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Friedrich ist jetzt schon wieder der Beste der Welt

Der Bobpilot aus Pirna stellt seinen nächsten Rekord ausgerechnet in St. Moritz auf, für ihn ein besonderer Ort. 2023 könnte dort enden, was zehn Jahre zuvor begann.

Der Daumen nach oben ist die Dauergeste des Dauersiegers. In dieser Saison hat der Pirnaer Francesco Friedrich elf von zwölf Weltcup-Rennen gewonnen.
Der Daumen nach oben ist die Dauergeste des Dauersiegers. In dieser Saison hat der Pirnaer Francesco Friedrich elf von zwölf Weltcup-Rennen gewonnen. © dpa

St. Moritz/Altenberg. Der Ort passt perfekt, was nicht nur am Werbeslogan liegt. „Top of the world“ heißt das Motto in St. Moritz, Weltspitze also – wobei der Glanz und Glamour im mondänen schweizerischen Skiparadies zunehmend verblassen. Bei Francesco Friedrich ist das umgekehrt. Der Pirnaer Bobpilot verkörpert die Weltspitze seiner Sportart wie kein anderer vor ihm, seit Jahren, mit bislang ungekannter Souveränität. Und er wird, das hat das Weltcup-Wochenende in St. Moritz gezeigt, offenbar immer besser.

Nachdem Friedrich am Samstag bereits im Zweier mit großem Vorsprung gewinnt, legt er tags darauf auch mit dem Vierer die besten Zeiten hin. Am Start, in der Bahn, im Ziel: Er ist der Schnellste. Am Ende steht Weltcup-Sieg 48 und damit der nächste Rekord. „Das hat richtig Spaß gemacht“, sagt Friedrich danach. Euphorie ist anders, der Dauersieger klingt nach seinem insgesamt 134. Rennen im Weltcup eher geschäftig-nüchtern – typisch für ihn.

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André Lange, bis 2010 der Ausnahmekönner im Eiskanal, hatte er schon in der Vorwoche als Pilot mit den meisten Weltcup-Erfolgen abgelöst, 45-mal gewann Lange. Doch ein Detail störte Friedrich: „Kevin Kuske hat als Anschieber 47 Rennen gewonnen, also muss ich da noch mal nachlegen“, hat der Pilot des BSC Oberbärenburg gesagt und die erstbeste Gelegenheit genutzt, noch dazu an denkwürdiger Stelle.

Unscheinbar und doch traumhaft schön: Der Eiskanal von St. Moritz ist eine Natureisbahn vor fast schon malerischer Kulisse im Engadin.
Unscheinbar und doch traumhaft schön: Der Eiskanal von St. Moritz ist eine Natureisbahn vor fast schon malerischer Kulisse im Engadin. © dpa

„Das ist einfach die schönste Bahn. Hier zu gewinnen, ist fantastisch“, sagt Friedrich über die Natureisbahn, die auf 1.722 Metern Länge zwischen St. Moritz und dem Ortsteil Celerina jedes Jahr neu gebaut wird und für ihn darüber hinaus von besonderer Bedeutung ist.

Hier hat er am 21. Januar 2012 den ersten Weltcup überhaupt bestritten. Hier ist er dann ein gutes Jahr später zum ersten WM-Titel gefahren, als damals 22-Jähriger und jüngster Zweier-Pilot in der über 100-jährigen Bob-Historie. Inzwischen, das lässt sich acht Jahre später ohne Übertreibung sagen, sammelt er Titel und Bestmarken wie Bob-Anfänger blaue Flecken. Zwei Olympiasiege, neun WM-Titel, unzählige Start- und Bahnrekorde, nun auch die meisten Weltcup-Siege – und das ist lediglich ein Auszug aus Friedrichs Erfolgsbilanz.

