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Sprengstoff-Narr muss nicht hinter Gitter

Ein Großenhainer gräbt im Wald Altmunition aus und hortet sie zu Hause. Vor Gericht hat er Glück.

© Sebastian Schultz

Von Manfred Müller

Großenhain/Riesa. Acht Kilogramm Schießpulver und etliche scharfe Geschosse, darunter auch Phosphormunition – die Polizisten trauten ihren Augen kaum, als sie im Juni 2016 eine Wohnung auf der Naundorfer Straße durchsuchten. Der Bewohner, ein heute 31-jähriger Großenhainer, hatte die Geschosse in der ehemaligen Wehrmachts-Schießanlage bei Skäßchen ausgegraben, mit nach Hause genommen, zum Teil geöffnet und das Treibmittel herausgeschüttelt. Ein Beamter beschreibt vor Gericht das, was er vorfand, als „das Haarsträubendste“, was er je gesehen hat. Überall in der Wohnung lagen Geschosshülsen, Kartuschen, aufgeschraubte Zünder, zusammengerostete Munition. Auf einem Essteller, auf dem Nachspeicherofen, neben dem Fernseher, in Regalen – überall lose Häufchen von Schießpulver. Nicht auszudenken, wenn ein Funken an seine Sammlung gekommen wäre. Es hätte im Haus und in der Umgebung wahrscheinlich Tote und Schwerverletzte gegeben.

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Stutzig geworden war die Polizei schon ein Jahr früher, als der Besitzer des Skäßchener Waldstücks in der Anlage bis zu drei Meter tiefe Grabungen fand und die Sache anzeigte. Der Großenhainer hatte dort sein persönliches Wald-Camp errichtet – mit Gaskocher, Stirnlampe, Solarpaneelen zum Aufladen der Batterien und Wechselsachen zum Arbeiten. Dazu ein ganzes Munitionsarsenal angefangen bei Panzerabwehrgeschossen, über Flieger-Bordmunition bis hin zu einem Katjuscha-Raketenwerfergeschoss. Die Ermittler konnten zwar DNA-Proben nehmen, sie aber keinem Verdächtigen zuordnen. Dieser wanderte derweil fröhlich zum Schrottplatz, die Tasche vollgepackt mit Munitionshülsen. Gegen die Vorlage seines Ausweises und eine Unterschrift wurde er das Zeug dort los. Den Erlös verwendete der Hartz IV-Empfänger, um seine Drogensucht zu finanzieren. Auf die Spur kamen ihm die Beamten erst durch die Hausdurchsuchung.

Nun sitzt der junge Mann wegen vorsätzlichen unerlaubten Umgangs mit Sprengstoff auf der Anklagebank – ein Häufchen Elend, dem die langjährige Crystal-Abhängigkeit förmlich ins Gesicht geschrieben steht. Die erste Verhandlung war bereits im Januar, an diesem Donnerstag sollen die Plädoyers von Staatsanwalt und Verteidigung sowie die Urteilsverkündung folgen.

Dass der Sprengstoff-Junkie die Geschosshülsen zu Geld machen wollte, leuchtet Richter Alexander Keller noch ein. Aber was wollte er mit den Explosivstoffen? Eine richtige Antwort wird das Gericht nicht bekommen. Nicht zuletzt deshalb, weil es Angeklagten schwerfällt, sich klar zu artikulieren. Offensichtlich hat er geistige Defizite, und sein vom Arbeitsamt bestellter Betreuer bescheinigt ihm mangelnde Reife. Immerhin konsumiert der Großenhainer schon seit seinem 13. Lebensjahr Drogen und hat in seinem Leben auch sonst nicht viel auf die Reihe bekommen.

Außerdem hat er bereits wegen kleinerer Delikte mehrfach mit der Justiz Bekanntschaft gemacht. Ab dem Jahr 2017 allerdings wird dem Delinquenten eine günstige soziale Entwicklung bescheinigt. Da trat er einen Ein-Euro-Job bei der Diakonie an und hielt sich nach eigenem Bekunden vom Rauschgift fern. Deshalb will ihm die Staatsanwaltschaft noch eine Chance geben, fordert Bewährungsstrafe von einem Jahr. Für Verstöße gegen das Sprengmittelgesetz ist eine Höchststrafe von drei Jahren Freiheitsentzug vorgesehen, der Angeklagte wäre also damit gut bedient. Deshalb schließt sich der Verteidiger dem Antrag an.

Richter Alexander Keller und seine Schöffen setzen die Strafe allerdings noch um ein halbes Jahr höher an. Vor allem deshalb, weil er durch das Horten des Sprengstoffs Nachbarn und möglicherweise auch Passanten in Gefahr brachte. Die Bewährungszeit fällt mit vier Jahren außergewöhnlich hoch aus, als zusätzliche Kontrollinstanz wird dem Angeklagten ein Bewährungshelfer zugeordnet. Außerdem muss er sich vierteljährlich einem Drogentest unterziehen und 250 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. Die Intention des Gerichts ist klar: Der Sprengstoff-Narr soll künftig keine Gelegenheit mehr haben, solche Wahnsinnsideen auszubrüten.