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Stadionverbot für Beckenbauer!

In einem Interview hat sich Dynamo-Vorsänger „Lehmi“ meinungsstark zu den Protesten der Fans gegen den DFB geäußert. Dabei bekommt auch die Presse ihr Fett weg.

© Robert Michael

Sven Geisler

Da ist mal eine steile Forderung: „Franz Beckenbauer sollte Stadionverbot bekommen, nicht wir.“ Das sagt „Lehmi“, in Dresden bekannt als Vorsänger der Ultras Dynamo, in einem Interview für Zeit Online. Er bezieht sich dabei auf dubiose Machenschaften im Zusammenhang mit der WM 2006, die nicht aufgeklärt würden.

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„Das ist ein Punkt, der uns wirklich nervt: Wir werden bestraft, weil jemand am Leipziger Hauptbahnhof eine Ananas geklaut hat, der darf dann in Freiburg nicht ins Stadion“, meint „Lehmi“. „Da heißt es dann immer, wir hätten Schaden am Fußball verursacht. Der Franz Beckenbauer und seine ganze Rasselbande haben so viel Schaden am Fußball hinterlassen und die rocken jetzt noch jeden Vip-Bereich.“

Ein Stadionverbot hat sich Beckenbauer selbst auferlegt und sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, seit der Skandal um dubiose Millionenzahlungen im Zuge der WM 2006 publik geworden ist.

In dem Gespräch kritisiert „Lehmi“, dass es nicht mehr um den Sport gehe. „Alle schauen nur noch, wo die meiste Kohle abgeholt werden kann. Verbände, Vereine, Spieler, alle.“ Seine These: „Der Fußball glaubt im Moment, dass es für ihn immer so weitergeht. Aber er überdreht, irgendwann wenden die Leute sich ab.“ Sein Vorschlag: „Ideal wäre es, wenn jeder Verein in etwa das gleiche Geld zur Verfügung hätte, sodass theoretisch jeder Meister werden kann.“ Man wisse schon jetzt, wie die Bundesliga-Saison ungefähr verlaufen wird. „Aber wie geil wäre es, wenn Bayern München mal nur 14. wird?“ Den Einwand, der Rekordmeister hätte sich seinen Vorsprung redlich erwirtschaftet, konterte der Dresdner: „Dann können die gerne ihre eigene Liga aufmachen mit Manchester und Real und Barcelona. Aber uns Kleine in Ruhe lassen.“ Übrigens waren die Bayern vor gut zwei Jahren zu Gast in Dresden, Dynamo verlor zwar mit 1:3, machte mit dem Benefizspiel aber 1,2 Millionen Euro Gewinn - eine beträchtliche Summe, die in die Rückzahlung des Kölmel-Darlehens eingeflossen ist.

Deutschlandweit protestieren Fans gerade gegen den Deutschen Fußball-Bund. „Lehmi“ spricht weitere Kritikpunkte an wie auseinandergerissene Spieltage und unfreundliche Anstoßzeiten. „Der Auswärtsfahrer ist am Arsch, weil er zwei Tage Urlaub einreichen kann.“ Oder die Relegationsspiele. „So ein Dreck!“ Zudem gebe es „eine völlig intransparente Sportgerichtsbarkeit, in der Ankläger und Richter quasi eine Person“ seien. Die Ankündigung von DFB-Präsident Reinhard Grindel, vorerst auf Kollektivstrafen zu verzichten, habe alle überrascht. „Aber bislang ist das nicht mehr als eine Empfehlung an die Sportgerichtsbarkeit, mehr nicht.“

Der Interviewer fragt auch nach der Aktion in Karlsruhe, als Dynamo-Fans in Military-T-Shirts dem DFB plakativ den Krieg erklärt hatten. Die Geschmacklosigkeit, behauptet „Lehmi“ sei von der Presse ausgegangen, „die seit Jahren bürgerkriegsähnliche Zustände heraufbeschwört, auch wenn nur einer im Stadion falsch furzt.“ In Karlsruhe waren Polizisten und Ordner leicht verletzt und an Imbissständen Getränke geklaut worden, woraufhin der gastgebende Verein die Versorgung im Gästeblock einstellte. Die Erklärung von „Lehmi“: „Prinzipiell fahren wir nicht mit 2 000 Akademikern zum Fußball. Die kannst du nicht alle einfangen. Das ist ein Irrglaube. Beim Fußball gibt’s auch viele, wo du sagst, was soll denn der Scheiß? In so ’nem Block steht halt der Querschnitt der Gesellschaft und oft entwickeln sich an so einem Tag Dinge, mit denen man im Vorfeld nicht gerechnet hätte.“ Er habe nachgefragt, die Verletzten konnten ihren Dienst beenden und die schwerste Verletzung wurde einem Polizisten durch sein eigenes Pferd beigebracht. „Die Plünderung der Bierwagen ging von zwei Typen aus, die ein paar Bierkästen geklaut haben. So was passiert wahrscheinlich auf jedem Dorffest, aber in der Zeitung steht was von Plünderungen und den Leuten kommen sofort irgendwelche Bilder aus Krisengebieten in den Sinn.“ Sein Fazit: „Die Medien ordnen die Geschehnisse unserer Meinung nach nicht seriös ein.“

Die Sächsische Zeitung hatte nach den Vorfällen in Karlsruhe kritisch berichtet und dabei auch bei den Ultras um ein Interview gebeten. Das wurde nicht gewährt, stattdessen eine Stellungnahme veröffentlicht, aus der die SZ ausführlich zitiert hat.