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Stahlwerk hat Energiesorgen

Der Strom wird teurer und teurer. Dabei setzt man in Riesa schon auf ein Pilotprojekt.

© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

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Riesa. Es rumpelt. Der Boden vibriert. Hinter der Schutzverglasung schlagen Flammen hervor, es raucht, Funken sprühen. Immerhin: In der klimatisierten Messwarte des Riesaer Stahlwerks herrschen erträgliche Temperaturen. Die Besuchertruppe mit den gelben Schutzhelmen ist dennoch ins Schwitzen gekommen. Beim Fußweg durch die heiße Halle reichen wenige Treppenstufen, damit der Schweiß auf der Stirn steht. Kein Wunder: Gleich nebenan wird im Elektrolichtbogenofen Schrott auf gut 1 600 Grad Celsius erhitzt, um wieder zu neuem Stahl gegossen zu werden.

Das braucht Energie. Viel Energie. Und das bringt – im übertragenen Sinne – auch Werkleiter Frank Jürgen Schaefer ins Schwitzen. Die Stromkosten sind ein Hauptthema bei den Gesprächen mit der Delegation, die jetzt im Stahlwerk unterwegs war. Fachjournalisten etwa vom Handelsblatt oder Steel First sind darunter, Vertreter der Wirtschaftsvereinigung Stahl, von Stahlwerken aus Duisburg und Freital. Sie interessieren sich sehr für das Pilotprojekt der Riesaer, anfallenden heißen Dampf an die Stadtwerke zu liefern und außerdem selbst damit Strom zu erzeugen.

„Kann man damit Geld verdienen?“, fragt ein Stahl-Fachmann aus Westdeutschland. „Ein bisschen was“, antwortet Werkleiter Schaefer. Da fragt auch die Fachpresse nach – zumal Feralpi nach eigenen Angaben bislang das einzige Stahlwerk in Deutschland ist, das Dampf verkauft und gleichzeitig Strom damit erzeugt. Die Frage allerdings ist, wie lange sich das noch lohnt. „Wenn wir auch für selbst erzeugten Strom die Erneuerbare-Energien-Umlage zahlen müssten, würden wir die Anlage abbauen und in einem nicht-deutschen Land neu installieren“, sagt Frank Jürgen Schaefer. Denn dort funktioniere die Physik genauso – aber die teure EEG-Umlage gelte nicht. „Deshalb wird in Deutschland auch nicht mehr in solche Anlagen investiert, weil Neubauten nicht davon befreit sind.“ Dabei würde bei diesem Verfahren – anders als bei anderen weiterhin geförderten Anlagen – kein zusätzliches Kohlendioxid anfallen. So müsse man mit anderen Verfahren versuchen, Energie einzusparen.

Warnung vor schmutzigem Stahl

Und der Kostendruck wächst: Laut Feralpi drückt neben China vor allem ein großes Stahlwerk in Weißrussland mit Produkten auf den deutschen Markt. „Wir brauchen faire Bedingungen! Schließlich gelten hier strenge Auflagen, während anderswo Umweltbelastungen keine Rolle spielen.“ Das sieht auch Jens Reichel von den Hüttenwerken Krupp Mannesmann in Düsseldorf so. „In China etwa fallen 40 Prozent mehr Kohlendioxid bei der Produktion an. Wir holen uns damit schmutzigen Stahl nach Europa!“ Faire Bedingungen seien nur auf eine Weise möglich, sagt Schaefer: „Das geht nur mit Zöllen.“

Bislang werfe China in Deutschland Stahl zu Preisen auf den Markt, zu denen man hier nicht einmal die Rohstoffe kaufen könne, sagt Jens Reichel. Dabei könne etwas nicht stimmen: Denn die Öfen würden in China ähnlich viel kosten wie in Europa, die Rohstoffe genau dasselbe. Schon jetzt besitze China zwei Drittel der weltweiten Stahlerzeugungs-Kapazität, gleichzeitig unerschöpfliche Staatsfinanzen. „Das hat mit Marktwirtschaft nichts mehr zu tun.“ Zur Not müssten die deutschen Stahlwerke ihre Belegschaften mobilisieren und auf die Straße gehen.

Sönke Winterhager von den Freitaler Edelstahlwerken sieht den Stahlimport ebenfalls kritisch. „An der Solarindustrie sieht man, wie die chinesische Strategie aufgeht: Erst wird der Herstellermarkt plattgemacht, dann kann man die eigenen Solarzellen teurer verkaufen als vorher.“ Das lasse sich leicht auf andere Branchen übertragen. Dass durch die Energiewende die Stromkosten tendenziell weiter steigen, mache die Sache nicht einfacher.

Frank Jürgen Schaefer hat dabei einen sehnlichen Wunsch: Man möge wenigstens in Deutschland die Netzkosten vereinheitlichen. Derzeit zahlt man in Nord- und Ostdeutschland deutlich mehr pro Kilowattstunde als in Süddeutschland. Der Hauptgrund: Hier stehen mehr Windräder. Weil diese auch bezahlt werden müssen, wenn sie keinen Strom produzieren, fallen höhere Netzentgelte an.