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Steilpass aus dem Abseits

Die Rücktrittserklärung von Mesut Özil setzt DFB-Präsident Grindel unter Druck – und wirft viele Fragen auf.

© dpa/Michael Hanschke

Von Sven Geisler, Tino Meyer und Annette Binninger

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Mesut Özil lächelt. Nach seinem Rücktritt aus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ist der 29-Jährige mit seinem englischen Klub, dem FC Arsenal, auf einer Südostasien-Tour unterwegs. Auf den Fotos und Videos, die der Verein verbreitet, wirkt er befreit von einer Zentnerlast. Eine weitere Stellungnahme zur am Sonntag häppchenweise servierten Abrechnung mit „diversen deutschen Zeitungen“, dem DFB und speziell dessen Präsidenten Reinhard Grindel lehnt er ab. Es sei alles gesagt, ließ Özil ausrichten. Jetzt wolle er sich wieder auf den Fußball konzentrieren. Als ob das so einfach wäre. Seine Erklärung hat Fragen aufgeworfen, die Antworten erfordern eine kontroverse Diskussion.

Warum hat sich Özil jetzt und in dieser Form zur „Erdogan-Affäre“ geäußert?

Özil hat sich – anders als sein Kollege Ilkay Gündogan – geweigert, sich zu den Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan öffentlich zu äußern. Das wurde vom DFB zunächst akzeptiert und nach außen unterstützt. Nach dem historisch frühen Ausscheiden bei der WM in Russland forderten ihn aber DFB-Präsident Reinhard Grindel und Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff dazu auf.

Mit einer solchen Attacke hatten sie sicher nicht gerechnet. Özil hat bewusst die Internetplattformen für seine harsche Kritik gewählt. Mit insgesamt knapp 72 Millionen Followern erzielt er die größtmögliche Wirkung. Zudem vermeidet der interviewscheue Özil mit seiner schriftlichen Erklärung jegliche Nachfragen. Seine Worte wirken erst einmal für sich. Es war ihm – mindestens aber seinen Beratern – bewusst, dass er die Schlagzeilen des Sonntags bestimmt, indem er sein Statement in drei Teilen veröffentlicht – mit dem Rücktritt als dramaturgischem Schlusspunkt.

Kritiker werfen Özil vor, er habe sich zu spät geäußert. Seine Vorwürfe – unter anderem gegen die Medien – seien zudem pauschal. Wenn er Beispiele genannt und sich einer Diskussion gestellt hätte, gäbe es eindeutig einen Nutzwert, meint Frank Überall, Vorsitzender des Deutschen Journalistenverbandes. „So aber sieht das nach Dampfablassen aus. Das mag ihm nützen, lässt aber alle anderen ratlos zurück.“

Was heißt das jetzt für DFB-Präsident Grindel: Muss er zurücktreten?

Özils Vorwürfe gegen Grindel sind schwerwiegend. Demnach wollte der DFB-Präsident beim Treffen im Mai seine Gründe für das Treffen mit Erdogan nicht hören, sondern sei „vielmehr daran interessiert“ gewesen, „über seine eigenen politischen Absichten zu sprechen, und meine Meinung herabzusetzen“. Wenn das stimmt, liegt da eine wesentliche Ursache für den falschen Umgang mit der Affäre. In seiner Stellungnahme vom Montag räumt der DFB „selbstkritisch“ Fehler ein – ohne diese konkret zu benennen.

„Die Kommunikation des DFB war grottenschlecht, diese Kommunikation hat ja nicht stattgefunden“, sagte der Kommunikationsexperte Christoph Schwab aus Köln. Seine Schlussfolgerung: „Jetzt müssen natürlich Konsequenzen folgen, und der DFB steht in schwerster Kritik.“ Grindel muss als Präsident die Verantwortung übernehmen für das Bild, das der Verband derzeit abgibt. Der „Fall Özil“ ist dabei nur ein Puzzleteil. Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des FC Bayern München, schimpfte vorigen Freitag, der DFB sei „nur noch durchsetzt von Amateuren“. Das zielte auch auf Grindel, der für die CDU im Bundestag saß, bevor er 2016 zum Chef des weltweit mitgliederstärksten Sportfachverbandes gewählt wurde.

Inzwischen wird seine Zukunft an der DFB-Spitze mit einem Erfolg der Bewerbung um die Europameisterschaft 2024 verknüpft. Die Entscheidung über die Vergabe des Turniers soll am 27. September fallen. Dabei stört die Özil-Debatte. Einziger Konkurrent: die Türkei.

Hat die Nationalmannschaft ein Problem mit der Integration?

