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Staatsanwalt fordert hohe Haftstrafe

Für über sechs Jahre soll der mutmaßliche Drogenhändler Frank M. in den Knast. Sieht das Gericht das auch so?

© Symbolfoto/dpa

Von Jens Hoyer

Chemnitz/Döbeln. Was ist Frank M. denn nun? Der gewalttätige Drogenhändler, der im großen Stil Crystal in Döbeln verkaufte? Oder der Kurier, der nur aus Sorge um seine Familie 100 Gramm der Droge über die tschechische Grenze schmuggelte? Zwischen diesen Versionen ein und desselben Vorgangs muss die 1. Strafkammer des Landgerichts Chemnitz eine Entscheidung treffen. Gestern haben am sechsten Verhandlungstag Staatsanwaltschaft und Verteidigung mit ihren Plädoyers ihre Sicht der Dinge dargelegt. Je nachdem, welche das Gericht teilt, könnte eine mehrjährige Freiheitsstrafe oder ein relativ mildes Urteil auf Bewährung dabei herauskommen.

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Etliche Zeugen hatte das Gericht geladen. Einige schwiegen, einer erschien gar nicht. Der Döbelner Enrico F. soll eine der tragenden Säulen der Döbelner Drogenszene sein und einen „Drogengemischtwarenhandel“ unterhalten, wie die Staatsanwaltschaft es formulierte. Die polizeiliche Vorführung hat nicht geklappt. F. ist für die Polizei nicht auffindbar. Dabei soll er nach Darstellung des Angeklagten die maßgebliche Figur in der ganzen Affäre sein.

Drohungen gegen Familie

Im Auftrag von Enrico F. will Frank M. an diesem verhängnisvollen 30. Juni 2015 mit einem Motorrad über die tschechische Grenze auf einem Markt zu einem Händler vietnamesischer Herkunft gefahren sein. 1800 Euro gab er ihm und bekam dafür 100 Gramm Crystal, mit denen er an der Grenze erwischt wurde. Bei der Flucht vor dem Zoll rauschte er im Bad Gottleuba gegen eine Mauer und verletzte sich. Seitdem sitzt er in U-Haft.

Gestern schilderte M. tränenreich und sichtlich um Fassung ringend, das er sich Vorwürfe macht, in diese Situation geraten zu sein. Das Schlimmste sei die Trennung von der Familie. Der Angeklagte, von Beruf Maler und Lackierer, hat eine gescheiterte Selbstständigkeit hinter sich. Das Geld war knapp. Auf einer Baustelle habe ihm ein Kumpel Crystal angeboten, zur Steigerung der Leistung. Seitdem nahm er es und hatte noch mehr Schulden – bei seinem Drogenhändler, eben diesem Enrico F. Er wollte Geld, bedrohte M. Der wurde auf dem Parkplatz von Kaufland von zwei Männern mit dem Messer verletzt. Das Auto und die Garage des Vaters wurden angezündet, es habe Drohungen gegen die Familie gegeben, so der Angeklagte. Aus dieser Situation habe er herauskommen wollen, deshalb sei er für F. nach Tschechien gefahren.

Mit Springmesser

Der Staatsanwalt teilt diese Version nicht. Einige Zeugen hatten ein anderes Bild von Frank M. gezeichnet. Sie schilderten einen Mann, der einen anderen mit dem Helm und einem größeren Elektroschocker verprügelte. Einen, dem der Ruf vorausging, sein Geld mit Gewalt einzutreiben. Und der in Döbeln größere Mengen Crystal an den Mann – oder in diesem Falle an die Frau – brachte. Die gehandelten Mengen sind erheblich und bei der Festnahme an der Grenze hatte er ein Springmesser dabei – bewaffneter Drogenschmuggel und -handel wird weit härter bestraft. Der Verteidiger sieht das nicht so, denn das Messer steckte in einem Rucksack, in den auch noch ein großes Plüschtier gestopft war. So schnell wäre M. gar nicht rangekommen, argumentierte Fischer. Und noch ein gewichtiges Argument spreche für den Angeklagten: Sein Strafregister ist bisher blütenweiß.

Richtig abhängig von Crystal war Frank M. nicht, wie ein Gutachter erklärte. Er habe die Droge eher sporadisch zur Leistungssteigerung genommen. Am Dienstag will das Gericht das Urteil verkünden. Der Staatsanwalt fordert sechs Jahre und sechs Monate Haft. Der Verteidiger hält ein Jahr und drei Monate auf Bewährung für ausreichend. Selbst wenn das Gericht sein Urteil irgendwo in der Mitte findet, könnte Frank M. noch lange von seiner Familie getrennt sein.

Namen des Angeklagten und des Zeugen geändert.