merken
PLUS Sport

Keine Hymne, keine Fans - so "grausam" kann Rodeln sein

Der Weltcup macht in Altenberg Station, eigentlich immer einer der absoluten Saisonhöhepunkte. Doch diesmal ist es sonderbar still – und sehr windig.

So sieht eine Siegerehrung in Corona-Zeiten aus, mit Maske und ganz allein auf einem improvisierten Siegerpodest winken die Frauen in die TV-Kamera und den wenigen Fotografen, die vor Ort sein dürfen.
So sieht eine Siegerehrung in Corona-Zeiten aus, mit Maske und ganz allein auf einem improvisierten Siegerpodest winken die Frauen in die TV-Kamera und den wenigen Fotografen, die vor Ort sein dürfen. © dpa/Sebastian Kahnert

Altenberg. Die Beste aus der Zeit ohne Corona findet ein Wort, das die ganze Misere auf den Punkt bringt. „Grausam“, sagt Julia Taubitz am Samstagnachmittag in Altenberg, wobei man sich zunächst nicht ganz sicher sein kann, wen oder was die 24-jährige Weltklasse-Rodlerin aus Annaberg-Buchholz konkret meint.

Ist sie sauer auf sich selbst? Ein fünfter Platz ausgerechnet beim Heim-Weltcup noch dazu auf ihrer Lieblingsbahn, auf der sie vor 17 Jahren das Rodeln lernte, ist nun wahrlich nicht das, was sie sich vorgestellt hat und was schon gar nicht ihrem Können entspricht. Vor einem Jahr hatte sie hier gewonnen, vor einer Woche in Innsbruck beim Auftakt in die neue Weltcup-Saison war sie ebenfalls die Siegerin.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Ärgert sich Taubitz womöglich über das Wetter? Noch im Training hat sie, wie Bundestrainer Norbert Loch bestätigt, schließlich einen hervorragenden Eindruck hinterlassen. Nur waren es da eben fünf, sechs Grad Celsius im Minus- und nicht im Plusbereich wie jetzt beim Rennen.

Das Lächeln gehört bei ihr dazu. Julia Taubitz ist eine Frohnatur, mit dem fünften Platz beim Heim-Weltcup in Altenberg allerdings überhaupt nicht zufrieden.
Das Lächeln gehört bei ihr dazu. Julia Taubitz ist eine Frohnatur, mit dem fünften Platz beim Heim-Weltcup in Altenberg allerdings überhaupt nicht zufrieden. © dpa/Sebastian Kahnert

Das eine (Wetter) könne tatsächlich der Grund fürs andere (Platzierung) sein, meint die Weltcup-Gesamtsiegerin der Vorsaison danach. Dass sie dabei lächelt, liegt daran, dass Taubitz eigentlich immer lächelt. Sie ist einfach das, was man eine Frohnatur nennt. Eine, die sich schnell mit Dingen abfindet, erst recht, sofern sie unabänderlich sind. Dieser fünfte Platz zum Beispiel genauso wie Corona. „Wir können froh sein, dass wir überhaupt fahren dürfen und ziehen das jetzt erst mal so durch“, sagt sie.

Dass derzeit keine Zuschauer dabei sein dürfen, ist für die Sportsoldatin, die für den WSC Erzgebirge Oberwiesenthal startet, jedoch schwer zu akzeptieren. „Du kommst als Athlet ins Ziel und keiner klatscht“, beschreibt sie die neue Wirklichkeit, die auch die Rodler hart trifft.

Nun gibt es Beobachter, die behaupten, Rodler würden sich immer in einer eigenen Blase befinden, also weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit. Sie füllen weder Stadien noch kommen die Fans zu Tausenden an die Bahn. Doch gerade die Weltcups in Deutschland sind immer emotionale Höhepunkte, dann reisen ganze Fanklubs an. „Ohne Zuschauer“, stellt Taubitz jetzt fest, „ist das ein ganz anderes Flair. Das ist wie im Training.“

Auch die Haupttribüne im Ziel ist leer, dort wo normalerweise immer die beste Stimmung herrscht und jeder Athlet mit großem Applaus empfangen wird.
Auch die Haupttribüne im Ziel ist leer, dort wo normalerweise immer die beste Stimmung herrscht und jeder Athlet mit großem Applaus empfangen wird. © SZ/Meyer

Schwer gewöhnungsbedürftig sind die pandemiebedingten Umstände, die sich längst nicht nur auf fehlendes Publikum beschränken, für alle Beteiligten. Das fängt zu Beginn der Weltcup-Woche mit dem Corona-Test und dem Hoffen auf ein negatives Ergebnis an, ohne das keiner an die Bahn darf. Und es endet nach den Rennen mit einer Siegerehrung, die diesen Namen nicht verdient. „Es gibt keine Nationalhymne und die Medaille hängt man sich selbst um“, sagt Taubitz.

Es sind in der Tat die sonderbarsten Momente dieses seltsam stillen Wochenendes an der Bahn: Kaum ist der letzte Schlitten im Ziel, stellen sich die drei Bestplatzierten auf und gehen wie einem geheimen Zeichen folgend einen Schritt nach vorn, greifen die auf einem Tisch bereitliegenden Blumensträuße und die Medaillen, ehe es den Schritt wieder zurückgeht. Alles auf Abstand, alles mit Maske, alles ganz schnell.

