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Stadtrat reißt Geduldsfaden

Die erneute Verschärfung der Lage im Straßenverkehr war selbst für Räte zu viel. Den Görlitzern bleibt nur noch Galgenhumor.

© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Sebastian Beutler

Ein solches Verkehrschaos will Günter Friedrich noch nie erlebt haben. Wie an diesem Mittwoch. Wer in Richtung Brautwiesenplatz wollte, stand schon auf der Schillerstraße im Stau. Wer in Richtung Zentrum fuhr, für den begann der Stop-and-Go-Verkehr auf der Blockhausstraße. „Was sich in Görlitz im Berufsverkehr abspielt“, so sagte der Stadtrat der Wählervereinigung „Bürger für Görlitz“ am Donnerstag im Görlitzer Stadtrat, „das sei unglaublich“. Dabei räumte Friedrich durchaus ein, „dass gebaut werden muss. Aber was sich auf den Straßen abspielt, da greift man sich an den Kopf“. Friedrich sprach von Chaos. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“.

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Nun herrscht dieses Gefühl des Chaos’ nicht erst seit dieser Woche. Die Stadt hat in diesem Jahr das gesamte Görlitzer Zentrum mit den Baustellen Demianiplatz, Postplatz und Kahlbaumallee gelähmt. Die Stadtwerke kommen bei ihren wiederum nicht so voran, wie sie das einmal geplant haben. Da steht auch schon mal eine Baustelle den Sommer über still wie auf der Krölstraße, weil es Unvorhergesehenes gibt. Das, räumen Kritiker ein, könne zwar immer mal passieren. Bei den Stadtwerken geschieht es freilich öfter.

Die Bautermine sind also schon eng genug gestrickt. Wenn sich dann aber noch Unglücke ereignen, wie im Sommer der tödliche Unfall auf der A4, als sich die polnischen Brummis durch die Innenstadt quälten, steht der Verkehr praktisch still.

Die Folge der geplanten und ungeplanten Bauvorhaben: Der ausgeklügelte Plan der nacheinander ablaufenden Baustellen funktioniert nicht mehr. Statt dessen laufen Vorhaben parallel, die ursprünglich schon abgeschlossen oder noch gar nicht begonnen wurden. Bürgermeister Michael Wieler – wie Friedrich von den „Bürgern für Görlitz“ – räumte daher im Stadtrat ein: „Nicht jedes Chaos ist von der Stadt geplant“. Teilweise würde die Stadt auch nur kurzfristig von den Arbeiten Dritter Kenntnis bekommen. Er nannte dafür die Deutsche Telekom, die eigene Grabegenehmigungen hat.

Doch die Telekom ist es gar nicht, die für die plötzlichen Probleme in dieser Woche sorgt. In diesem Fall sind es die Stadt und die Stadtwerke. Denn während die Stadt noch am Postplatz baut und sich der ganze Durchgangsverkehr aus dem Zentrum über die untere Jakobstraße und den Wilhelmsplatz schiebt, haben die Stadtwerke mit Arbeiten an ihrem Wassernetz begonnen. Ausgerechnet am Wilhelmsplatz, wo doch schon der Verkehr vom Postplatz landet. Planmäßig – wie es in einer Pressemitteilung des Versorgers heißt. Die Folge: Die Durchfahrt auf dem Wilhelmsplatz von der Augusta- zur Hospitalstraße ist gesperrt. Wer jetzt vom Postplatz zur Hospitalstraße will, fährt untere Jakobstraße, rund um den Wilhelmsplatz, dann biegt er aber in die Augustastraße ein. Von dort geht es über die Bahnhofstraße und die obere Jakobstraße tatsächlich und mit ein bisschen Glück in die Hospitalstraße . Nun ist die angespannte Verkehrslage in der Innenstadt in diesem Jahr kein Görlitzer Phänomen. Auch die Einwohner von Bautzen und Löbau beispielsweise klagen. Überall werden die zusätzlichen Fördermittel von Bund und Land verbaut, was wiederum die Umleitungsstrecken verringert. Es gibt einfach immer weniger Straßen, auf denen nichts gebaut wird und die noch den umzuleitenden Verkehr aufnehmen können. Die neuerlichen Baustellen haben auch in den sozialen Netzwerken Reaktionen hervorgerufen. Neben den üblichen Verkehrschaos-Vorwürfen an die Adresse der Stadt mehren sich nun die Äußerungen, bei denen nur noch Galgenhumor eine Rolle spielt. So schrieb einer Mittwochfrüh, nach den Stoßzeiten im Berufsverkehr: „8.19 Uhr: Bestimmt sitzen die Görlitzer Verkehrsplaner wieder bei ihrer morgendlichen Flasche Rotkäppchen und einer Packung ,Edle Tropfen in Nuss’ in einem kleinen fensterlosen Büro zusammen, hauen sich vor Lachen auf die Schenkel und planen für morgen den nächsten großen Coup.“ Und ein anderer schrieb: „Liebe Experten der Stadt Görlitz. Meine Frage: Warum sanieren Sie diese Stadt zu Tode? Heute neu: Einseitige Sperrung Wilhelmsplatz. Es ist doch schon Chaos! Schicken Sie doch bitte mal Ihre Mitarbeiter an die frische Luft, damit sie sehen, was uns Bürgern jeden Tag zugemutet wird!“

Wieler wollte Friedrichs Klage nun noch einmal mit den Fachleuten im Rathaus besprechen. Hoffnung auf Abhilfe machte der Bürgermeister nicht.