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Mit Skistock im Bein ins Krankenhaus

Jessica Löschke wird nach einem schweren wie ungewöhnlichen Trainingsunfall in Dresden operiert. Sieben Monate später feiert sie hier ihr Weltcup-Debüt.

Mit speziellen Geräten misst Sportmediziner Alexander Disch den Sauerstoffgehalt in der Wade von Jessica Löschke – und das unter Belastung.
Mit speziellen Geräten misst Sportmediziner Alexander Disch den Sauerstoffgehalt in der Wade von Jessica Löschke – und das unter Belastung. © Ronald Bonß

Dresden. Eine Narbe in der Größe einer Ein-Cent-Münze bleibt als ewige Erinnerung an den Tag vor einem Jahr. Jessica Löschke absolviert mit ihrer Trainingsgruppe einen Crosslauf rund um Oberwiesenthal. Als Skilangläuferin hat sie ihre Stöcke dabei, um auch ohne Schnee die typischen Armabstöße zu imitieren. Dann passiert es: Löschke stolpert über einen Grasballen, fährt das linke Bein aus, um den Sturz abzufangen, und setzt auch den linken Stock mit großer Wucht ein.

„Ich lag dann auf dem Bauch, wollte den Stock zu mir heranziehen, doch der gab nicht nach“, erzählt sie. Er hatte sich tief in ihre Wade gebohrt. Bei Crosslauf- und Skirollereinheiten verwenden Skilangläufer Modelle mit scharfen Spitzen. Diese haben auch keine Teller, die das Einsinken im Schnee verhindern. Der Trainer reagiert blitzschnell, wählt die Notrufnummer, doch bis Sanitäter am Unfallort eintreffen, dauert es. „An diesem Tag war die Straße nach Annaberg-Buchholz gesperrt und wegen Corona auch der Grenzübergang nach Tschechien. So lag ich 45 Minuten ohne Schmerzmittel da“, erinnert sie sich.

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Dann kommen endlich Feuerwehr und Krankenwagen. Der Stock wird abgeflext, also gekürzt, „weil ich sonst nicht in den Rettungshubschrauber gepasst hätte“, erzählt die 20-Jährige. Die Sanitäter geben ihr ein Schmerzmittel, das bleiben für einige Stunden ihre letzten Erinnerungen. Als sie wieder aufwacht, ist die Not-OP bereits vorbei. Später habe sie auf Fotos gesehen, wie sie im Hubschrauber liegt und in die Dresdner Uniklinik geflogen wird.

Beim Sprintrennen in Dresden 15.

„Sie hatte großes Glück, weil es im Endeffekt nur zu einer tiefen Weichteilverletzung ohne Beeinträchtigung von Blutgefäßen oder Nerven mit schlimmeren Folgen gekommen war“, erklärt Alexander Disch. Der Professor ist nicht nur Leiter des Wirbelsäulenzentrums der Uniklinik, sondern auch Mannschaftsarzt der deutschen Skilangläufer, kennt seine Patientin also bestens.

Sieben Monate nach dem Sturz, der deutschlandweit für Schlagzeilen sorgt und den die Bild-Zeitung zum „Grusel-Unfall“ macht, feiert Löschke am Dresdner Elbufer ihr Weltcup-Debüt. Bei den Sprintrennen ist für sie im Viertelfinale Schluss, am Ende wird sie 15. „Es war ein absolut schönes Erlebnis und für mich auch ohne Zuschauer aufregend genug“, erzählt sie. „Da sind so viele Eindrücke auf mich eingeströmt – die vielen großen Namen, die ich zum ersten Mal live gesehen habe.“

Der Auftritt in Dresden ist nicht allein wegen der Vorgeschichte, dem schmerzhaften Unfall, bemerkenswert. Löschke stammt aus einer Gegend, die nicht gerade als Wintersport-Hochburg gilt. Die Kleinstadt Leuna südlich von Halle/Saale ist eher für das riesige Chemiewerk bekannt als für erfolgreiche Skilangläufer. „Meine Mutti und meine Tante waren schon in den Loipen unterwegs, im Winter sind wir jedes Wochenende in den Schnee gefahren“, erzählt sie. Das erste Mal auf Skiern steht sie, als sie gerade Laufen gelernt hat.

Bei ihrem ersten und bisher einzigen Einsatz im Weltcup belegte Jessica Löschke am Dresdner Elbufer den 15. Platz.
Bei ihrem ersten und bisher einzigen Einsatz im Weltcup belegte Jessica Löschke am Dresdner Elbufer den 15. Platz. © Foto: Arvid Müller

Mit sechs Jahren tritt sie beim TSV Leuna ein, der eine Skiabteilung hat. Im Sommer wird auf Skirollern auf einer ehemaligen LPG-Straße trainiert. In der 7. Klasse wechselt sie aufs Sportgymnasium nach Oberwiesenthal, inzwischen ist sie Mitglied der Sportfördergruppe der Bundeswehr, hat unweit des Olympiastützpunktes eine Wohnung.

In der vergangenen Saison war Löschke größtenteils im Continental-Cup unterwegs, der zweiten Liga im Skilanglauf. „Für den nächsten Winter ist mein Ziel, öfter mal im Weltcup zu starten“, sagt sie. Um das zu schaffen, fährt sie wieder nach Dresden an die Uniklinik. Das hat aber nichts mit dem Folgen des Skistock-Unfalls zu tun, sondern „mit Problem im Schienbein“. Das schmerzt beim Skaten immer wieder.

Ein Jahr nach der Operation sitzt Löschke wieder in der Abteilung für Sportmedizin und wartet auf eine Untersuchung. „Sie hat Probleme, wenn sie sich beim Skatingschritt abstößt“, erklärt Mannschaftsarzt Disch. „Das könnte muskuläre Ursachen haben. Das Muskelbündel wird von einer Hülle umgeben, die nur bis zu einem bestimmten Grad nachgibt. Bei intensiver Belastung kann das dazu führen, dass der Muskel nicht mit genügend Blut und damit Sauerstoff versorgt wird. Und dann treten Schmerzen auf.“

Weitere OP soll schmerzfreies Trainieren ermöglichen

Disch ist nicht nur aus medizinischer Sicht vom Fach. Er war bis zum Juniorenalter selbst Biathlet, trainierte mit Sven Fischer, Ricco Groß und Mark Kirchner zusammen, wurde deutscher Meister und startete im Europacup. Nun erklärt er seiner Patientin, dass die Sauerstoffsättigung im Muskel mit einer Sonde gemessen werden soll. Die wird mit einer langen Nadel ins Wadenbein geführt. Das klingt nicht nur unangenehm.

Doch Schmerzen ist Löschke gewohnt. Der Test, bei dem die Abstoßbewegung an einem speziellen Gerät simuliert wird, zieht sie tapfer durch. Disch liest parallel die Werte auf einem Monitor ab, der durch ein Kabel mit der im Muskel steckenden Sonde verbunden ist. Nach knapp einer halben Stunde hat es Löschke überstanden. „Nach einem ersten Blick auf die Ergebnisse würde ich sagen, dass ein Eingriff nötig sein wird“, sagt der Professor. „Bei der OP würden wir dann die Hülle aufschneiden, damit der Muskel mehr Platz bekommt. Danach sollte sie wieder schmerzfrei trainieren und laufen können.“

Gut möglich also, dass Löschke noch öfter nach Dresden kommt. Dann aber freiwillig.

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