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Stahl, Glas und Sandstein

Vor 120 Jahren ist der erste Zug in den Dresdner Hauptbahnhof eingefahren. Ein bemerkenswerter Bau.

© Sammlung Holger Naumann

Von Ralf Hübner

Er gilt als einer der schönsten Bahnhöfe Deutschlands. Vor 120 Jahren war am 16. April 1898 nach fünfjähriger Bauzeit zu morgendlicher Stunde um 2.08 Uhr von Leipzig kommend der 101 als erster Zug in die Südhalle des neu eröffneten Dresdner Hauptbahnhofs eingefahren. Dessen Größe, Pracht und Weitläufigkeit muss die Dresdner fast überfordert haben. „Am ersten Tage der Benutzung des neuen Personen-Hauptbahnhofes ist es auf demselben infolge seiner gewaltigen Ausdehnung zu einem erheblichen Wirrwarr unter den Reisenden gekommen, sodass vielfach die Abgangszeiten der Züge versäumt wurden und andere Unzuträglichkeiten entstanden“, schrieben damals die Dresdner Nachrichten.

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Durch den Bau der Sächsisch-Schlesischen (1847) und der Sächsisch-Böhmischen Eisenbahn (1851) war Dresden zu einem Eisenbahnknoten geworden. Die Marienbrücke (1852) ermöglichte den Durchgangsverkehr zu den Bahnhöfen. Damals begann ein fast 50 Jahre dauernder Streit, welcher zum Hauptbahnhof werden sollte.

Etwa an der Stelle des jetzigen Hauptbahnhofes, an der gerade entstehenden Prager Straße, stand seit 1851 zunächst der Böhmische Bahnhof, ein provisorischer, eher schuppenartiger Bau. Deshalb wurde 1864 etwas weiter westlich neu gebaut. Dort kam auch der Personenverkehr aus Chemnitz an. Der Ausflugsverkehr in den Tharandter Wald nahm zu. Der Böhmische Bahnhof wurde so der am meisten frequentierte in der Stadt.

In jenen Jahren wuchs Dresden zur Großstadt heran. Die Zahl der Einwohner stieg allein von 1839 bis 1890 von 80 000 auf etwa 280 000.

Als 1888 das letzte private Eisenbahnunternehmen in staatliche Hand gelangt war, wurden im großen Stil Bahnstrecken verknüpft und Bahnhöfe gebaut. 1892 wurde für den Hauptbahnhof ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Geplant war eine Kombination aus Kopf- und Durchgangsbahnhof. 23 Architekturbüros beteiligten sich. Die Dresdner Bauräte Ernst Giese und Paul Weidner sowie der Leipziger Arwed Rossbach gewannen je einen ersten Preis. In den Bau flossen Elemente beider Entwürfe ein.

Schon 1890 war damit begonnen worden, die vormals ebenerdigen Gleise der Eisenbahn auf einen Damm hochzulegen. Der Bau des Bahnhofs selbst mit den großen Erdbewegungen übertraf alles bis dahin in Dresden Gesehene. Es entstand eine Kombination aus Stahl, Glas und Sandstein. Der Fahrgast betrat den Bahnhof über eine 25 Meter hohe Kuppelhalle. Über dem Hauptportal thronte die Skulptur der Saxonia mit Herrscherstab und Schild, flankiert von Wissenschaft und Technik. Deckenmalereien, Wappen und Wandbilder bestimmten das Innere. Die imposante Mittelhalle mit einer Stützweite von 59 Metern gehörte zu den größten ihrer Art in Deutschland. Die Wartesäle der ersten und zweiten Klasse zierten große Wandbilder aus Porzellanfliesen. Bis 1966 gab es Bahnsteigsperren. Die Bahnsteige durften nur mit Fahrkarte oder Bahnsteigkarte betreten werden. Die Baukosten betrugen 18 Millionen Mark; das entspricht einem Gegenwert von etwa 320 Millionen Euro.

Am nordöstlichen Wiener Platz wurde der Königspavillon für die allerhöchsten Herrschaften errichtet. Später diente er als Fahrkartenausgabe, dann ab 1950 als Kino mit 180 Plätzen. Die Eröffnung des Bahnhofs 1898 war von einem kleinen Eklat überschattet. Denn bei der offiziellen Besichtigung durch König Albert und Gattin Carola einige Tage zuvor waren die Ratsmitglieder der Stadt nicht eingeladen worden. Bei der Zerstörung der Stadt im
Zweiten Weltkrieg 1945 brannte der Bahnhof vollständig aus. In dessen Luftschutzkeller starben etwa 750 Menschen. Am 13. Mai 1950 wurde der wiederaufgebaute Bahnhof wiedereröffnet.

1989 wurde am Hauptbahnhof Geschichte geschrieben. In der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober fuhren sechs sogenannte Flüchtlingszüge von Prag über Dresden in den Westen. In den Folgetagen kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, an denen bis zu 20 000 Demonstranten beteiligt gewesen sein sollen.

Von 1997 bis 2006 wurde das Gebäude unter Federführung des britischen Stararchitekten Lord Norman Forster für rund 250 Millionen Euro saniert und fällt seither vor allem durch das Dach aus einer lichtdurchlässigen Glasfaser-Teflon-Membran über der Haupthalle auf. Rund 60 000 Reisende passieren den Bahnhof täglich.