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Wohin mit all den Fragen?

Die Dresdnerin Jana Bürgelt litt an Depressionen und nahm sich 2010 das Leben. Ihre Eltern reden über ihren Umgang mit der Tragödie.

Annette und Frank Bürgelt wollen gemeinsam im kleinen Rahmen über die heimtückische Krankheit Depression aufklären.
Annette und Frank Bürgelt wollen gemeinsam im kleinen Rahmen über die heimtückische Krankheit Depression aufklären. © Katrin Tominski

Auf der Anrichte des Wohnzimmerschranks steht das Foto. Eine bildhübsche junge Frau sitzt am Strand von Hawaii auf einem schroffen Felsen. Sie hat das rechte Knie angewinkelt, beide Hände um ihren Knöchel geschlungen, lächelt sie in die Kamera. Jana Bürgelt sieht glücklich aus, unbeschwert.

Viele Eltern haben solche Fotos ihrer daheim ausgezogenen Kinder irgendwo gut sichtbar positioniert. Schöne Erinnerungen. Die Bürgelts werden nie mehr ein aktuelleres Bild ihrer jüngsten Tochter erhalten. Jana Bürgelt wählte am 16. April 2010 den Freitod, sprang in Tübingen von einer Brücke. Für die damals 22-Jährige offenbar der einzige Ausweg. Die Langstreckenläuferin, die bis 2007 für den Dresdner SC startete, litt an Depressionen. Kaum jemand wusste, wie dunkel es in ihr aussah. Wie tief und unüberwindbar die eigenen Abgründe scheinbar waren.

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Doch wie leben Angehörige mit so einer Tragödie? Wie halten ihre Eltern das aus? Beim Besuch in Radebeul spricht Vater Frank erstmals öffentlich ausführlich über den Suizid. Seine Frau Annette ist noch im Büro, sie arbeitet in der Personalabteilung von Globalfoundries – hat ihrem Mann aber einen Zettel mit handgeschriebenen Stichpunkten dagelassen.

Frank Bürgelt lässt am Wohnzimmertisch die Gedanken zehn Jahre zurückwandern. Zu jenem Tag, als die Eltern die unfassbare Nachricht erhielten. „Wir hatten uns mit meiner Mutter zum Abendessen in Altkötzschenbroda verabredet, da klingelte es an der Tür“, erinnert er sich. Seine Frau und er dachten, Janas Oma stehe vor der Tür. Doch es waren fremde Personen – zwei Polizeibeamte und ein Seelsorger, wie sich herausstellte. „Sie kamen herein und haben uns das sehr behutsam eröffnet. Ich kann mich an den Ablauf nicht mehr genau erinnern. Meine Frau“, sagt er leise, „hat es zunächst nicht geglaubt.“

Bei ihrer Tochter, einer ehrgeizigen, talentierten jungen Läuferin, kam tatsächlich viel zusammen, was letztlich zu einem unlösbaren Problemknoten für Jana Bürgelt wurde. Einerseits träumte sie hin und wieder von Olympia, andererseits stellte sich bald die Erkenntnis ein, dass dafür ihr Leistungsvermögen nicht reichen werde. Immerhin war sie regional in Sachsen bekannt und beliebt.

2007 entschied sich Jana Bürgelt dennoch, nach Tübingen zu wechseln. In erster Linie zwar, um dort Sportpublizistik zu studieren. Ein entsprechendes Praktikum hatte die Läuferin 2007 in der Sportredaktion der Sächsischen Zeitung absolviert. Aber sie schloss sich in Tübingen auch der Läufergruppe um das prominente Trainer-Ehepaar Isabell und Dieter Baumann an – und wohnte etwas außerhalb Stuttgarts allein in einer Einraumwohnung.

Letztlich war diese Entscheidung ein Puzzleteil für ihr späteres Schicksal. „Wir wussten, dass sie Probleme und enorme Stimmungsschwankungen hatte. Das mit ihrem Studium klappte auch nicht mehr so richtig“, erinnert sich der Vater. „Sie hat dort nie richtig Kontakt gefunden, die Menschen da haben eine andere Mentalität. Jana war das zu oberflächlich“, erzählt er.

