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Was Rekordweltmeister Friedrich unschlagbar macht

Der Bobpilot aus Pirna fährt in Altenberg zum zehnten WM-Titel und hat noch lange nicht genug. Seinen Trainern und Gegnern gehen schon jetzt die Superlative aus.

Die Trophäe, die inzwischen fast seine eigene ist: Francesco Friedrich präsentiert den WM-Pokal, auf dem die Namen aller Zweierweltmeister verewigt sind. Seit 2013 ist es immer wieder seiner.
Die Trophäe, die inzwischen fast seine eigene ist: Francesco Friedrich präsentiert den WM-Pokal, auf dem die Namen aller Zweierweltmeister verewigt sind. Seit 2013 ist es immer wieder seiner. © dpa/Sebastian Kahnert

Altenberg. Zuerst kommt die Sirene und dann eine Demonstration der Stärke. Seit ein paar Wochen geht das schon so. Wenn das eindringliche Intro des Filmes „The Purge“ ertönt, steht Francesco Friedrich am Bobstart. Hose aus, Schlitten in die Spur – und auf zum nächsten Rekord. Siege allein treiben ihn längst nicht mehr an, der Bobpilot aus Pirna will Größeres erreichen. „Ich möchte Geschichten und Geschichte schreiben wie keiner in meiner Sportart zuvor“, erklärt Friedrich seine Motivation.

Ein weiteres Kapitel im ohnehin schon prall gefüllten Buch der Superlative hat er nun hinzugefügt. Mit dem Sieg im Zweierrennen bei der WM in Altenberg hat sich der 30-Jährige zum Rekordweltmeister gekrönt, zum Größten aller Zeiten in seiner Sportart.

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Und da hat es vor ihm einige ganz Große gegeben, den Italiener Eugenio Monti zum Beispiel mit neun WM-Siegen, die deutschen Ikonen Nehmer, Hoppe, Lange, Langen, die ebenfalls Epochen prägten. Friedrich übertrifft sie alle – und kommentiert das so demütig, als müsse ihm das peinlich sein.

Zeigefinger in die Luft, dazu das Zwinkern mit dem rechten Auge: Das ist die Siegergeste von Francesco Friedrich und Zeichen höchster Zufriedenheit.
Zeigefinger in die Luft, dazu das Zwinkern mit dem rechten Auge: Das ist die Siegergeste von Francesco Friedrich und Zeichen höchster Zufriedenheit. © dpa/Sebastian Kahnert

Andere würden jetzt austicken, die Gefühle explodieren lassen. Friedrich aber lacht spitzbübisch-verlegen. Und dann fasst er die Ereignisse analytisch-trocken zusammen. „Es war ein Wahnsinns-Jahr bis jetzt. Schade, dass keine Zuschauer hier sein können. Wir sind super zufrieden“, sagt der Dominator.

Hätte es für seine schier unglaubliche Überlegenheit noch eines Beweises bedurft, er hat ihn bei dieser WM erbracht: Mit 2,05 Sekunden Vorsprung sind er und sein Anschieber, der Leipziger Alexander Schüller, eine Klasse für sich. Zum Vergleich: Normalerweise beträgt der Abstand nach vier Läufen in der Regel 0,3 bis 0,6 Sekunden, zumindest war das vor der Ära Friedrich so.

Nun ist der frühere Zehnkämpfer im Zweier seit 2013 ungeschlagen, seit 2017 sogar samt Vierer bei allen Großereignissen, Olympia 2018 inklusive. „Langsam nervt‘s wirklich. Da ist nur noch Kopfschütteln, wie er uns vorführt und wie Deppen dastehen lässt“, sagt Johannes Lochner. Der auch diesmal Erste vom Rest der Welt meint das anerkennend, fast schon bewundernd, auf jedem Fall mit großem Staunen.

