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Stein für Stein zum Türmchen

Schloss Lauterbach verfiel fast 30 Jahre – bis ein paar Mutige Stopp sagten. Heute wird darin wieder gefeiert und musiziert. Randi Friese erklärt ihre Taktik der kleinen Schritte.

Von Thomas Schade

Roland Schwenke steht im Gartensaal und sagt: „Hier fühl ich mich wie im Wohnzimmer.“ Tatsächlich ist seine gute Stube in einer Plattenbauwohnung in Dresden. Aber anders als daheim, hängen hier mehr Bilder von ihm – im kleinen Barockschloss Lauterbach, ziemlich in der Mitte zwischen Großenhain, Radeburg und Moritzburg.

Roland Schwenke im Gartensaal des Schlosses vor seinen Bildern.
Das ursprüngliche zweigeschossige Schloss Lauterbach um das Jahr 1850.
Der Gartensaal, wie ihn Gurlitt beschrieb, um 1930. Über dem Kamin das alte Bild der österreichischen Kaiserin.
Schloss Lauterbach 2006, nachdem es fast 30 Jahre leer gestanden hatte und Rumpelkammer der Gemeinde war.
Das Wappen der Familie von Palm, die 200 Jahre in Lauterbach lebte.

So ziert die Erzherzogin Maria Theresia, Kaiserin von Österreich-Ungarn das kleine Landschloss und ihr Gatte Franz I. Beide Bilder hat Schwenke lebensgroß in Öl gemalt. Zuvor hing das Kaiserpaar, gemalt vom Wiener Hofmaler Martin von Meytens, mehr als 150 Jahre lang über den Sandsteinkaminen des Gartensaales – bis die riesigen Bilder in den Wirren des Kriegsendes 1945 verschwanden.

Schwenke erschuf Maria Theresia neu, weil seine Tochter 2010 im Gartensaal von Schloss Lauterbach heiraten wollte. „Sie planten zum Glück langfristig, so blieb mir Zeit für das Bild“, erzählt der 64-Jährige und schildert, wie nackt die Wände des größten Saales in dem Gebäude damals noch waren. Als er im Juli 2010 seine Tochter über die Freitreppe ins Schloss geführt habe, sei das ein unvergesslicher Augenblick gewesen. Damals verliebte er sich in das Schlösschen, von dem er nie zuvor gehört hatte. Seither malt und malt Schwenke für Lauterbach. Betritt man heute den Gartensaal, so ziert eine Ahnengalerie die Wände. 17 Bilder sind es schon.

Dass ausgerechnet das habsburgische Kaiserpaar lebensgroß in der sächsischen Provinz verewigt ist, hat mit der Familie zu tun, die das Anwesen am Längsten bewohnte – ein Zweig der Familie von Palm, die im 18. Jahrhundert vom Neckar nach Sachsen kam und über sechs Generationen Lauterbach beherrschte. Die Palms, so sagt Randi Friese, seien Bankiers und Hofjuweliere im Dienste der Habsburger am Wiener Hof gewesen. Durch ihr Geschick sorgten sie für das finanzielle Wohlergehen des Kaiserpaares und kamen selbst zu Reichtum und zum Adelstitel.

Lauterbach sei schon in slawischer Zeit besiedelt gewesen, weiß die ehemalige Polizistin, die heute zu den guten Geistern des Schlosses gehört. Mitte des 14. Jahrhunderts tauche der Ort urkundlich auf – als „forwerg in der Mark Meissen am Bindebach gelegen“. Mitte des 17. Jahrhunderts erwarb ein Vorfahre des früheren Generalinspekteurs der Bundeswehr, Hans Peter von Kirchbach, das Rittergut. In jener Zeit sei dann das erste Herrenhaus erbaut worden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand ein neues Wohngebäude im Stile des Rokokos. Zwei Geschosse, neun Fenster in jeder Etage, ein Mansardendach, kleine Gauben.

Das war zu klein, als Leopold Carl Freiherr von Palm 1745 die Ära seiner Familie in Lauterbach begründete. Er baute das Rokokohäuschen zum Schloss aus, bekrönte das Gebäude mit einem turmartigen Dachreiter samt Wetterfahne und Turmuhr. Daneben ragten Schornsteine aus dem First. 1865 erweiterten die Palms ihr Schloss um ein zweites Obergeschoss. Auf den alten Bruchsteinbau wurden nun Ziegel gemauert. Das Dach wurde flacher. First und Turm behielten die ursprüngliche Höhe.

Das Innere war eher schlicht. Einfacher Stuck zierte die Decken. Bildtapeten, in Öl auf Flachs gemalt, bedeckten große Teile der Wände im Erdgeschoss. Zu sehen waren dekorative Landschaften, Schäferszenen – gefasst in Rokokorahmen. „Recht geschickt und als einheitlicher stilvoller Wandschmuck von vornehmer Wirkung“, resümierte der Kunsthistoriker Cornelius Gurlitt, nachdem er 1914 auf einer Inspektion der Bau- und Kunstdenkmäler des Königreiches Sachsen in Lauterbach war.

