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Schießeinlagen gibt es bei ihr jetzt nur noch im Notfall

Die einstige Weltklasse-Biathletin Tina Bachmann aus Schmiedeberg arbeitet als Kommissarin am Flughafen BER. Pässe anschauen - hat sie schon immer geliebt.

Auf dem Vorfeld des BER ist Tina Bachmann eher selten unterwegs. Meist kontrolliert sie am Hauptstadtflughafen Reisepässe.
Auf dem Vorfeld des BER ist Tina Bachmann eher selten unterwegs. Meist kontrolliert sie am Hauptstadtflughafen Reisepässe. © Bundespolizei/BER

Berlin. Eine Waffe gehört bei ihr noch immer zur Dienstkleidung, sie trägt sie aber nicht mehr auf dem Rücken, sondern an der Hüfte. Und deutlich kleiner geworden ist sie, statt eines Kleinkaliber-Gewehrs schnallt sich Tina Bachmann jetzt eine Pistole vom Typ P30 um. Schießeinlagen sind nur noch in absoluten Ausnahmesituationen erforderlich und nicht mehr zwingend vorgeschrieben. Aus der einstigen Weltklasse-Biathletin ist die Polizeikommissarin bei der Bundespolizei geworden.

Ihr Einsatzort war in den vergangenen Jahren fast genauso oft in den Medien präsent wie Deutschlands beliebteste Wintersportart: der Flughafen BER in Berlin. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Bachmanns Alltag sieht jetzt ganz anders aus als vor zehn Jahren, als sie ihre größten Erfolge feierte, Vize-Weltmeisterin im Einzel wurde und – wie auch 2012 – Staffel-Gold gewann.

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Damals war die Schmiedebergerin in erster Linie natürlich Spitzenathletin, aber auch schon Polizistin, genauer Vollzugsbeamtin. Diese Doppelrolle ist im deutschen Leistungssport so üblich, bei der Bundeswehr, dem Zoll, der Bundes- und Landespolizei gibt es extra Stellen für die Medaillenkandidaten.

Ihre erste Bewerbung ist immer noch die Einzige

Die können sich auf Training und Wettkampf konzentrieren, müssen nur einmal im Jahr zu einem mehrwöchigen Lehrgang, erhalten ein monatliches Gehalt. Und nach dem Ende der sportlichen Karriere können sie, wenn sie es denn wollen, nahtlos eine zweite Karriere bei ihrem Arbeitgeber beginnen.

Bachmann ist quasi das Paradebeispiel, wie es funktionieren kann. Die Verbindung zu den Grenzschützern, die bis 2005 auch so hießen, war bei ihr sprichwörtlich naheliegend. Beim täglichen Weg vom Sportgymnasium in Altenberg zum Biathlon-Stadion im Ortsteil Zinnwald kam sie am Grenzübergang zu Tschechien vorbei.

In der 9. Klasse absolvierte sie dort ein Praktikum, 2004 bewarb sie sich – mit Erfolg. „Ich war damals noch Juniorin, und es ist bis heute die einzige Bewerbung, die ich abgeschickt habe“, erzählt sie. „Ich konnte so mein Hobby, meinen Berufswunsch mit dem Sport verbinden, war Beamtin und abgesichert.“ Liebe auf den ersten Blick also. „Dokumente haben mich schon immer fasziniert, ich bin urkundenaffin, schaue mir gerne Pässe an.“ Was liegt da näher, als welche zu kontrollieren?

„Dokumente haben mich schon immer fasziniert", sagt Tina Bachmann, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hat und jetzt als Bundespolizistin unter anderem Pässe kontrolliert.
„Dokumente haben mich schon immer fasziniert", sagt Tina Bachmann, die ihr Hobby zum Beruf gemacht hat und jetzt als Bundespolizistin unter anderem Pässe kontrolliert. © Bundespolizei/BER

Genau das macht sie nun vorrangig am neuen Hauptstadtflughafen, der im November 2020 nach vielen Jahren Verzögerung und explodierten Kosten eröffnet worden war. Reisende müssen ihr den Ausweis zeigen, Bachmann schaut, ob er noch gültig ist, ob Foto und Körpergröße zu der Person passen, die vor ihr steht. Schließlich schaut sie im Computer nach, ob nach dem Einreisenden gerade gefahndet wird. „Wir haben unsere täglichen Aufgriffe, gesucht wird immer mal wieder wer“, sagt die 34-Jährige, und es klingt schon ein wenig wie Polizei-Deutsch. Derzeit ist es wegen Corona und der Reisebeschränkungen jedoch ruhiger als gewohnt.

Am inzwischen geschlossenen Flughafen Tegel war das noch anders. Ausgemacht hat Bachmann der Stress nichts. „Als ehemalige Spitzensportlerin bin ich belastbar, kann mich ad hoc auf neue Situationen einstellen“, findet sie. „Ich merke, dass ich sehr fokussiert bin bei der Arbeit und mich nicht so schnell ablenken lasse.“ Als Biathletin ist das vor allem am Schießstand nötig, wenn Tausende Fans Lärm machen, der Stadionsprecher die Zuschauer antreibt und die Konkurrentin auf der Bahn nebenan eine Schnellfeuereinlage hinlegt. Da die Ruhe zu bewahren, ist eine Kunst, die man lernen muss.