„Wir geben einfach immer wieder unser Bestes, versuchen uns immer wieder zu steigern und auch materialtechnisch neue Sachen rauszukriegen“, nennt er als Gründe für die Überlegenheit, entscheidend aber dürfte dieser sein: „Vielleicht sind wir ein bisschen akribischer als die anderen.“

Drei Sekunden ist Friedrichs Vierer, in dem diesmal Thorsten Margis, Martin Grothkopp und Alexander Schüller sitzen, schneller als im Training.
Drei Sekunden ist Friedrichs Vierer, in dem diesmal Thorsten Margis, Martin Grothkopp und Alexander Schüller sitzen, schneller als im Training. © dpa

Hinzu kommt eine neue Erkenntnis, nicht erst seit dem Wochenende in St. Moritz: Friedrich gewinnt inzwischen trotz Fehlern in der Bahn. Fahrerisch waren und sind andere immer wieder besser als er bei Weltcups – weil es da vorab nur drei Trainingstage gibt für Zweier und Vierer zusammen. Bei einer WM hat er eine ganze Trainingswoche Zeit für jede Disziplin, und dann zahlt sich seine Akribie aus.

Wie kein anderer kann sich Friedrich in Dinge vertiefen und sich auch mit der Bahn auseinandersetzen. Das Ergebnis sind neben der einmaligen WM-Serie im Zweier mit sechs Siegen in Folge eine mittlerweile ähnliche Dominanz mit dem Vierer. Seit der WM 2017 ist er auch da ungeschlagen, Olympia 2018 inklusive. Und das mit nahezu unveränderter Mannschaft.

Friedrich hat sich in den vergangenen Jahren ein Team zusammengebaut, das seine Professionalität teilt und in der Akribie nicht nachsteht – was zuallererst auf Heimtrainer Gerd Leopold zutrifft, jedoch auch für die Anschieber gilt. Mit Thorsten Margis, Candy Bauer, Martin Grothkopp und seit zwei Jahren Alexander Schüller sitzen die vier Besten in Friedrichs Schlitten.

Das Podium im Zweierbob von St. Moritz: der Zweitplatzierte Johannes Lochner, Sieger Francesco Friedrich und der Drittplatzierte Justin Kripps aus Kanada (von links).
Das Podium im Zweierbob von St. Moritz: der Zweitplatzierte Johannes Lochner, Sieger Francesco Friedrich und der Drittplatzierte Justin Kripps aus Kanada (von links). © keystone

Konsequenz: Einer ist selbst beim Vierer immer außen vor. Doch das hat dem bemerkenswerten Zusammenhalt bislang nichts anhaben können – weil Friedrich die Einsätze geschickt verteilt und wie bei der Heim-WM vor einem Jahr in Altenberg alle vier an den Goldfahrten teilhaben lässt. Margis saß im Zweier (und stellte mit seinem fünften Sieg in Folge einen Anschieber-Rekord auf), die anderen drei eine Woche später im Vierer. Ausgerichtet ist ohnehin alles auf Olympia in einem Jahr in Peking. Dort, das weiß Friedrich, wird für Nischensportarten wie seine abgerechnet. WM-Titel sind für Statistiken, Olympiasiege noch immer für die Ewigkeit.

Die nächste Heim-WM in zwei Wochen in Altenberg, wo er am 5. Januar 2013 seinen ersten Weltcup gewann, ist dennoch ein Höhepunkt, zwei Siege hat er fest eingeplant – zumal das Material einmal mehr zu passen scheint. Neben der Fahrlinie und den Startzeiten ist das die dritte entscheidende Komponente im Bobsport.

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Nach dem Zweier ist dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin (FES) - besser bekannt als Medaillenschmiede - nun offenbar auch mit dem Vierer ein Top-Gerät gelungen. Friedrich, der die Entwicklung mit unzähligen Testfahrten vor der Saison und während der Weihnachtsfeiertage entscheidend vorangetrieben hat, fährt seit der Vorwoche in Winterberg mit dem neuen Schlitten. Die nächsten Rekorde sind nur eine Frage der Zeit und von Friedrichs Karriere-Ende.

Wann das sein soll? Für ihn gibt es drängendere Fragen. Ein Datum aber hat er im Kopf: 2023, nach der WM in – St. Moritz.

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