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Deutschland sucht seine neuen Biathlon-Helden

Der Abschied von Arnd Peiffer reißt eine große Lücke ins deutsche Biathlon-Team. Ein Sachse profitiert von diesem Umbruch. Aber wer kann jetzt die Medaillen holen?

Von Michaela Widder
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Welche deutschen Biathleten in Zukunft im Licht der Fotografen erscheinen, bleibt abzuwarten. Der Generationswechsel im Team ist eingeleitet.
Welche deutschen Biathleten in Zukunft im Licht der Fotografen erscheinen, bleibt abzuwarten. Der Generationswechsel im Team ist eingeleitet. © dpa/Lubos Pavlíèek

Östersund. In seiner stoischen Ruhe liegt die entscheidende Kraft. Geduld mit Sportlern zu haben, ihnen Vertrauen zu schenken, das schafft kaum einer so gut wie Mark Kirchner. Das wird in diesem Winter besonders gefragt sein. Der Cheftrainer der deutschen Biathleten hat auch bewiesen, dass er Durststrecken aushalten kann, am Ende kommt er von einem Großereignis immer mit Edelmetall zurück. In dieser olympischen Saison, die am Samstag mit dem Weltcup in Östersund beginnt, könnte die Ausbeute kleiner ausfallen als in den Jahren zuvor.

„Mit dem Karriereende von zwei absoluten Leistungsträgern ist unser Generationswechsel eingeleitet“, sagt Kirchner und spricht von einem „Umbruch“. Am Saisonende hatten Olympiasieger Arnd Peiffer und der frühere Weltmeister Simon Schempp ihren Rücktritt erklärt. „Athleten, die auf höchstem Niveau – egal ob als Persönlichkeit oder Sportler – die Mannschaft verstärkt haben und für viele Erfolge zuständig waren, ersetzt man nicht so ohne Weiteres“, betont der Thüringer.

Die Konstanz ist der Knackpunkt

Von den einst großen Vier, von denen Kirchner jeden zum Weltmeister geformt hat, sind mit Erik Lesser, 33, und Benedikt Doll, 31, immerhin noch zwei im Team, und „logischerweise sind das auch die Leistungsträger, die natürlich Führungspositionen übernehmen“, wie der Trainer betont. Die Beständigkeit, die Pfeiffer über Jahre auszeichnete, fehlt allerdings den verbliebenen Routiniers – und die Nachrückenden können die Konstanz noch nicht zeigen. Doch das sei, so Kirchner, Knackpunkt und Gradmesser in den nächsten Monaten.

„Ziel ist es, bei den Athleten, von denen wir wissen, dass sie das Vermögen haben, dass dieses auch öfter abgerufen wird. Sie haben alle schon gezeigt, was sie draufhaben, aber zu selten,“ analysiert der 47-Jährige. Bester Deutscher im Gesamtweltcup wurde ausgerechnet der zurückgetretene Peiffer als Zwölfter. Und bei der Weltmeisterschaft in Pokljuka gewann der 34-Jährige mit Silber im Einzel auch die einzige Medaille für die deutschen Männer.

Die Leistungen seiner früheren Teamkollegen wird Peiffer nun als Experte bei den ARD-Biathlonübertragungen im Wechsel mit Kati Wilhelm analysieren. Am 2. Dezember hat er das erste Mal in seiner neuen Rolle das Mikrofon in der Hand. „Es gibt schon Defizite in unserer Mannschaft. Es kann sein, dass Peking eine Enttäuschung wird. Es kann aber auch sein, dass der Knoten platzt“, sagte er erst kürzlich in einem Fernsehinterview.

Kirchner sieht die Rücktritte von Peiffer und Schempp aber durchaus als Chance für Jüngere und die zweite Reihe. „Man muss immer nach vorn schauen“, findet er, „Athleten, die sich in den letzten Jahren im Mittelfeld oder im Anschlussbereich der Mannschaft bewegt haben, sind jetzt gefragt“, sagt der Trainer und zählt im selben Atemzug Namen auf wie Johannes Kühn, Roma Rees und Philipp Horn, die im „Ranking nach vorn gerückt“ sind.

Ein Gewinner des Umbruchs ist Justus Strelow. Der 24-Jährige von der SG Stahl Schmiedeberg hatte sich bei internen Ausscheidungsrennen vor einer Woche im finnischen Muonio einen der letzten beiden Startplätze für den Weltcup-Auftakt in Schweden gesichert. Ob der Sachse dann auch beim zweiten Teil des Weltcups an selber Stelle eine Woche später startet, entscheidet sich nach den ersten Auftritten.

Strelow, für den sein Oberhofer Trainingskollege Lesser nun das „Leittier“ ist, geht es zunächst darum, sich im Team zu etablieren. Olympia sei derzeit ein Traum und auch ein Ziel, meint er. „Sollte ich Peking packen, wäre es eine nahezu perfekte Saison.“ Für Strelow, der erstmals den kompletten Sommer mit der Nationalmannschaft trainiert hatte, heißt es vor allem, sich konditionell weiter zu verbessern. „Schnell und gut schießen“ könne Strelow, meint Kirchner. „Wenn er das gut zusammenbastelt und beim Laufen das eine oder andere Prozent abknapst, kann er ein kompletter Biathlet werden.“

An diesen hochkomplexen Anforderungen arbeitet auch Denise Herrmann, allerdings ist bei der ehemaligen Langläuferin das Schießen die Problemzone. Und das spielt sich wiederum im Kopf ab. „Wenn man weiß, was man kann, darf man sich nicht selbst zu sehr unter Druck setzen. Das war vorige Saison ein bisschen ihr Problem“, erklärt Kirchner, spricht sogar von einer „Verkrampfung“ bei der Weltmeisterin von 2019.

Dennoch traut er Herrmann „alles zu“, vorausgesetzt das „Quäntchen Lockerheit“ ist bei ihr zurück. „Wenn wir es schaffen, Denise den selbst auferlegten Druck zu nehmen, dann können auch Medaillen und Podiumsplätze rausspringen.“ Herrmann selbst spricht von einem „Kaltstart“. Sie habe in der Vorbereitung „nicht so viele hochintensive Einheiten gemacht“. Ziel sei es, über die Rennen die Wettkampfhärte zurückzubekommen.

Die Konstanteste im Frauen-Team war im vergangenem Winter Franziska Preuß als Gesamtweltcup-Dritte, sie ist eine potenzielle Medaillenkandidatin für die Spiele.

TV-Tipp: ZDF und Eurosport übertragen am Samstag 11.45 und 15 Uhr und am Sonntag 11 und 13.45 Uhr.