Francesco Friedrich hat sich bei seiner Heim-WM in Altenberg zum Rekordweltmeister gekrönt. Angeschoben von Alexander Schüller fuhr er seinen zehnten WM-Titel ein.
Francesco Friedrich hat sich bei seiner Heim-WM in Altenberg zum Rekordweltmeister gekrönt. Angeschoben von Alexander Schüller fuhr er seinen zehnten WM-Titel ein. © dpa/Sebastian Kahnert

Der Mann vom Königssee erlebt den Teamkollegen ja beinahe täglich, sieht ihn trainieren, am Material feilen, Bahnvideos studieren – und als Dauersieger in dieser Saison. Bis auf die eine Ausnahme, als Lochner im Dezember beim Weltcup in Innsbruck knapp gewinnen konnte. Es war wie eine Majestätsbeleidigung, für Friedrich bedeutete es jedoch vor allem neuen Antrieb.

Dass er die Favoritenrolle innehat, ist für ihn nichts Neues. Er kann damit locker umgehen. Auch so etwas wie Druck spürt Friedrich nicht, trotz der immensen Erwartungshaltung vonseiten der Sponsoren, des Verbandes, der Fans. Siege gelten für all jene mittlerweile als das Normalste der Welt, sie sind quasi eingeplant. Auch damit muss man klarkommen.

Für Friedrich, den alle Franz nennen dürfen, ist das kein Problem. Er stellt allerhöchste Ansprüche an sich selbst, ist Perfektionist, ein Getriebener und macht, wie er sagt, doch nur seinen Job – doch den mit einer unvorstellbaren Akribie und Leidenschaft, mit viel Spaß und noch mehr Professionalität.

Am Start sind sie die Schnellsten, in der Bahn auch. Mit viermal Bestzeit fahren Friedrich/Schüller einem ungefährdeten Sieg heraus.
Am Start sind sie die Schnellsten, in der Bahn auch. Mit viermal Bestzeit fahren Friedrich/Schüller einem ungefährdeten Sieg heraus. ©  dpa/Sebastian Kahnert

„Franz fährt in einer absolut eigenen Liga. Da kommen gerade so viele Sachen bei ihm und seinem Team zusammen, das ist unfassbar. Besser geht es nicht“, sagt Bundestrainer René Spies und zielt dabei auch auf den deutschen Dreifachsieg ab, den neben Johannes Lochner/Eric Franke die Juniorenweltmeister Hans-Peter Hannighofer/Christian Röder perfekt machen. Das geht beim Trubel um Friedrich fast unter.

Es ist das Gesamtpaket, was ihn offenbar tatsächlich unschlagbar macht. Selbst mit dem Schnee am Samstag kommt Friedrich besser zurecht als die anderen. „Es gibt nichts, was ihn beunruhigen könnte. Denn er weiß, alles getan zu haben“, sagt Gerd Leopold, sein Heimtrainer aus Riesa. In den vergangenen zehn Jahren hat er Friedrich vom großen Talent zum Weltklasse-Athleten geformt, auch abseits des Eiskanals.

Leopold verweist zudem auf einen weiteren Aspekt: „Talent allein reicht nicht. Franz hat die Kraft, die Leistung auf den Punkt genau im Wettkampf abzurufen“, sagt er. Und auch ihm gehen so langsam die Superlative aus. „Was soll man dazu noch sagen, das ist unglaublich. Dafür hat die ganze Mannschaft in dieser Saison hart gearbeitet“, betont Leopold und verrät: „Zwischen Lauf drei und vier waren seine Gedanken schon wieder beim Vierer am nächsten Wochenende.“

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Friedrich selbst denkt kurz nach Zieleinfahrt noch weiter. Natürlich Olympia im nächsten Jahr, auch da will er zweimal gewinnen. Und dann ist dieses Wochenende ja nur scheinbar perfekt. Den angepeilten Startrekord haben sie wie im Vorjahr lediglich egalisieren können. „Aber wir haben noch ein paar Jahre, in denen wir das schaffen.“ Spätestens jetzt dürften auch bei der Konkurrenz die Sirenen angehen.

Alles über die WM in Altenberg erfahren Sie auf unserer Themenseite BOB-WM 2021.

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