merken

Stahlindustrie muss die Glut neu entfachen

Die Branche schwächelt – Sparprogramme und ein Kapazitätsabbau sollen helfen.

© kairospress

Von Erik Nebel

Geplagt von Überkapazitäten, Preisdruck und Verlusten wartet die Stahlbranche weiter auf eine grundlegende Erholung. Zuletzt hätten sich die Anzeichen verdichtet, dass die wirtschaftliche Talsohle durchschritten ist, sagte jüngst der Chef der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff. Er rechnet damit, dass sich die Stahlkonjunktur im kommenden Jahr zumindest moderat erholen wird. Der Präsident des europäischen Branchenverbands Eurofer, Wolfgang Eder, ist noch skeptisch: „Ob wir endlich eine etwas beständigere Erholung bekommen, wird sich nach dem ersten Quartal zeigen.“

Anzeige
Ab 2021 Ökostrom für Dresdner Bahnen
Ab 2021 Ökostrom für Dresdner Bahnen

Klimaneutral mobil: Ab 2021 bestellen die DVB nur noch Ökostrom. Dann werden die Straßenbahnen mit 100 Prozent sauberer Energie angetrieben.

Noch hat die Stahlbranche den Einbruch nach der Finanzkrise nicht wettgemacht. Europaweit liegt die Stahlnachfrage weiter 30 Prozent unter dem Wert des Boomjahres 2007, heißt es bei den Branchenverbänden. Nach Ansicht vieler Branchenexperten hat die Industrie darauf bislang nicht adäquat reagiert. Immer noch lasten zu viele Kapazitäten auf dem Markt. Von den gut 230 Millionen Tonnen, die pro Jahr in Europa hergestellt werden können, werden den Experten zufolge mindestens 30 Millionen nicht gebraucht. Das drückt auf die Preise.

Dabei ist die Industrie in Deutschland dank der guten Wirtschaftslage hierzulande noch vergleichsweise gut dran. Die Anlagen sind Angaben der Branche zufolge bis zu 83 Prozent ausgelastet. Davon können die Produzenten in anderen Ländern nur träumen. Doch die Stahlhütten verdienen kaum noch Geld. Die Rohstoffkosten sind bei Weitem nicht so stark gesunken wie die Verkaufspreise. Zudem klagen die Unternehmen über im internationalen Vergleich hohe Energiekosten.

Die schwache Nachfrage rührt auch daher, dass sich viele Stahlhändler und -verarbeiter seit der Wirtschaftskrise extrem vorsichtig verhalten. Um nicht noch einmal mit vollen Lagern in einen Abschwung zu rutschen, halten sie extrem niedrige Vorräte. Darin sehen die Hütten nach wie vor eine große Chance. Denn: Wer wenig Vorräte hat, muss im Fall eines Aufschwungs besonders viel bestellen. Doch bewahrheitet hat sich diese Hoffnung in den vergangenen beiden Jahren nicht.

Inzwischen ist auch den deutschen Stahlkonzernen der Geduldsfaden gerissen. Statt einfach auf bessere Zeiten zu hoffen, wollen sie nun auch aus eigener Kraft versuchen, das Ruder herumzureißen. Sie haben schmerzhafte Sparprogramme aufgelegt. So fallen etwa bei Salzgitter 1.500 Stellen weg, bei ThyssenKrupp 2.000.

Gleichwohl stellt der in die Krise geratene Konzern, der sich erst Anfang des Monats mit einer Kapitalerhöhung Luft verschaffen musste, die Stahlproduktion an sich nicht infrage. Vorstandschef Heinrich Hiesinger betonte, dass das europäische Stahlgeschäft nicht zum Verkauf stehe. Die Sparte verdiene trotz aller Schwierigkeiten Geld: Im Geschäftsjahr 2012/13 vor Zinsen und Steuern immerhin noch 143 Millionen Euro – das sind gleichwohl 42 Prozent weniger als im Vorjahr.

Beim Abbau der Produktionskapazitäten machen Salzgitter und ThyssenKrupp indes mit. Sie sollen 2014 in Deutschland von 53,9 Millionen Tonnen auf 52,5 Millionen Tonnen sinken. Dabei sieht die Branche hierzulande eigentlich eher andere in der Pflicht und zeigt auf Länder in Süd- und Osteuropa. Ein Abbau von Mitarbeitern in der Stahlindustrie löst häufig starke Proteste aus. Oftmals sieht sich die Politik dann in der Pflicht, den Beschäftigten in der Traditionsbranche beizuspringen.

So geht es nur mühsam voran. 2013 etwa wurden in Europa gerade einmal sieben Millionen von 240 Millionen Tonnen Kapazität dauerhaft stillgelegt. Ein Großteil davon geht auf das Konto von Weltmarktführer ArcelorMittal, der vier Hochöfen in Frankreich und Belgien abschaltete. Mehr wollen die Luxemburger aber erst einmal nicht dichtmachen und produzieren stattdessen mit den anderen Anlagen trotz Verlusten fast am Anschlag. Viele in der Branche sehen darin ein Zeichen für den harten Wettbewerb – die Schwachen sollen vom Markt verdrängt werden. Doch gelungen ist das bislang nicht. Darunter leiden alle. Deshalb wird der Ruf lauter, dass die Branche sich – unter Koordinierung der Europäischen Union – auf einen Kapazitätsabbau verständigt. (dpa)