Als Gurlitt Schloss Lauterbach beschrieb, war das Ende der Ära Palm schon angebrochen. Herbert Palms Witwe lebte allein in dem Anwesen. Mit einem „herzlichen Lebewohl“ in der Zeitung verabschiedete sie sich am 30. Oktober 1930 von den Einwohnern. Palms verkauften Schloss und Park für angeblich eine Million Reichsmark an den Dresdner Rechtsanwalt und Wirtschaftspolitiker Walter Woldemar Wilhelm, der von 1926 bis 1933 im sächsischen Landtag saß und 1927 ein halbes Jahr lang Wirtschaftsminister war. Er baute eine Dampfheizung und eine Warmwasseranlage ein, ließ aber 1931 das Türmchen auf dem Dach demontieren, weil es baufällig war. Bei den Einwohnern sei er recht beliebt gewesen, sagt Randi Friese und bezieht sich auf Zeitzeugen.

Vielleicht blieben deshalb die traumatischen Ereignisse der ersten Maitage 1945 vielen in Erinnerung. Damals marschierte die Rote Armee ein. Wilhelms Frau Elfriede und Sohn Helmut wurden aus dem Schloss geholt und nach Prora auf Rügen deportiert und später enteignet. Dem Hausherren erging es noch schlimmer. Er wurde am 7. Mai 1945 frühmorgens im Schloss festgenommen, verhört und danach auf einen Lkw verladen. Er gilt seither als verschollen. Es gibt Vermutungen, dass er im Moritzburger Wald exekutiert wurde.

Unmittelbar danach richtete die Rote Armee im Schloss ihre Kommandantur ein, das Rittergut wurde Lebensmittellager für die Soldaten. Bald liefen die Schweine durch den Schlosspark. Bauern mussten die Lebensmittel nach Dresden karren. 1949 lösten schlesische Umsiedler die Rote Armee im Schloss ab. Später wurde es Ferienlager, Berufsschule und Wohnheim. 1963 zog die polytechnische Oberschule im Schloss ein. Wo mal die Kaiserin an der Wand hing, schauten fortan Ulbricht und Honecker in den Speisesaal. Als die Schule zu klein wurde, habe man 1982 die Karl- Marx-Oberschule in Sichtweite hinterm Schloss errichtet. Das alte Herrenhaus stand bald leer und wurde zur Rumpelkammer der Gemeinde. Nach 1990 sollte das Anwesen verkauft werden. „Aber es kamen nur Spinner“, soll Bürgermeisterin Margot Fehrmann später gesagt haben.

So bot das Schloss nach 23 Jahren einen eher ärmlichen Anblick. Windböen hatten Teile vom Dach abgerissen. Es regnete durch, bis in die obere Etage. Holzbalken litten. Instandsetzung fand nicht statt. „Das Gebäude war eigentlich dem Verfall preisgegeben. Bis zu jener Einwohnerversammlung im November 2005“, sagt Randi Friese. Dann reißt es doch weg, sollen einige gesagt haben, aber die langjährige Bürgermeisterin Fehrmann verkündete: „Was andere für uns machen sollen, können wir auch selbst tun“. Das sei der Impuls gewesen, einen Förderverein zu gründen.

Hermann Schaar, Chef einer kleinen Renovierungsfirma und seine Frau Sabine, die Schulsekretärin, seien danach von Haustür zu Haustür gegangen, redeten mit den Leuten, erzählt Randi Friese. „Auch er wollte das Schloss nicht aufgeben.“

Schaar macht am Telefon den Eindruck eines Mannes, der lieber zupackt, als redet. Schon nach fünf Minuten kommt er ins Schimpfen und moniert, dass alles viel zu langsam vorangehe am Schloss. Diplomatie scheint sein Ding nicht zu sein. Deshalb solle Randi Friese alles erzählen, sie sei schließlich auch von Anfang an dabei.

Der Mann vom Bau und die Ex-Polizistin gehören zu den 15 Einwohnern, die im März 2006 den Förderverein Schloss und Park Lauterbach ins Leben riefen. „Unser Ziel ist es, Schloss und Park zu retten und zum kulturellen Zentrum der Gemeinde zu machen“, sagt Friese. Der Weg dahin solle mit der „Taktik der kleinen Schritte“ gegangen werden. Der Verein wolle gemeinsam mit der Gemeinde ein Projekt nach dem anderen anpacken. „Für eine schnelle Sanierung reicht unsere Kraft nicht.“

Zuerst nahmen sich Gemeinde und Verein den viereinhalb Hektar großen verwilderten Park vor und gaben ihm den Charakter eines englischen Landschaftsgartens zurück. Heimische Eichen, Silberlinden und Hainbuchen wurden ebenso wieder zur Geltung gebracht wie die über zweihundert Jahre alten Platanen. „Wir haben die Wege rund um den Inselteich aufwendig saniert, teilweise neu angelegt und die Freitreppe vom Schoss in den Park neu gestaltet“, sagt Randi Friese. Nach einem halben Jahr, als der Verein zum ersten Konzert in den Gartensaal lud, konnten die Besucher sehen, dass sich was tut in Lauterbach.

