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Neustart des Olympiasiegers im fortgeschrittenen Alter

Nach einer Saison ohne Podestplatz ist bei Eric Frenzel das Gefühl auf der Schanze zurück. An Rücktritt denkt Sachsens Weltklasse-Kombinierer auch mit 32 nicht.

Eric Frenzel geht gut gelaunt in diesen Corona-Winter. Es läuft wieder besser bei ihm.
Eric Frenzel geht gut gelaunt in diesen Corona-Winter. Es läuft wieder besser bei ihm. © dpa/Michael Kappeler

Dresden. Der vergangene Winter war einer zum Vergessen und Abhaken. Wenn man seine Medaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sowie seine fünf Siege hintereinander im Gesamt-Weltcup als Maßstab nimmt, sind zwei vierte Plätze als Höhepunkte tatsächlich eine magere Ausbeute. Dass er kein einziges Mal auf dem Podest stand, war Eric Frenzel zuletzt in der Saison 2006/2007 passiert, also vor einer gefühlten Ewigkeit.

Seitdem verkörpert der Erzgebirger eine – zumindest aus Sicht seiner Konkurrenten – fast schon beängstigende Zuverlässigkeit. Wann immer Titel und Trophäen in der Nordischen Kombination vergeben wurden: Frenzel war zur Stelle. Die erste Delle bekam die beeindruckende Bilanz im Winter 2018/2019, als es bei ihm vor der WM in Seefeld nicht so lief wie gewohnt. Beim Höhepunkt räumte er dann aber drei Medaillen ab. Doch kein Grund zur Sorge?

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Wer mit ihm in diesen Tagen kurz vor den ersten Weltcups der Corona-Saison spricht, bekommt nicht den Eindruck, als würde da jemand von Selbstzweifeln geplagt alles infrage stellen. Frenzel, der am Samstag seinen 32. Geburtstag gefeiert hat, macht das, was ihn schon immer auszeichnet: Er ruht in sich und strahlt Gelassenheit aus. Schönreden will er den podestlosen vergangenen Winter trotzdem nicht. „Im Springen war ich einfach nicht konkurrenzfähig“, sagt er rückblickend. „Das hatten wir schon länger erkannt und auch versucht, gegenzusteuern, es aber nie so richtig geschafft.“

Der Übergang vom Absprung in die Flugphase funktionierte nicht mehr. „Dieses gewisse Gefühl, dieser Flow war nicht mehr da. Die Selbstverständlichkeit hat gefehlt“, versucht Frenzel zu erklären, was wahrscheinlich nur wirklich versteht, der sich einmal selbst von der Schanze gestürzt hat. Und der weiß auch, dass sich dieses Gefühl nicht so einfach antrainieren lässt.

Er ist Olympiasieger. Eric Frenzel bejubelt sein Gold bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang.
Er ist Olympiasieger. Eric Frenzel bejubelt sein Gold bei den Winterspielen 2018 in Pyeongchang. © dpa/Hendrik Schmidt

Ein neuer Impuls von außen kann in solch einer Situation helfen. Von der Verpflichtung von Heinz Kuttin als Sprungtrainer im Sommer könnte also vor allem Frenzel profitieren. Er schwärmt regelrecht vom Österreicher, der in seiner Karriere drei Olympia- und vier WM-Medaillen gewonnen hat – aber nicht als Kombinierer, sondern als Spezialspringer. „Da haben wir uns sehr gut verstärkt. Er bringt ein enormes Wissen und viel Erfahrung mit“, findet Frenzel und stellt fest: „Es ist ein sehr angenehmes Arbeiten mit ihm.“

Ob es auch ein erfolgreiches ist, muss sich zeigen. Am Freitag beginnt im finnischen Ruka die Weltcupsaison der Kombinierer. „Wir haben mit ihm das Skispringen nicht neu erfunden, aber er sieht es aus einer anderen Perspektive. Für ihn ist es wichtig, den Sprung als Ganzes zu betrachten, als Einheit“, erklärt Frenzel und auch, dass er in der monatelangen Vorbereitung Fortschritte gemacht habe. Einen richtigen Wettkampf gab es zwar noch nicht, doch er glaubt, auf „einem guten und stabilen Niveau“ zu sein. „Ich weiß ja, wie sich ein guter Sprung anfühlt. Die habe ich früher oft gezeigt.“ Den Eindruck bestätigt auch der Bundestrainer. „Eric hat zuletzt richtig gute Sprünge gemacht“, betont Hermann Weinbuch.

Dass es auf der Schanze wieder besser läuft, ist wichtig. Dort werden – auch im übertragenen Sinn – derzeit die größten Sprünge gemacht. Weinbuch warnt zum Beispiel vor dem Gesamt-Weltcupsieger Jarl Magnus Riiber, der bei den norwegischen Meisterschaften der Spezialspringer „ganz vorn mitmischte. Da wissen wir, was uns blüht.“

Weite Flüge waren in der Kombination schon immer die Basis für Erfolge. Doch die Zeiten, als in der Loipe große Rückstände aufgeholt werden konnten, sind offensichtlich vorbei. „Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass Platz zehn nach dem Springen nicht mehr reicht, um auf das Podium zu kommen“, erklärt Frenzel. Und beim Training gilt: Es geht schneller, „eine Minute herauszuspringen, als im Laufen eine Minute besser zu werden“.

Weltmeister ist er auch. Eric Frenzel feiert seinen Titel bei der WM 2019 in Seefeld.
Weltmeister ist er auch. Eric Frenzel feiert seinen Titel bei der WM 2019 in Seefeld. © dpa/Hendrik Schmidt

Frenzel muss also weiter an sich arbeiten – auch mit 32. Dass sein fortgeschrittenes Alter ein weiterer Grund sein könnte für die ausgebliebenen Erfolge in der vergangenen Saison, glaubt er nicht. „Bei 32 sollte das keine Ausrede sein, so lange Noriaki Kasai mit 48 noch mitmischt“, erklärt er und meint den japanischen Spezialspringer.

Frenzel denkt sogar über die Zeit nach den Olympischen Spielen 2022 in Peking – es wären seine vierten – hinaus. „Solange ich merke, dass ich leistungsfähig bin, sollte ich doch das tun, was ich gut und gern mache. Ich bin jedenfalls weiter motiviert, und von diesen Faktoren mache ich meine Entscheidung auch abhängig.“

Vor Olympia wartet aber erst einmal eine Saison mit vielen Fragezeichen – und eine Heim-WM in Oberstdorf. Nach derzeitigem Stand sollen Ende Februar, Anfang März sogar Zuschauer an den Schanzen und Strecken stehen. Was definitiv feststeht: Stimmung und Atmosphäre werden eine andere sein als bei der WM 2005. Damals war Frenzel Vorspringer in Oberstdorf und kann sich gut an „die vielen Zuschauer und die tolle Kulisse“ erinnern. „Das setzt die Messlatte natürlich hoch. Aber es bringt nichts, wenn man sich herunterziehen lässt und jetzt ständig sagt: Es wird ohnehin nicht so schön wie damals.“

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Zumindest so erfolgreich wie bei Frenzels letzter WM in Seefeld vor knapp zwei Jahren könnte es wieder werden. Eine Medaille ist auch nach der Katastrophen-Saison sein Anspruch. „Mein Ziel ist es nicht, unter die Top Ten zu kommen. Dafür habe ich schon zu viel gewonnen. Ich bin auf jeden Fall gut vorbereitet.“ Den nächsten Winter zum Abhaken soll es nicht geben.

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