Seine Tochter wollte das Studium eigentlich hinschmeißen. Am Abend vor ihrem Suizid telefonierte sie noch mit ihren Eltern. Die wollten sie sanft dazu ermuntern, dass ein Studienabbruch nicht die einzige Möglichkeit ist. „Hinterher haben wir uns auch gefragt, warum wir nicht auf die Idee gekommen sind, dass das Depressionen sein könnten. Das Thema war für uns aber überhaupt nicht auf dem Schirm“, betont der 61-Jährige. Die Frage, ob das letzte Gespräch ein Auslöser für den Freitod ihrer Tochter gewesen sein könnte, nagt noch immer. „Man fängt automatisch an zu suchen, hat Schuldgefühle. In den Tagen funktioniert man eigentlich nur noch, das läuft ab wie ein Film“, gesteht der Vater.

Knapp ein halbes Jahr zuvor suchte die Familie gemeinsam Rat bei einer Psychologin. „Sie sagte, das wäre eine Art Burn-out. Jana solle mal ein paar Sachen weglassen“, erklärt Frank Bürgelt, weshalb sich seine Tochter danach nicht regelmäßig psychologische Hilfe suchte. Sie ließ sich nach außen hin ohnehin nichts anmerken. Im Gegenteil, Jana Bürgelt versprühte Lebensfreude, trug stets ein Lächeln auf dem Gesicht. „Jemand, der mit Depressionen kämpft, will das verbergen“, sagt er.

Zudem schien sie sich wieder gefangen zu haben. Das Studium sah ein Praktikum vor, das sie in einer Surfschule auf Hawaii absolvieren wollte. Erste Kontakte waren vielversprechend, jedoch zogen sich die Vorbereitungen ein halbes Jahr hin. Als sie lange keine Antwort erhalten hatte, zog sie mit einem Touristenvisum auf eigene Faust los. „Ihr ging es da richtig gut, sie war total euphorisch“, erzählt Frank Bürgelt und streicht dabei sachte über die Zettel seiner Frau. Heute weiß der Oberstufenlehrer für Sport und Englisch: „Das Gefühl schlägt dann aber wieder radikal um.“

Nach ihrer Rückkehr übernahm Jana Bürgelt neben ihrem Studium auch Marketingaufgaben für ihren Ausrüster Nike. Mama Annette Bürgelt hat auf ihren Stichpunkten als ersten Aspekt angeführt, dass ihre Tochter bei allen Dingen 150 Prozent geben wollte. „Sie hat sich viele Gedanken gemacht und sich gewundert, dass die anderen nicht ebenso tickten. Sie war eine Perfektionistin“, unterstreicht ihr Papa und reibt sich nachdenklich über seine kurzen ergrauten Haarstoppeln.

Das Leben ohne Jana hat die Familie verändert – wie sollte es anders sein? Trauer und Schmerz sind auch zehn Jahre später allgegenwärtig. „Die Trauer hat sich verändert. Am Anfang war das der alles beherrschende Gedanke, man kommt kaum zum Schlafen“, erzählt der Vater. Heute „hat man es immer im Hinterkopf, aber es ist nicht ständig präsent.“ Seine Frau suchte sich dreieinhalb Jahre therapeutische Hilfe. „Einer unbeteiligten Person alles vor die Füße kippen zu können ...“, schreibt die Mutter – entlastet die Seele. Die Fragen, Trauer, Zweifel, Wut, das Unverständnis, die Ohnmacht. Dieses stete Warum. Hätten wir es erkennen können, ja müssen? „Die Fragen kann man der einzigen Person, die sie beantworten könnte, nicht mehr stellen“, sagt Frank Bürgelt. Der Pädagoge hat versucht, die Dinge mit sich auszumachen. Vier, fünf Wochen nach dem Tod seiner Tochter ist er wieder arbeiten gegangen. „Da sind Männer anders gestrickt. Ob das so richtig war, weiß ich nicht“, sagt er.