Spätestens beim Dach habe der Verein gemerkt, dass kleine Schritte nicht reichen, sagt Frau Friese. Rund eine Viertelmillion Euro musste die Gemeinde aufbringen, um das Dach mit Schiefer zu decken, so wie es der Denkmalschutz wollte. Fast gleichzeitig erneuerten sie die Toiletten. „Das war Voraussetzung, um das Schloss zum Veranstaltungsort zu machen.“

Als der Maler Roland Schwenke seine Tochter im Sommer 2010 zur Hochzeit führte, betraten sie den Gartensaal schon über die neue Freitreppe. Aber von der alten Fassade bröckelte noch der Putz. Der konnte erst 2014 erneuert werden.

Die „Taktik der kleinen Schritte“ führte in zwölf Jahren dazu, dass das Schlossgebäude vor weiterem Verfall gesichert ist und das Erdgeschoss für Hochzeiten, Feiern und rund ein Dutzend Veranstaltungen im Jahr zur Verfügung steht. Die Räume des ersten und zweiten Obergeschosses warten noch darauf, saniert zu werden. In der ersten Etage sollen einmal das Standesamt und ein kleines Museum entstehen, sagt Frau Friese. Das sei aber alles noch Zukunftsmusik.

Potenzial ist vorhanden. So sammelt der Verein Zeitzeugenberichte über das Leben im Schloss, Bücher und alte Möbel. Die Idee eines Museums geht auf eine zufällige Begegnung im Jahr 2009 zurück. Damals spazierte Christiane Riedel aus Bad Essen durch den Park, um zu sehen, ob das Schloss ihrer Vorfahren noch stehe. „Es war eine Zeit, in der sich viel tat. Als sie sah, dass die Leute im Dorf das Schloss ihrer Ahnen erhalten, wollte sie auch etwas tun“, er zählt Randi Friese. „Seither betreibt Christiane Riedel intensiv Familienforschung, hält engen Kontakt zu Roland Schwenke. Der stellt sofort eine Leinwand auf seine Staffelei, sobald das Abbild eines bisher unbekannten von Palm auftaucht.

Zum 10-jährigen Bestehen entschloss sich der Verein, die Turmhaube wieder aufs Schlossdach zu setzen – aus eigener Kraft, ohne die Gemeinde. „Was das bedeutet, merken wir erst heute“, sagt Randi Friese. Sie konnte einen Leipziger Architekten, einen Freund aus Kindertagen, wie sie sagt, gewinnen. Er projektierte den Turmbau zu Lauterbach kostenlos und begleitet das Projekt fachlich. Erste Kalkulationen ergaben einen Finanzbedarf von 70 000 Euro. „Wir beantragten Fördermittel, die Hälfte des Geldes mussten wir selbst aufbringen“, erzählt Friese. „Als wir das Projekt ausschrieben, wollte keiner die Turmhaube bauen.“ Das einzige Angebot, das kam, lag bei 155 000 Euro. „Wir waren schockiert, mussten alles auf Eis legen und überlegen, ob es überhaupt realistisch war.“

Doch sie wollen den Turm unbedingt. „Der Architekt berechnete alles neu, wir beantragten die Förderung neu und hatten Glück“, erzählt Frau Friese. Denn statt mit 50 Prozent wird das Turm-Projekt nun mit 70 Prozent gefördert. Dennoch muss der Verein rund 50 000 Euro selbst aufbringen. „Da wird Geld einsammeln zur Tagesaufgabe, alte Pflastersteine werden an Spender verkauft und bleiben dennoch in der Schlossauffahrt liegen“, sagt Randi Friese und freut sich, dass das Schloss immer mehr Freunde findet. Sie hofft, dass es 2018 mit der Dachhaube sein historisches Aussehen wiedererlangt.

Die etwa 20 aktiven Vereinsmitglieder bräuchten solche Erfolgserlebnissen, sagt sie und fragt: „Wie soll man sich sonst immer wieder neu motivieren für die ehrenamtliche Arbeit?“ Wenn die Bürokratie dominiert und der Enthusiasmus schwindet, würden die Schritte immer kleiner, sagt sie. „Und irgendwann bleibt man stehen.“ Daran könne niemand Interesse haben.

Zum Tag des offenen Denkmals kann Schloss Lauterbach von 10 bis 18 Uhr besichtigt werden.