die besser?

Wenn wir das im Detail wüssten, könnten wir es ändern. Aber wir müssen schon feststellen, dass wir läuferisch mit der Weltspitze momentan nicht mithalten können. Und dann sind wir verdammt dazu, die Scheiben zu treffen. Das erhöht den Druck am Schießstand, was einige der Fehler erklärt. Es ist also eine Art Kettenreaktion.

Bundestrainer Mark Kirchner verweist mit Blick auf die Erfolge der Norweger darauf, dass dort sehr viele Kinder regelmäßig Skilaufen, und es dadurch viel mehr Talente gibt als in Deutschland. Ist die Erklärung tatsächlich so einfach?

Es ist zumindest ein ganz wichtiger Punkt, den er da anspricht. Leistungssport funktioniert nun mal wie eine Pyramide. Und wenn in Norwegen viel mehr Kinder auf Skiern stehen, es also eine große Basis gibt, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass einige von ihnen in der Spitze ankommen. In Deutschland haben wir vielleicht 80, maximal 100 Talente.

Die Mimik von Erik Lesser verrät: Es lief bei ihm nicht nach Wunsch. Als Startläufer der Männer-Staffel brach er regelrecht ein - wie vor 20 Jahren Marco Morgenstern an gleicher Stelle.
Die Mimik von Erik Lesser verrät: Es lief bei ihm nicht nach Wunsch. Als Startläufer der Männer-Staffel brach er regelrecht ein - wie vor 20 Jahren Marco Morgenstern an gleicher Stelle. © dpa/Sven Hoppe

Selbst Länder wie Tschechien oder Österreich haben Deutschland inzwischen überholt. Sind sie besser geworden oder die Deutschen schlechter?

Sie haben aufgeholt – und dabei auch das Know-how aus Deutschland genutzt, wenn ich mir die deutschen Trainer anschaue, die im Ausland arbeiten. Aber das ist der Lauf der Dinge. Vielleicht holen wir irgendwann einmal einen Trainer aus Norwegen.

Das deutsche WM-Team war kleiner als möglich und nicht alle hatten vorher die geforderte Norm erfüllt. Ist das nicht ein alarmierendes Signal?

Das ist für mich kein entscheidender Punkt. Vanessa Hinz hatte die Norm nicht erbracht, wurde bei der WM dann Sechste. Das ist eine grandiose Leistung, auch wenn ich natürlich weiß, dass in der Öffentlichkeit immer nur Medaillen zählen.

Die waren in der Vergangenheit ja auch oft eine Art Selbstverständlichkeit.

Natürlich sind wir verwöhnt. Auch ich bin enttäuscht – aber eher darüber, dass wir es nicht geschafft haben, die Lücken, die nach den Rücktritten etwa von Magdalena Neuner und Laura Dahlmeier entstanden sind, adäquat zu füllen.

Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gewann Roetsch Gold im Einzel und im Sprint. Abgesehen von der Staffel gab es damals keine weiteren Wettbewerbe.
Bei den Olympischen Spielen 1988 in Calgary gewann Roetsch Gold im Einzel und im Sprint. Abgesehen von der Staffel gab es damals keine weiteren Wettbewerbe. © Archiv

Offensichtlich gibt es keine so großen Talente mehr. Sie arbeiten selbst am Stützpunkt in Altenberg mit dem Nachwuchs. Sind die Aussichten wirklich so schlecht?

Das Problem gibt es nicht erst seit dieser WM, es fällt jetzt nur besonders auf. In der Vergangenheit wurde durch Ausnahme-Athletinnen wie Neuner und Dahlmeier gut kaschiert, dass es bei uns in der Breite fehlt, wir nur wenige Siegläufer haben.

In der Männerstaffel brach Startläufer Erik Lesser regelrecht ein, war völlig entkräftet und kam auf Position 20 in die Wechselzone. Haben Sie etwas Vergleichbares schon mal erlebt?

Weiterführende Artikel

Darum straucheln bei der WM die deutschen Biathleten

Darum straucheln bei der WM die deutschen Biathleten

Die Rennen zeigen, dass Medaillen zur Ausnahme werden. Auch die Single-Mixed-Staffel geht leer aus. Fünfe Gründe, warum die Skijäger in der Krise stecken.

Kein Ballermann in Oberhof

Kein Ballermann in Oberhof

Wo sonst Tausende Fans feiern, sind die Biathleten diesmal unter sich. Der Geister-Weltcup spaltet und hinterlässt ein dickes Minus.

Biathlet Peiffer: „Wir erfüllen schon eine Aufgabe"

Biathlet Peiffer: „Wir erfüllen schon eine Aufgabe"

Der Olympiasieger spricht im Interview über die Bedeutung des Wintersports in Corona-Zeiten, die Abhängigkeit vom TV und das Doping-Hickhack ums Staffel-Gold.

Ja, zweimal sogar. Und beide Male traf es den Altenberger Marco Morgenstern, übrigens stets an der gleichen Stelle wie diesmal, also in Pokljuka. Bei der WM 2001 erlitt er als Startläufer einen Kreislaufkollaps, schleppte sich noch bis zum Wechsel. Am Ende kam das deutsche Quartett auf Platz zwölf. Zehn Monate später war er beim Weltcup Schlussläufer, erreichte aber nicht das Ziel, weil er vorzeitig von seinem Trainer Klaus Siebert rausgenommen wurde. Wenn ich an die Bilder denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut. Wenn so was passiert, spielt die Höhe eine Rolle, die Temperatur und sicher auch die Psyche. Erik Lesser ging schon mit einer gewissen Anspannung in das Staffelrennen, weil die Ergebnisse bis dahin nicht passten. Das erhöht natürlich den Druck.

Mehr zum Thema Sport