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Starthilfe für ein selbstständiges Leben

Josefine hat es bisher nicht immer leicht gehabt in ihrem Leben. Nun lebt sie mit 18 Jahren glücklich in ihrer ersten eigenen Wohnung. Die Stiftung Lichtblick hilft ihr bei den ersten Anschaffungen.

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Von Jörg Marschner

Manchmal, wenn Josefine am nächsten Morgen nicht raus muss zur Ausbildung, sitzt sie die ganze Nacht an ihrem Schreibtisch und zeichnet. Meistens Mangas, japanische Comic-Figuren. „Nachts kommen mir die besten Ideen“, sagt sie. Nur Bubi und Charly, die beiden Sittiche, melden sich dann hin und wieder mal kurz, sonst herrscht Ruhe und nichts lenkt die junge Dresdnerin ab in ihrer Einraumwohnung im Westen der Stadt. Gerade mal 18 ist sie und strahlt viel Ruhe und Souveränität aus. Sie weiß, was sie will, und dafür setzt sie sich ein. „Ich bin jetzt ziemlich zufrieden; die innere Unruhe, die ich lange hatte, ist weg“, sagt die junge zierliche Frau mit den schulterlangen dunklen Haaren über sich.

Das war nicht immer so. Es sind keine Tragödien, die Josefine in ihrer Kindheit und Jugend erleben musste, aber doch immerhin Einschnitte, Konflikte. Der Vater verließ die Familie schon vor vielen Jahren. Die Mutter musste alles allein schultern, war mal arbeitslos, es kam zu Spannungen und auch zu einer gewissen Entfremdung.

Als sich die Mutter vor zwei Jahren nach längerer ergebnisloser Suche in Dresden und Umgebung entschied, wegen eines Jobs nach Bayern zu gehen, sagte Josefine klipp und klar: „Ich geh nicht mit.“ Sie wollte in Dresden bleiben. Hier hatte sie ihre Freundinnen, die ihr viel bedeuteten und die vertraute Schule, in der sie sich viel Mühe gab. Die Mutter konnte noch so sehr dagegen anreden, ihre Tochter ließ sich nicht abbringen von ihrem Willen: „Ich geh nicht mit.“

Als sie endlich ins Trampolin, eine betreute Wohngruppe des Deutschen Kinderschutzbundes Dresden ziehen konnte, war sie froh. Erzieherin Renate Schaarschmidt, die Josefines Situation gut kannte, meint: „Das war die beste Lösung. Es ging zu Hause einfach nicht mehr, die Spannungen waren zu groß, die Beziehungen zwischen Mutter und Tochter doch erheblich gestört.“ Josefine lebte nun mit sechs anderen Kindern und Jugendlichen zusammen, alle aus „Familien mit chronischen Belastungen“.

Auswahl nach Talent

Manchmal gab es Zoff und Streit in der WG, und Josefine musste lernen, mit Konflikten umzugehen, was nicht leicht war. Sie habe sich gut stabilisiert, meint Renate Schaarschmidt. Josefine hebt eher hervor, was ihr besonders gefiel und was sie jetzt ein bisschen vermisst. „Wir haben aber viel gemeinsam unternommen, Ausflüge, Wanderungen, das war schön.“

Sie schloss erfolgreich die Realschule ab, hatte Glück bei der Ausbildungssuche. Aber was heißt hier Glück. Josefine hatte sich an der Semper-Schule zur Ausbildung als Gestaltungstechnische Assistentin angemeldet. Sie wurde zum Eignungstest eingeladen, musste mit anderen acht Stunden nach eigenen Ideen zeichnen und malen – und wurde noch am gleichen Tag angenommen. „Die Schule geht bei ihrer Auswahl nach dem Talent“, sagt Josefine. Noch im August begann sie ihre Ausbildung. „Die sind dort alle gut drauf, sehr aufgeschlossen und hilfsbereit.“

Die Freude über den Schulabschluss und die wunschgemäße Ausbildungsstelle konnte die innere Unruhe in Josefine nicht ausräumen. „Wenn ich 18 bin, muss ich raus aus der WG“, das war ihr schon lange klar. Schließlich war sie beim Kinderschutzbund. Aber wohin nun? Und wie sollte sie sich einrichten? Die Wohnungssuche brachte Tiefschläge. Schließlich klappte es doch mit einer kleinen Ein-Raum-Wohnung in Dresden.

Josefine stellte eine Liste auf, was sie hatte und was sie brauchte für ihr Domizil. Von der Mutter bekam sie eine kleine Schrankwand und einen Schreibtisch. Mehr war nicht möglich. Nach einer chronischen Erkrankung lebt die Mutter von Hartz IV. Eine Mitarbeiterin des Kinderschutzbundes überließ Josefine für zehn Euro einen gut erhaltenen Kühlschrank. Das war’s dann aber auch schon. Alles andere – Tisch, Schlafcouch, Kleiderschrank, Kocher, Spüle, Hängeschränkchen für die Küche, Arbeitsplatte – fehlten. Der Kinderschutzbund hat dafür kein Geld. Das Jugendamt hilft zwar mit ein bisschen Startgeld – aber zu wenig für eine Wohnungseinrichtung. „Hätte Lichtblick nicht so schnell und unbürokratisch geholfen, säße Josefine jetzt in einer Wohnung fast ohne Möbel“, sagt Renate Schaarschmidt.

Mit der Lichtblick-Hilfe konnte Josefine bei einem Möbeldiscounter kaufen, was sie brauchte. Als sie eingerichtet war. setzte sie sich an den Schreibtisch und brachte ein Manga zu Papier. „Mit dem möchte ich allen Spendern Danke sagen; ich hätte eine solche Hilfe nie für möglich gehalten.“

Mangas als Leidenschaft

Seit dem Auszug aus der WG ist Josefine nun für alles komplett selbst verantwortlich. Das ist wieder ein neuer Schritt, bei dem ihr Renate Schaarschmidt, mit der sie sich gut versteht, hilft. Nachbetreuung heißt das. Josefine bekommt jetzt BaföG und dazu das Kindergeld. Sie muss genau planen, was ihr noch bleibt nach Miete, Schulgeld und den üblichen anderen festen Kosten. Viel ist das nicht. „Ich bin sparsam, ich komm hin“.

Nur eins will sich Josefine unbedingt anschaffen: einen Internetanschluss für ihren alten Computer. Dann könnte sie auf einer bestimmten Seite ihre Mangas ins Netz stellen – und wer weiß, „vielleicht werde ich von einem Verlag, der Mangabücher herausgibt, entdeckt“, sagt Josefine und lacht. Jedenfalls kennt sie die Geschichte eines Mädchens, der das passiert ist. „Und wenn nicht, ist das auch gut für meine Ausbildung.“ Sie will eine gute Grafik-Designerin werden.