Antworten auf diese Fragen gibt es nur unbefriedigende. Jana Bürgelt hinterließ keinen Abschiedsbrief. Auch deshalb wälzten die Eltern viele Fachbücher. Was bleibt, sind Schlussfolgerungen – aufgrund von Erinnerungen, Deutungen durch das neue Wissen um die Krankheit. „Wir erklären es uns so, dass Jana starke Depressionen gehabt haben muss und die Probleme, die sich scheinbar vor ihr auftürmten, nicht mehr bewältigen konnte. Das steht für uns außer Frage. Es war wohl eine Kurzschlussreaktion“, sagt der Papa.

Er hat ein Verständnis für die Tat entwickelt. „Probleme, die man als normaler Mensch als lösbar ansieht, erscheinen mit dieser Krankheit als nicht mehr lösbar. Man empfindet keine Freude mehr, kann sich nicht motivieren. Da kann man sich schon vorstellen, dass jemand sagt: Das will ich nicht mehr.“ Manche Fragen bleiben für immer. Warum hat sich Jana ihren Eltern nicht anvertraut? Nicht einmal ihnen? „Jana wollte immer ihren eigenen Weg gehen, war stolz auf das, was sie gemacht hat“, erzählt ihr Vater. „Sie hätte es als eine Art Niederlage gesehen, wenn sie mit ihren Nöten zu uns gekommen wäre.“

Das Paar hat aber für sich Lösungen gefunden, mit Trauer und Schmerz umzugehen. Natürlich gehört auch der Weg ans Grab auf dem Heidefriedhof dazu. Annette Bürgelt schloss sich einem Trauerkreis an. „Sie hat da andere Betroffene gefunden. Das Thema Suizid ist ja weit weg von einem – wenn es einen nicht selbst betrifft“, sagt Frank Bürgelt. Seine Frau habe gemerkt, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein ist, fand darin Trost. „Die Schuldgefühle“, sagt er, „hat man noch eine ganze Weile, ehe es einigermaßen erträglich ist.“

Zudem sind die Bürgelts seit 2011 Mitglieder im Dresdner Bündnis gegen Depressionen. Alljährlich dockt die Familie den Gedenklauf zu Ehren ihrer Tochter an ein großes Laufereignis in Dresden. Angefangen hat es im Oktober 2010 beim Morgenpost-Marathon. „Ihre Freunde zusammenzutrommeln, uns auszutauschen – das hilft ein bisschen“, sagt der Vater – und seine Ehefrau ergänzt auf dem Papier: „Wir haben die Öffentlichkeit gesucht, um von unserem Schmerz etwas abzugeben und damit nicht alleine zu sein.“

Das sind berührende Zeilen, weil sie so private Gedanken offenlegen und am Schmerz teilhaben lassen. Den Gedenklauf soll es weiterhin geben – auch wenn er in diesem Jahr wegen der Corona-Einschränkungen ausfallen musste. Annette und Frank Bürgelt wollen in dem kleinen Rahmen aufklären – die Krankheit aus der Tabuzone holen, darüber reden. „Da hat man das Gefühl, noch etwas am Leben zu erhalten. Für uns ist wichtig zu zeigen, dass sie irgendwie noch da ist“, sagt er.

Und es hilft, regelmäßig an Jana zu denken. Allgegenwärtig ist sie ohnehin. „An ihrem Geburtstag haben wir von einer Gärtnerin immer ein Blumenherz gestalten lassen – oder auch mal Luftballons steigen lassen mit kleinen Zettelchen daran“, sagt Frank Bürgelt. Großen Halt gibt die ältere Tochter Katja mit ihren zwei Kindern. „Die Enkel haben viel geholfen. Da hatte man ein neues Ziel und konnte sich daran aufrichten“, sagt der Großvater.

Es wird zehn lange Sekunden ganz still im Raum, Frank Bürgelt ringt nach den richtigen Worten, kämpft gegen seine Tränen. „Und dann denkt man daran, wie wäre das jetzt alles ...“ Mit Jana. Es sind die privaten Momente im Leben der Familie, in denen sie am meisten fehlt. „Meine Frau nimmt zu Familienfeiern immer noch einen kleinen Engel mit, damit Jana dabei ist“, sagt er leise.

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Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/111-0-111 und 0800/111-0-222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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