Nein, sie ist vielmehr ein Weltmeister der Integration. Zur WM 2010 in Südafrika hatten elf von 23 Spielern ausländische Wurzeln, zum Beispiel der Brasilianer Cacau, seit 2016 Integrationsbeauftragter des DFB. In der Mannschaft gibt es kein Problem. Weltmeister sind 2014 wie Özil auch Miroslav Klose und Lukas Podolski geworden. Diese würden nie als Deutsch-Polen bezeichnet, während er ein Deutsch-Türke sei, schreibt Özil und mutmaßt: „Ist es so, weil es die Türkei ist? Ist es so, weil ich Muslim bin?“ Sein Vorwurf richtet sich jedoch nicht gegen die Mitspieler, sondern ist an die Gesellschaft gerichtet.

Gibt es ein Rassismus-Problem im deutschen Fußball?

Immer wieder werden Spieler der jeweils gegnerischen Mannschaft von Fans rassistisch beschimpft. Vor sechs Jahren ist Mikael Poté von Dynamo Dresden bei einem Pokalspiel in Chemnitz mit Affenlauten beleidigt worden. Das ist eine andere Ebene. Özil prangert an, durch den DFB nicht ausreichend geschützt worden zu sein, anders als beispielsweise Jerome Boateng. Der Nationalspieler mit ghanaischen Wurzeln war 2016 von AfD-Politiker Alexander Gauland propagandistisch missbraucht worden. „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut. Aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“, sagte Gauland. Danach gab es eine gesellschaftliche Solidaritätsbewegung pro Boateng.

Der hat sich mit einer kurzen Botschaft an Özil gemeldet: „Es war mir eine Freude, Abi“, schrieb er bei Twitter. Abi ist das türkische Wort für Bruder. Aus der Fußballszene gibt es wenige Reaktionen, auch Bundestrainer Joachim Löw hat sich bisher nicht geäußert.

Was bedeutet Özils Entscheidung für die Nationalelf aus sportlicher Sicht?

Für Uli Hoeneß ist das klar: „Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt“, mosert der Präsident des FC Bayern – und weiter: „Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen.“

Dagegen steht Özils Statistik: 92 Länderspiele, 23 Tore. Löw hat auf ihn gesetzt, weil er ihm die eine spielentscheidende Aktion zutraute. Die hat der technisch beschlagene Mittelfeldspieler zuletzt jedoch in der Auswahl immer seltener gezeigt. Deshalb war er einer von mehreren Streichkandidaten vor dem Neuanfang.

Was bedeutet Özils Erklärung für die Integration in Deutschland?

Özil befeuert mit seiner harten, pauschalen Kritik die Debatte über Rassismus und Integration in Deutschland, zugleich erschwert er aber auch eine differenzierte Auseinandersetzung über genau diese wichtigen Themen. Denn jetzt vermischt sich alles mitten im „Sommerloch“ zu einem undefinierbaren Brei: Kritik am DFB im Allgemeinen, an seiner fehlenden Krisenkommunikation nach der Erdogan-Affäre, die Vorwürfe gegen einzelne Funktionäre wie Präsident Grindel, pauschale Rassismus-Vorwürfe – und damit scheint mal eben über Nacht die gesamte Integrationsarbeit in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten infrage gestellt. Ungewollt gibt Özil allen rechtspopulistischen Kräften eine Steilvorlage, die verstärkt gegen muslimische Zuwanderer hetzen.

Auf wessen Seite stellt sich „die Politik“ in dieser Auseinandersetzung?

Den Vertretern von Regierung und Parteien fällt es dementsprechend schwer, sich in diesem allgemeinen Hick-Hack differenziert zu äußern. So ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur noch mal betonen, dass sie Mesut Özil sehr schätze und dass er jetzt eine Entscheidung getroffen habe, „die zu respektieren ist“. Der Begriff Rassismus sei zu stark, bewertete SPD-Chefin Andrea Nahles die Kritik von Özil. „Aber das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, insbesondere wenn es einmal schlecht läuft und schnell nach Sündenböcken gesucht wird, droht auf viele Migranten auf und neben dem Fußballplatz überzugehen“, sagte Nahles. „Da müssen wir gegenhalten – für ein offenes, tolerantes Land, in dem Rassismus geächtet wird.“

Eher beschwichtigend und versöhnlich reagierte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Für ihn gibt es in der Affäre nicht den einen Hauptschuldigen. Rückschlüsse vom Fall Özil auf den Stand der Integration in Deutschland möchte er nicht ziehen. „Ich glaube (...) nicht, dass der Fall eines in England lebenden und arbeitenden Multimillionärs Auskunft gibt über die Integrationsfähigkeit in Deutschland“, sagte Maas scharf. (mit dpa, sid)