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Skispringer Freitag denkt nicht an Rücktritt

Trotz der verpassten WM in Oberstdorf will der 29-Jährige mindestens bis zu Olympia 2022 weitermachen - und spricht über Momente, die ihn zur Weißglut bringen.

Die Mimik verrät viel. Die Saison lief nicht so, wie Richard Freitag sich das vorgestellt hat. Lediglich zu zwei Weltcup-Einsätzen kam er bisher. Bei der WM muss er nun zuschauen.
Die Mimik verrät viel. Die Saison lief nicht so, wie Richard Freitag sich das vorgestellt hat. Lediglich zu zwei Weltcup-Einsätzen kam er bisher. Bei der WM muss er nun zuschauen. © Foto: dpa/Daniel Karmann

In Oberstdorf ist Richard Freitag in den nächsten anderthalb Wochen zwar, doch bei der Nordischen Ski-WM, die am Donnerstag beginnt, fehlt er trotzdem. Nicht mal hingehen darf er zu den Springen in seiner Wahlheimat, Zuschauer sind wegen Corona an der Heini-Klopfer-Schanze nicht erlaubt. „Ich hätte es wahrscheinlich ohnehin nicht gemacht. Mich da hinstellen und der WM hinterhertrauern – das ist nicht mein Ding“, sagt er.

Im sechsköpfigen Aufgebot von Bundestrainer Stefan Horngacher fehlt der Erzgebirger, alles andere hätte auch überrascht. „Es war ein komischer Winter“, fasst Freitag die Saison zusammen – das passt zur allgemeinen Lage wie zu seiner persönlichen. Bei der internen Ausscheidung konnte er sich nicht fürs Weltcup-Team qualifizieren, musste in der zweiten Springerliga, dem Continental-Cup, starten. Pandemiebedingt wurden aber gleich fünf Stationen abgesagt. „So war es schwieriger, in den Rhythmus zu kommen“, sagt er. Und auch, sich anzubieten.

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Nach drei Top-10-Platzierungen zum Auftakt durfte Freitag zumindest bei den ersten beiden Stationen der Vierschanzen-Tournee mitspringen, allerdings war nach den Rängen 41 und 27 auch gleich wieder Schluss. Es blieben die beiden einzigen Weltcup-Einsätze, seitdem kämpft er in der zweiten Liga um den Anschluss, was mit Platzierungen zwischen sieben und 29 kaum gelang. „Ich hatte schon die Hoffnung, mich für die WM aufdrängen zu können“, erklärt er. „Aber dafür hätte es im Continental-Cup besser laufen müssen.“

Bereits seit Mitte der vergangenen Saison kämpft Freitag mit technischen Problemen beim Absprung. „Es sind immer noch die gleichen Fehler im System, aber so langsam habe ich sie identifiziert und bekomme darauf Zugriff“, beschreibt er seine Lage, die Nicht-Springer nur schwer nachvollziehen können. Das ahnt auch Freitag, deshalb versucht er, seine verzwickte Lage anschaulich zu beschreiben. „Es ist unheimlich schwer, ein falsches Muster, das sich eingeschlichen hat, zu korrigieren. Man rauscht da mit 90 Stundenkilometern runter und hat dann eine Zehntelsekunde beim Absprung. Da macht man es vielleicht in einem Punkt, auf dem man sich besonders konzentriert hat, besser, verkrampft dafür aber zum Beispiel beim Übergang in die Flugphase. Und schon stimmt die Weite wieder nicht.“ Wenn es läuft, könne einem sein Sport so viel schenken, sagt er. „Aber wenn es nicht läuft, bringt er einen zur Weißglut. Man muss da immer wieder dranbleiben, Rückschläge einstecken, sich wieder aufrappeln.“

Doch wie lange will er das noch? Die Frage, versichert er, habe er sich noch nicht gestellt, und er versteht sie auch nicht so richtig. „So schnell gebe ich nicht auf, ich bin ja noch keine 30“, antwortet er fast trotzig. Den runden Geburtstag feiert er erst im August. „Bis jetzt habe ich so viel Selbstvertrauen, dass ich sage: Ich kann ganz gut Skispringen, wenn ich alles auf die Reihe bringe. Und ich freue mich auf die Zeit, die kommt, auch wenn ich weiß, dass es nicht so schnell gehen wird mit dem Abstellen der technischen Fehler.“

Die Frage nach einem vorzeitigen Karriereende stellt man sich wohl auch deshalb, weil Freitag lange nicht nur in der ersten Liga unterwegs war, sondern ganz oben. In der Saison 2017/18 wurde er Zweiter im Gesamt-Weltcup, vor zwei Jahren gewann er bei der WM mit der Mannschaft Gold. Und nun muss er zuschauen. „Ich war knapp zehn Jahre oben dabei. In der Situation jetzt merke ich, dass dies alles keine Selbstverständlichkeit ist“, erklärt er.

Selbstverständlich waren bisher auch Tausende Zuschauer an der Schanze – gerade in Oberstdorf. Dass es diesmal keine Party geben wird und kein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer macht es für Freitag ein bisschen erträglicher. „Ich verpasse nicht ganz so viel“, sagt er. „Aber für die Teilnehmer, die Organisatoren und die Stadt ist es sehr, sehr schade und einfach traurig.“

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Martin Hamann wird sich trotzdem freuen, schließlich ist es seine erste WM. Seinem Vereinskollegen aus Aue traut Freitag eine Top-10-Platzierung zu, „wenn er gut in die Wettkämpfe reinkommt. In Oberstdorf kann er auf jeden Fall gut springen.“ Sachsen ist also trotzdem vertreten bei den Sprung-Entscheidungen. Der Name Freitag aber wird fehlen, auch seine zehn Jahre jüngere Schwester Selina konnte sich nicht qualifizieren.

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