Gewunken wird natürlich trotzdem, so viel Zeit muss sein. Die Tribüne ist zwar leer, doch das Fernsehen überträgt live, und darauf kommt es inmitten der Krise umso mehr an. Die TV-Präsenz zeigt, dass die Sportart stattfindet, vor allem aber greifen damit die Sponsorenverträge. „Das Wichtigste ist, dass wir alles versuchen müssen, die Weltcups und die Weltmeisterschaft durchzubringen. Wir brauchen die mediale Präsenz, ohne diese werden wir nicht überleben“, sagt Bundestrainer Loch, der sogar das Nationalteam zweigeteilt hat, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren.

Immer mit Maske und immer auf Abstand. Der Rodel-Weltverband hat ein Konzept entwickelt, dass zumindest neun Weltcups und die WM Ende Januar ermöglichen soll.
Immer mit Maske und immer auf Abstand. Der Rodel-Weltverband hat ein Konzept entwickelt, dass zumindest neun Weltcups und die WM Ende Januar ermöglichen soll. © sächsische.de

Von einer Ausnahmesituation spricht Felix Loch, Bundestrainer-Sohn und deutscher Überfahrer im zurückliegenden Jahrzehnt. „Ich habe ja schon einige Rennen mitgemacht, bei denen richtig Stimmung war“, sagt Loch und erzählt von der Kreisel-Durchfahrt in Altenberg: „Da stehen immer viele Zuschauer, und eine Musikkapelle spielt. Ich bekomme das definitiv mit, wenn auch nur im Unterbewusstsein.“

Am extremsten, und da geht es ihm wie Taubitz und allen anderen, fehlt die Stimmung aber im Ziel, die Begeisterung, die Freude, das Mitleiden, wie Loch betont. Getobt hätten die Leute vermutlich diesmal, und sich auch gehörig gewundert. Denn nach dem ersten Lauf hat Loch lediglich auf Rang 17 gelegen und ist dann mit einer unglaublichen Aufholjagd und unter Ausnutzung der Witterungsbedingungen mit viel warmer Luft doch noch auf seiner Lieblingsbahn zum Sieg gefahren.

Felix Loch spricht von einer Ausnahmesituation. Man müsse jetzt das Beste daraus machen, meint und ist fest davon überzeugt, dass schon nächsten Winter wieder Zuschauer an der Bahn dabei sind.
Felix Loch spricht von einer Ausnahmesituation. Man müsse jetzt das Beste daraus machen, meint und ist fest davon überzeugt, dass schon nächsten Winter wieder Zuschauer an der Bahn dabei sind. © dpa/Sebastian Kahnert

Es ist der einzige deutsche Erfolg des Wochenendes. Die Teamstaffel wird am Sonntagnachmittag buchstäblich vom Winde verweht und landet auf Rang vier. Bei den Doppelsitzern am Samstagvormittag gewinnen die Österreicher Steu/Koller mit 0,008 Sekunden Vorsprung, das sind umgerechnet zwei Zentimeter, vor dem Thüringer Duo Eggert/Benecken. Auch bei den Frauen bleibt für die Deutschen lediglich Rang zwei, den Natalie Geisenberger hinter der Russin Tatjana Ivanova belegt. Nur Fünfte, und dieses „nur“ bestätigt sie, wird Taubitz.

Weiterführende Artikel

Altenbergs Lehren vom Weltcup im Corona-Hotspot

Altenbergs Lehren vom Weltcup im Corona-Hotspot

Der Bahnchef ist erst mal zufrieden. Doch mit den Inzidenzwerten steigt auch der Druck im Hinblick auf die Bob- und Skeleton-WM im Februar.

Loch mit irrer Aufholjagd in Altenberg

Loch mit irrer Aufholjagd in Altenberg

Deutschlands bester Rodler dominiert wieder nach Belieben. Beim Weltcup in Altenberg fährt er den einzigen deutschen Sieg heraus. Das Wetter hilft ihm dabei.

Rodeln im Corona-Hotspot

Rodeln im Corona-Hotspot

Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt bei über 400, trotzdem findet der Weltcup in Altenberg statt. Wie und warum geht das?

Baby an Bord - Rodel-Mamas zurück im Eiskanal

Baby an Bord - Rodel-Mamas zurück im Eiskanal

Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger sind nach erstaunlich kurzer Baby-Pause schon wieder Weltklasse. Mit der neuen Doppelrolle gehen sie unterschiedlich um.

Vielleicht hat das enttäuschende Abschneiden ja auch etwas mit den fehlenden Fans zu tun. „Das kann gut möglich sein, aber darauf will ich es nicht schieben“, erklärt sie. Doch die Nervosität, die Anspannung, die sie speziell in Altenberg spürt, weil hier immer auch Familie und Freunde dabei sind, die will sich diesmal nicht einstellen. „Die Emotionen kommen gar nicht so zur Geltung, man kann sie mit niemandem teilen“, sagt Taubitz. Es ist und bleibt eine komische Saison, grausam eben.

Mehr zum Thema Sport