Im neuen Beruf musste sie wieder ganz unten anfangen

Bachmann wollte ganz viel lernen, und das ganz schnell. „Mit meinem Ehrgeiz und meinem Anspruch, alles perfekt zu machen, stand ich mir mitunter selbst im Weg“, sagt sie rückblickend. „Als Biathletin gab es für mich nur den Sport, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Alles, was mich ablenken konnte, empfand ich als Störung.“ 2014 wurde sie wegen eines Burn-outs drei Monate in einer Klinik behandelt, zwei Jahre später trat sie zurück.

Es war ein harter Bruch, so beschreibt sie es, und so empfinden das viele ehemalige Sportler. „Als Biathletin war ich auf meinem Gebiet absolute Expertin, gehörte zur Weltspitze. In meinem Beruf musste ich wieder ganz unten anfangen“, erzählt sie. Die Umstellung fällt schwer, manche scheitern daran. Bachmann, die in einer festen Beziehung lebt, nicht, weil sie gelernt hat, ihren Ehrgeiz zu zügeln. Manches brauche einfach seine Zeit, sagt sie jetzt, und es klingt fast schon wie eine Altersweisheit.

Tina Bachmann bei den deutschen Meisterschaften 2014 in Altenberg, 2016 beendet sie ihre Karriere.
Tina Bachmann bei den deutschen Meisterschaften 2014 in Altenberg, 2016 beendet sie ihre Karriere. © Matthias Rietschel

Karriere machen möchte sie bei der Bundespolizei trotzdem. Die Ausbildung zum gehobenen Dienst, das Studium zur Diplom-Verwaltungswirtin hat sie abgeschlossen. In den nächsten Jahren will sie Schulungen besuchen, sich weiterbilden und „vielleicht irgendwann ins Ausland gehen“. In den deutschen Botschaften könnte sie Visa ausstellen oder bei Frontex, der europäischen Agentur für den Schutz der EU-Außengrenze, dienen. Nur geografisch hat sie schon konkretere Vorstellungen: „Es müsste nicht unbedingt Mitteleuropa oder Sibirien sein.“ Das kennt sie schon von den vielen Weltcups. Das ist eine Option, doch es gibt noch eine zweite.

Bachmann hat nebenbei eine Trainerausbildung absolviert, könnte Biathleten bis hinauf zum Nationalteam betreuen. „Das würde mich schon reizen“, sagt sie, stellt aber eine Bedingung, die nicht verhandelbar ist. „Ich würde meinen Beamtenstatus nie aufgeben.“ Beides zu verbinden geht nur an der Bundespolizei-Sportschule im bayerischen Bad Endorf. „Wird da eine Stelle frei, könnte ich mir vorstellen, mich dort zu bewerben.“ Es wäre dann ihre zweite Bewerbung.

Lässt es der Dienstplan zu, trainiert sie den Nachwuchs

Derzeit trainiert sie ehrenamtlich den Nachwuchs in Brandenburg. Zweimal in der Woche – wenn es der Dienstplan zulässt. Möglich ist das nur, wenn sie Frühschicht hat und drei Uhr nachts aufstehen muss. Am Nachmittag trainiert sie dann eine Gruppe, insgesamt 21 Talente zwischen sieben und 13 Jahren sind derzeit am Landesstützpunkt des SV Schorfheide und des WSV Wandlitz.

Das Gebiet nördlich von Berlin wurde bekannt als Jagdrevier der DDR-Politprominenz, aber nicht als Zentrum des Biathlonsports. „Wir haben hier sechs Schießbahnen, können die Fahrradwege als Skiroller-Strecken nutzen, und diesen Winter sind wir hier sogar auf Schnee gelaufen“, erzählt Bachmann. Allerdings ist der Schießstand für Luftgewehre ausgelegt, der Abstand zu den Scheiben beträgt nur zehn Meter. Bei den Kleinkaliber-Gewehren sind es 50 Meter. „Spätestens mit 15 Jahren sollte man umsteigen“, erklärt Bachmann. „Deshalb müssen sie dann auch von hier weg.“

Seit vielen Jahren gibt es eine Kooperationsvereinbarung mit dem Skiverband Thüringen, 2020 wechselten zwei Biathlon-Talente aus der Schorfheide an den Bundesstützpunkt nach Oberhof, das ist auch für dieses Jahr das Ziel.

Bei den Einheiten läuft Bachmann manchmal mit, kommt so auch ein bisschen ins Schwitzen – und genießt das. Ihr Auto hat sie inzwischen verkauft, den Weg von ihrer Wohnung südöstlich von Berlin zum Flughafen legt sie auf dem Fahrrad zurück. Eine halbe Stunde hin, eine halbe zurück. „Ich brauche das als Ausgleich, sonst geht es bei mir stimmungstechnisch runter“, sagt sie. Den ganzen Tag nur sitzen oder stehen – das war nach 20 Jahren Sport die größte Umstellung.

Unsere Serie "Die neue Karriere nach dem Sport"

Wie weiter nach dem Leistungssport? Eine Serie stellt frühere Top-Athleten vor, deren neuer Beruf mit Sport überhaupt nichts mehr zu tun hat.

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