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Staatskanzleichef fährt privat einen Volvo

Fritz Jaeckel erzählt zum EU-Projekttag am Gymnasium von seiner Sicht auf Bildung und über die Vorteile von TTIP.

© Brühl

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

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Großenhain. Sachsens Staatskanzleichef kommt in einem schwarzen Volvo mit Großenhainer Kennzeichen vorgefahren. „Das ist auch der Grund, warum ich gern das hiesige Gymnasium besuchen wollte“, gibt der umgängliche Staatsminister unumwunden zu. Der 52-Jährige ist privat Kunde im Großenhainer Autohaus Schmidt, wo sein Fahrzeug gerade repariert wird. Auch mit dem Rad sei er gern mit seiner Familie in der Gegend unterwegs – incognito, versteht sich.

Vor den Schülern zweier zehnter Klassen plaudert er nicht nur über seinen beruflichen Werdegang, sondern auch über seine drei Kinder: einen fünfjährigen Sohn und zwei Mädchen, eines davon in der neunten Klasse. Jaeckel bedauert es, dass diese Tochter ihren Freizeitsport aufgeben musste, um die Schulaufgaben zu schaffen. „Wir lassen in den Schulen zu wenig Zeit für Kreatives“, sagt er auf die Frage, ob Sachsen der Bedeutung politischer Bildung an den Schulen gerecht wird. Und ja, es müsse hier stärker über Gesellschaftliches diskutiert werden.

Der Freistaat habe sich bisher zuerst seiner Ingenieurtradition folgend auf eine technikorientierte Ausbildung konzentriert. Doch dass die Schüler zu wenig politische Bildung haben, werde man im neuen Schuljahr nachjustieren. Weniger Unterrichtsstunden – das wird wohl noch länger dauern. Doch dass diese Bildungsfrage eine von denen war, die ihm vorab zugeschickt wurden, freut Fritz Jaeckel. Denn Bildung und Internationalität liegen dem gebürtigen Schleswig-Holsteiner, dessen Eltern Ostvertriebene waren, am Herzen. Schon in den 80er Jahren habe er russisch gelernt. Als 27-jähriger Anwalt arbeitete er ein Jahr in Paris, machte 1991 drei Monate Praktikum unter Genscher bei der EU, als der Jugoslawienkrieg begann.

Heute haben wir Krieg in Syrien. Die Flüchtlingskrise, eine mögliche Zerreißprobe in der EU, der drohende Austritt von Großbritannien oder der Wahlausgang in den USA und die Auswirkungen auf Sachsen beschäftigen die Schüler – so jedenfalls lauteten ihre Vorab-Fragen. Jaeckel antwortet sachlich und überlegt, nur selten huscht ein Lächeln über seine Lippen.

Doch er lässt die Schüler auch an seinen persönlichen Sichten teilhaben. So geht es um den Fall Böhmermann. Fritz Jaeckel, der sächsischer Medienminister ist, sieht in diesem Fall den Bogen der Meinungsfreiheit überspannt. Eine Vorschrift zum Rechtsschutz von Staatsoberhäuptern ist seiner Meinung nach weiter sinnvoll. Beim Freihandelsabkommen TTIP fragt er die Schüler direkt, ob sie schon mal auf einer Gegendemo waren. Keiner hebt die Hand.

„Ich fände es persönlich schade, wenn sich die transatlantischen Beziehungen dadurch verschlechtern“, so der CDU-Mann. Hier habe auch die deutsche Wirtschaft ein großes Interesse, um kostspielige Prüfungen für Exporte zu minimieren. Und wie sieht der Staatskanzleichef die Terrorgefahr im Freistaat? Keine aktuelle Warnung heißt es. Doch die Ost-West-Diskussion dazu, die eine Schülerin anspricht, macht auch ihm Sorge. „Da ist jetzt auf der Insel Sylt ein Ausländer in einem Heim erstochen worden, doch es gab keine Schlagzeilen dazu“, informiert der Medienminister. Doch wenn so was in Sachsen passiert ...

Für Lucy Krille waren es zwei „echt interessante“ Stunden. Der Minister sei auf alle Schülerfragen eingegangen und habe sie gut beantwortet. Auch Salome Gutsche empfand den Besuch als Bereicherung.