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Sporthalle wird Notaufnahmelager

Der Polizeisportverein Kamenz muss weg vom Siedlungsweg. Ab heute bringt das Land hier Asylbewerber unter. Zeitweise, heißt es.

© Matthias Schumann

Von Frank Oehl

Diesen Aschermittwoch werden die Verantwortlichen des Polizeisportvereins Kamenz (PSV) wohl nie vergessen. Gegen 10 Uhr erhielt Präsident Thomas Santrutschek einen Anruf des Vermieters der seit 1993 genutzten Halle am Siedlungsweg. Das ist der Staatsbetrieb Sächsisches Immobilien- und Baumanagement. Tenor: „Der Freistaat muss hier kurzfristig Asylbewerber unterbringen, weil das Erstaufnahmelager in Schneeberg voll ist. Um 12 Uhr wird alles Weitere vor Ort besprochen. Dem Verein bleiben 72 Stunden, um seine Sachen zusammenzupacken.“

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Auch bei PSV-Vizechef Andreas Seifert liefen gestern die Telefone heiß. Innerhalb von 72 Stunden muss der Verein die Halle am Siedlungsweg freigezogen haben. „Den Kraftraum kriegen wir nie so schnell geräumt“, sagte er. Seine Miene hellte sich etwas auf,
Auch bei PSV-Vizechef Andreas Seifert liefen gestern die Telefone heiß. Innerhalb von 72 Stunden muss der Verein die Halle am Siedlungsweg freigezogen haben. „Den Kraftraum kriegen wir nie so schnell geräumt“, sagte er. Seine Miene hellte sich etwas auf, © Matthias Schumann

Die PSV-Chefs glaubten sich zuerst in einem falschen Film – sozusagen mit versteckter Kamera. Aber dann wurde es schnell ernst. Was eine „Nutzungsunterlassung“ und eine „Zwangsräumung“ ist, erkannten sie schnell. Vizevorsitzender Andreas Seifert: „Zuerst dachten wir an eine einstweilige Verfügung gegen das staatliche Handeln, aber das hätte vielleicht zwei Wochen Leerstand bedeutet. Und was dann?“ Noch am Mittwochabend wurden auf den Matten im 1000-Quadratmeter-Areal die letzte Gürtelprüfungen abgenommen. Und gestern schon standen die Umzugsautos vor der Tür. „Wir lagern unser Equipment zwischen. Aber wir brauchen ganz schnell eine Ersatzlösung.“ Über die sozialen Netzwerke begann sofort die Suche, und natürlich waren da auch OB Roland Dantz und Landrat Michael Harig einbezogen. „Wir suchen gemeinsam nach einer Ersatztrainingsstätte“, so das Stadtoberhaupt auf SZ-Nachfrage.

Welle der Solidarität

Mehr als 20 Jahre hat der PSV die Halle mit Nebenräumen genutzt. „Und wir haben immer mehrere hundert Euro im Monat als Miete an den Freistaat abgedrückt“, sagt Seifert. Während der Kinder- und Jugendsport in den kommunalen Einrichtungen lange Zeit kostenlos war. „Etwa zwei Drittel unserer Mitglieder sind Kinder und Jugendliche. Und eine ganze Reihe von ihnen haben selbst Migrationshintergrund.“ Tatsächlich unterstützt der PSV seit Jahren russlanddeutsche und Familien von Asylbewerbern. „Es kann nicht sein, dass diese soziale Arbeit gegen eine andere ausgespielt wird“ – dies meinte z.B. auf Facebook Stadtrat Jan Geppert (WV Wir für Kamenz). Dessen Karate-Sportstätte Tomogara war zunächst mit dem Erstaufnahmelager in Verbindung gebracht worden, was aber nicht stimmte. Er und andere Stadträte waren schon Mittwoch vor Ort, um sich mit um die Lösung eines Problems zu kümmern, das einen immerhin 220-Mitglieder-Verein wie den PSV an den Rand seiner Existenz bringt. Ein Verein übrigens, der im Nachwuchsbereich auf deutscher Spitzenebene tätig ist und der sein mehr als 50 000 Euro teures Equipment an den Vormittagen auch den Polizeirevieren in Kamenz und Hoyerswerda – und damit staatlicher Sportausübung zur Verfügung stellt. Seifert: „Und an den Nachmittagen nutzen die Halle unsere sieben Trainingsgruppen in 17 Trainingsstunden pro Woche, die von 18 ehrenamtlichen Übungsleitern organisiert werden. Das soll nun von heute auf morgen auf dem Spiel stehen?“

Schon am Mittwoch setzte eine Welle der Solidarität mit den Judosportlern ein. Bei Seifert und seinen Mitstreitern schrillt seitdem ununterbrochen das Telefon. Leerstehende Dorfschulen und andere größere Räumlichkeiten wurden angeboten, aber so richtig aufhellen konnten sich die Gesichter der Verantwortlichen erst gestern Vormittag, als der Landkreis einen Interimsvorschlag unterbreitete: „Der PSV kann die BSZ-Sporthalle mit nutzen.“ Fünf Trainingseinheiten pro Woche seien möglich, hieß es – und schon gestern Nachmittag gab es einen Termin vor Ort. „Wir müssen ja auch irgendwo unsere Matten unterbringen“, so Seifert. Wie OB Roland Dantz mitteilte, haben auch andere Vereine der Stadt – wie der SV Einheit Kamenz – signalisiert, auf Trainingszeiten in städtischen Hallen zugunsten des PSV verzichten zu wollen. Ende gut – alles gut?

Das hektische staatliche Handeln wirft Fragen auf, die seit gestern auch offiziell beantwortet werden. Die Landesdirektion Sachsen informiert darüber, dass sowohl in der Kamenzer PSV-Halle, als auch in einem Polizeiobjekt in Meißen zwei „temporäre Außenstellen der Erstaufnahmeeinrichtung“ untergebracht werden müssen. „Temporär“ heißt zeitweise. „Bis auf Weiteres“, wurde den Judosportlern mitgeteilt.

Keine dauerhafte Lösung

Für Kamenz sind ab heute bis zu 200 Asylbewerber angekündigt. Pressesprecher Ingolf Ulrich in Dresden: „Derzeit wird auf Hochtouren gearbeitet, um soziale Betreuung, Wachdienst und Verpflegung sicherzustellen.“ Es handele sich jedoch nicht um dauerhafte Lösungen, heißt es. Als Grund für den Notstandsbeschluss wird der weiterhin „außerordentlich hohe Zustrom von Asylbewerbern nach Sachsen“ genannt. Sämtliche Erstaufnahmekapazitäten in Chemnitz, Schneeberg und Görlitz seien ausgeschöpft. Die „unmittelbaren Anwohner“ auch in Kamenz seien am Donnerstag über die kurzfristige Belegung der Gebäude informiert worden, heißt es.

Landrat Harig und OB Dantz haben gestern Abend in einer Stellungnahme über die Zwischenlösung für die PSV-Sportler informiert. Sie sehen das Handeln des Freistaates kritisch: „Kamenz trägt mit der zentralen Gemeinschaftsunterkunft des Landkreises schon jetzt eine der größten Lasten bei der Unterbringung von Asylsuchenden und Zuwanderern.“ Man wolle sich der temporären, also keinesfalls dauerhaften Herausforderung aber stellen, heißt es.

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Seit Monatsbeginn hat der Freistaat mehr als 1 600 Asylbewerber aufgenommen, im ganzen Januar waren es 1 640. Die Erstaufnahmeeinrichtung ist derzeit mit über 2 600 Asylbewerbern belegt. Der Freistaat Sachsen errichtet für die Erstaufnahme von Asylbewerbern bis zum 3. Quartal 2017 in Dresden und Leipzig neue Objekte mit einer Kapazität von jeweils 700 Plätzen. Bereits Mitte 2015 wird in Leipzig ein Objekt mit einer Kapazität von rund 350 Plätzen in Betrieb genommen.